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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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Wir trauern selbst darüber nicht, daß wir gestrichen sind ans der Nationen Reihen, und von Selbstständigkeit als Volk also auch nicht ein Schatten uns geblieben ist. Wir sind nicht stumpf für diese hohen Güter; doch waren wir fast niemals solch eilt Volk, das sein Geschick vermochte zu bestimmen. Wohl biirfen wir mit Selbstgefühl bekennen: ob klein an Zahl und ungeübt in Waffen, verstand es Israel doch ab und zu den Angriff grimmer Feinde abzuwehren, und war selbst stark und Heldenmuthes voll, sobald es galt, das Heilige zu schützen: indeß hinaus hierüber waren wir stets schwach, ja meist ein Spielball der Nationen. Und nun, da eine neue Sonne scheint, sind wir so edlen Völkern einverleibt, wir schlagen herzhaft ihre Schlachten mit, wir nehmen gleichen Theil an ihren Siegen, wir ringen mit in ihren Geisteskämpfen, die rühmlicher als Schlachtenspiele sind; die Rennbahn jedes Fleißes ist uns offen, wir fühlen sicher uns und frei und wohl in treuer Obhut von Gesetz und Recht. Verschließet nicht der Wahrheit eure Ohren: wir haben bei dem Tausche nicht verloren. Hierin schon eingeschlossen liegt, daß wir auch nicht mehr, wie die heimathlosen Ahnen, um den Verlust von Palästina trauern, sowie schon längst nicht mehr dorthin uns sehnen, wie man uns anzudichten nicht ermüdet. Wohl ist noch immer uns der Boden heilig, auf welchem die Propheten wandelten und unsre Psalmendichter Lieder schufen, die heute noch durch ihren Duft bekunden das Heimathland der Palmen und der Myrtheu. Doch ist nicht minder heilig uns der Boden, darauf wir selbst das Licht der Welt erblickten und fröhlich unsre Knabenzeit verlebten, darauf die Jungfrau sich im Myrthenkranz uns traulich änschloß für den Lebeusbuud, darauf die Wiege unsrer Kinder stand, und der uns birgt der theuren Eltern Grab. Des Menscheil Herz ist weit genug für Beides, wir schwören mit dem Psalm, daß nimmer wir vom theuern Angedenken Zions lasseil, doch wollen wir mit gleicher Liebe au.b das neue, eiglle Heimathlaiid umfassen. Wemi aber alles das, ihr Brüder, was all unferm Geiste jetzt ist hingeglitten, die Trauer dieses Tages nicht erweckt: was ist es denn, worum wir doch noch trauern und heute schmerzerfüllte Weisen singen? Ich kann hiefür nichts Neues euch verkünden, ich will nur Worte leihen den Gefühlen, daß Jeder kenne auch, was ihn bewegt. Wir trauern heute, daß von Israel doch immer erst ein winzig kleiner Theil des neidenswerthen Looses theilhaft ist, das uns ist zttgefallen in den Landen, wo Fürst und Volk vereint den lichten Pfad des allgemeinen Bürgerglücks verfolgen, wo gleiches Recht entspricht den gleichen Pflichten, wo Duldung herrscht und Anerkennung, daß ein Bruder bleibt, auch wer auf eigenem, ererbtem Pfade treu den Vater sucht. Doch steht es so nicht überall, in weit den meisten Landen dieser Mutter Erde sind immer noch die Kinder Abrahams geknechtet und geächtet schonungslos. --384- Wie könnten wohl verstummen mif’re Klagen, wenn unsre Brüder dies noch müssen tragen? Wir trauern ferner, daß auch da sogar, wo Israel ein bessres Loos gefunden, noch immer gegen uns und unermüdlich sich so viel Vorurtheil und Scheelsucht regt. Uns schützet das Gesetz, und bei so Manchen wird auch schon Allerkemlüng uns zu Theil, wir räumen dies mit Dank und Rührung ein: doch ungleich mehr versagen sie uns gänzlich, bemäkeln unser bestes Thun und Wollen, und häufen spitze Sprüche wider uns. Wir würden das mit vielem Gleichmuth tragen, wenn blos die rohe Menge also thüte, die nichts t>on Menschenwürde weiß, und nicht, was Andern man, was man sich selber schulde. Uns aber thun das Gleiche au gar Viele, die zu den Hocherleuchteten im Volke sich selber' zählen und gezählt auch werden. Und die des Amtes walten, Liebe stets zu lehren, grade sie in erster Reihe erwecken Haß und Abgnust wider uns, noch jetzt in lichter Zeit, wie in der Nacht des alten Geisterdrucks: es sterben nur die Jlldeuhasser, nie der Judenhaß! Und was den Schmerz in unsrer Brust noch mehret, wir selber nicht allein erfahren dies, auch unser Glaube wird geschmähet und als Wahn geziehen jeder Seltsamkeit, obwohl zuerst doch dieser Glaube Licht und heil'ge Sitte hat der Welt gebracht, ein Licht, voll keinem spätem je verdunkelt, ein Sittlichkeitsgesetz, das niemals ward an Kraft, das Herz zu weihen, übertroffen; uiib was sie