Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. Seite 383

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227910--48146-3270650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

383 schon in seinem Leben genäht? Was kann Bejle jetzt thun, denkt er weiter, sie bereitet gewiß viele gute Sachen zum Sabbath vor. — Der Sabbath ist doch ein herrlicher Tag, wie kann man da gut essen, schlafen und den lieben Gott loben! Plötzlich steht vor Judkas Augen seine Vergangenheit, der entzückende Sommer im Garten — er kommt aber mit seinen Gedanken nicht weit, denn wieder stört ihn diese plötzliche Mattigkeit; er muß einige Augenblicke schlafen — nur einige. Der Kopf des armen Mannes fällt auf die Brust, die ganze Gestalt beugt sich, unwillkürlich streckt er sich aus und verfällt in einen schweren Schlaf. Zwei Raben schweben unaufhörlich über ihm, sie fliegen weg, kehren wieder zurück mit einem furchtbaren Gekrächze. Sie wundern sich gewiß, daß der arme Jude hier auf dem einsamen Wege liegt und schläft; daß er nicht todt ist, wissen sie, die Raben verstehen sich ja darauf. Die Sonne neigt sich immer mehr dem Westen zu, auf dem schmutzigen Wege wird ein Wagen sichtbar. Nahe an dem kleinen Hügel bleibt er stehen, und wir erkennen in dem Besitzer des Wagens Herrn Anton, den Verwalter des benachbarten Gutes. „Bleib stehen," ruft er seinem Kutscher zu, „wer liegt denn da auf dem Boden?" „Ein Jude," lautet die kurze Antwort. „Ist er betrunken oder krank? sieh mal nach, vielleicht kann man ihm helfen und ihn nach Hause bringen." Im Nu war der Kutscher an dem kleinen Hügel. „Das ist ja der Lowsizer Schneider Judka," rief er seinem Herrn zu, er muß noch leben, denn er athmet noch und ist noch warm." „Judka, Judka," rief Herr Anton, „was ist mit Dir? steh doch auf, es wird ja bald Sabbath und Du mußt nach Hause." Wie von einen elektrischen Funken berührt, schnellte Judka auf, ohne recht zu wissen, wo er sich befände. „Schnell auf den Wagen, ich bringe Dich nach Lowstz." Taumelnd nahm Judka seinen Sack auf und näherte sich dem Verwalter mit einer Verbeugung, um mit Mühe auf den Wagen zu steigen. „Was ist mit Dir, Du siehst ja wie eine Leiche aus, fehlt Dir was, daß Du so am Wege liegen bliebst?" fragte ihn der Verwalter. „Ich fühle mich todtmüde, gnädiger Herr," antwortete mit schwacher Stimme Judka, „die ganze Woche habe ich gearbeitet, ohne eine einzige Nacht zu schlafen." „Warum thatest Du das? „O, lieber guter Herr, die Zeiten sind so schlecht und bei diesen vielen Kindern die Ausgaben so groß, daß, wenn man schläft, man nichts verdient; daran müssen wir denken, um das erbärmliche Leben zu fristen." Einige Stunden darauf saß Judka an einem sauber gedeckten Tische, die kleine Pelzmütze auf dem Kopf. Die jüngeren Kinder schliefen schon, die älteren saßen an seiner Seite. Frau Bejle, die in ihrer weißen Haube und dem neuen Kleide gar nicht übel aussah, vertheilte das ärmliche, aber redlich verdiente Sabbathmahl. Judkas Augen glänzten vor inniger Zufriedenheit, und wer jetzt den armen tiefgebeugten Mann sah, würde kaum glauben können, daß er, um vier Rubel zu verdienen, so viele Nächte gewacht hatte. Wie wunderschön erscheint ihm jetzt die Welt, wie dankt er dem Ewigen für den Sabbath, diesen herrlichen Ruhetag, welcher im Stande ist, dem armen gequälten Juden alles Leid zu vergelten und ihn auf einige Stunden sein großes Elend vergessen zu lassen! U Litterarische MittheUungen. ----- Die jüdische Bibliothek in Guildhall. Im Guildhall, wie das berühmte Nathhaus in der Londoner City genannt wird, befindet sich eine reichhaltige Bibliothek; daß dieselbe aber auch eine ansehnliche Sammlung Hebraica und Judaica umfaßt, dürfte den meisteil unserer Leser unbekannt sein. Den Grund zu dieser Sammlung legte Philipp Salomons, der im Jahre 1846 der Korporation der City 400 Bände hebräische Werke offerirte, welche sein Vater Levy Salomons gesammelt hatte; die City nahm dieses „munificente Geschenk" mit großem Danke an. Einen bedeutenden Zuwachs erhielt die Sauimlung durch Sir David Salomons, den Bruder Philipps, der der Guildhaü- Bibliothek im Jahre 1873 1000 Pfd. Sterl. zuwendete. Schon damals faßte das Bibliotheks-Komitee beit Beschluß, von den hebräischen und jüdischen Werken, welche im Laufe der Jahre durch Schenkungen der Herren Frederic D. Mocatta, E. H. Harris und der Frau Louisa Goldsmid, der Gattill des Sir Francis Goldsmid, noch vermehrt wurden, einen Katalog anfertigen zu lassen. Rev. A. Löwy, der gelehrte Prediger der West-London-Synagoge wurde mit dieser Arbeit betraut. Dieser Katalog liegt jetzt unter dem Titel: Catalogue of Hebraica and Judaica pi the Library, of the Corporation of the City of London. With a snbject Index by Ihe Rev. A. Löwy. Printed ander tim direction of the Library Committee. London 1891, in prachtvoller Ausstattung und musterhafter Ausführung vor. Manuskripte uttb seltene Druckschriften sucht man in dem Katalog vergebens; nichtsdestoweniger ist es eine sehr schätzbare Sammlung von rabbinischen und liturgischen Schriften, sowie von Werken über die jüdische Geschichte und Litteratur- Die Schriften M. Steinschneiders werden wohl nirgends vollständiger gefunden als im Guildhall. Wann werden in den Rathhäusern deutscher Städte jüdische Bibliotheken angelegt werden? Dr. Kg. Am was wir heute trauern. Zirm neunten Ab. Aus dem Nachlasse des Landesrabbiners Professor Dr. L. Herzfeld in Braunschweig. Wir trauern nicht darüber noch, daß einst das glanzerfüllte Heiligthum von Zivil durch rohe Kriegerhand in Asche sank: noch ehe in die Hallenpracht desselben der Feuerbrand mit Hohn geschleudert wurde, hast Du, der allezeit schon vor dem Schlage bereit den Balsam hält zu seiner Heilung, im Umkreis selber des zum Untergange bestimmten Tempels — längst die Synagoge erstehen lassen, uns ihn zu ersetzen, und durch Gehalt zu überstrahlen noch. Wohin der Glaubensbrüder Fuß sie trug, und jetzt sie trägt, bis in die fernsten Zonen: sie eilten stets, sie eilen heute noch. sich einen neuell Mittelpunkt zu gründen, darill des alten Gottes Lob erklingt, und auf zu ihm sich unsre Andacht schwingt. Auch trällern wir schon längst nicht mehr darum, daß der Daviden Thron ist umgestürzt: mit seinen Fürsten hatte Israel fast niemals Glück, ihm sollte sich bewähren der alte Spruch, daß Gott sein König sei. Auch haben stets von seinen Königell, aus Davids Stamm wie jedes andren Ursprungs, die wenigsten ein warmes Herz gehabt für Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen, für Heil unb Unheil des uns Heiligen, ein Vorbild fast der Großen jeder Sphäre, die jemals aus dem Schooße Israels hervorgegangen sind: viel Neid, viel Leid ' ward unserm Stamm voll ihnen angesacht, .sehr selten, daß sie Segen uns gebracht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.