selbst, die Beides gröblich schmähen, iu Lehre und in Sitte Gutes haben, ist diesem Borne Israels elltquollen. Wir könuell nicht der Trauer uns entschlagen, so lange dieser Schmerz au uns wird nagen. Und weiter Iranern wir, weil unser Stamm zerschlagen ist in tausend kleinste Splitter und vielfach selbst zerrieben in Atome: das lag durchaus nicht mit in dem Verhünguiß voll Leides und voll Heiles auch, daß wir aus altem engen Vaterlande wurden hineingerissen in den Strom der Völker! es konnte dieses sich au dichten Gruppen nicht minder gut und segensreich vollziehen. Der Hochgewinn, im Geistestausch mit ihnen empfangend mitzutheilen. war nicht kleiner, als wir in größter Zahl beisammen wohnten am Nil das zweite Mal, am Euphrat dann, und ist auch jetzt nicht kleiner aller Orten, wo Großgemeindeir neue Ceutren wurden. Uns hat es namenloses Weh gebracht, und bringt es heute noch wie ehedem, daß wir so ohne Maß zersplittert sind; doch will ich nicht nur unsren trüben Blicken des Jammers vollen Umfang jetzt entrollen, nach zweien Seiten nur soll dies geschehen. Gedenket doch der Orte ohne Zahl, wohin ihr Lebensloos die Brüder trug, und daß in tausenden von diesen Orten noch Kind und Kindeskind der Hingelangten in so geringer Anzahl leben, daß sie unvermögend sind, ein Gotteshaus mit Allem, was den Geist erheben kann, auch unvermögend, ihrer Kinderschaar ein Schulhaus zu begründen, drin sie lernten Gott kennen und nach Väterbrauch verehren. Fürwahr, es muß ein fester Kern des Glaubens in unsres Stammes tiefstem Herzen liegen, daß groß und klein auch ohne solche Pflege, dem Bunde treugeblieben sind und bleiben. Und wo den Wenigen nicht ganz hierzu die Mittel finb versagt, da freilich wird gar bald beschafft ein Gotteshaus sammt Schule, denn, Dank dem Herrn, es ist von Israel die Opferwilligkeit noch nicht gewichen: doch nur das karge Maß des Nöthigsten ist ja auch dort dem Opfermuth vergönnt; das Schöne, das Gediegene, und was noch sonst die Seele packt, das Herz erschließt, weitaus der größte Theil von Israel muß ganz hierauf verzichten — schlimm an sich und schlimmer noch dadurch, daß sich nun gar von seinen Söhnen, seinen Töchtern Viele berechtigt glauben, schier sich abzuwenden von einem Heiligthum so ohne Reiz. — Und zweitens, welch ein volles Maß des Unheils hat Israels Zerstreuung ausgegossen nun gar im Schooße der Familien! man scheuet sich, es klärlich auszusprechen, weil es des Herzens zarteste Gefühle, weil es der Elternbrust geheimste Sorgen mit unerbittlich rauher Hand berührt. — Noch mehr des Leides, als ihr da vernommen, hat die Zerstreuung über uns gebracht; und weil ihr Ende garnicht abzusehen, muß unsre Trauer da nicht fortbestehen? Und noch nicht kann ich enden, aufzuzählen, was ferner uns hierzu noch immer zwingt. Denn wie einst David, als er ward geuöthigt. in fremdem Lande Sicherheit zu suchen, beweglich klagte, daß er wie yinausgestoßen sei zum Dienste fremder Götter: so leben wir, obschon nicht in der Fremde, doch überall bei Völkern andern Glaubens, . wo Alles, was des Volkes Leben regelt — Gesetze, Einrichtungen jeder Art, in Staat und Stadt, in Schulen wie auf Märkten, selbst seine Denk- und Sinnesart und Sitten, selbst seiner Lustbarkeiten Zeit und Art — mit unserm Glauben ist im Widerstreit, für die zur Qual, die fest an ihm noch halten, zum argen Fallstrick Allen, welche schwanken. Wir tadeln, und mit Recht, die Leichtigkeit, mit welcher Diese allem Brauch der Väter im Leben und Geschäft den Rücken kehren: doch würde dieser Abfall niemals wohl zu solchem Umfang angeschwollen sein, wenn die Versuchung nicht so nahe läge, daß Heldensinn allein sie kann bestehen. Von uns ist zwar der schwere Bann genommen doch unser Glaube ist noch in Verbannung. So lange denn, als diese Noth wird dauern, kann nicht sein Ende finden unser Trauern. Und endlich trauern wir um die von uns, die trotz so vielen Leids nid) t mit uns trauern, weil sie empor auf irgend einer Staffel gestiegen sind, berauscht von Gold die Einen, von kleinsten Ehren aufgeblähet Jene, und wieder Die von Wissensdünkel trunken, und so, wie oft! das Herz verloren haben für ihrer Stammgeuossen Wohl und Weh. Dies Alles, Brüder, fasset jetzt zusammen: euch sagt's, woher die Klagen Juda's stammen; ihr fragt nicht mehr, um was wir heute trauern. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. — Verantwortlich für die Redaktion Max Bauchwitz in Berlin. r

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