Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wie kann man so habgierig sein, Judka, noch sitzest Du und arbeitest," sagte sie. „Das Elend macht leider habgierig, ich habe keine Mühe gespart, der Rock ist fertig und einen schöneren hat gewiß der Herr Graf Wilczki nicht; besehen Sie sich dies Prachtstück, gnädige Frau." Frau Onufri besah Alles genau, sie hätte zwar Vieles zu tadeln, das Ganze sah aber ganz gut aus. Sie sah auch den Juden an, seine eingefallenen rothen Augen und sein blasses Gesicht erweckten in ihrer Brust Mitleid. „Vielleicht kann ich Dir etwas zu essen geben, Judka? Du siehst ja erbärmlich aus," sagte sie gütig. „Gott lohn's Ihnen, gnädige Frau, aber was kann ich bei Ihnen essen, was mir erlaubt wäre? Die Hausfrau nickte zustimmend. . „Glaube bleibt Glaube," sagte sie, „man muß immer seiner Religion treu bleiben." Bei diesen Worten füllte sie ein kleines Gläschen mit Schnaps und stellte es vor ihn auf den Tisch. „Trink, Judka, das ist Dir doch erlaubt." Das zweite Gläschen und die Wärme des Zimmers wirkten auf ihn wohlthuend. Judka erheiterte sich, auf seinem Gesicht zeigte sich eine Röthe, er verfiel sogar in gute Laune und scherzte, als er auf den Schultern des Herrn Onufri die praktische Seite seiner Kunst zeigte. „Nicht wahr, wie schön das sitzt," rief er glückstrahlend aus, „mag der „Petersburger" so ein Meisterstück machen; der gnädige Herr sieht aus, als wenn er zur Hochzeit reisen wollte. Habe ich das halbe Maß Kartoffel nicht redlich verdient?" „Das sollst Du auch bekommen, Dienstag schicke ich Dir das Holz und den versprochenen Vorrath für Deine Frau, jetzt kannst Du Dir so viel Kartoffeln nehmen, wie viel Du tragen kannst." Eine Stunde nachher prangte Herr Onufri in seinem neuen Anzug; die gut genährten Pferde führten das Ehepaar zur Messe nach der Stadt. Der arme Jude ging zu Fuß nach Hause. Auf den Schultern trug er den schweren Sack Kartoffeln, in welchen er noch die beiden Plätteisen hineingelegt hatte. Der Weg war naß und schmutzig, die Luft schwer und neblig. Um nach der Stadt zu gelangen, mußte Judka zwei gute Meilen gehen und sich sehr beeilen, denn es war Freitag und vor Abend mußte er zu Hause sein. Judka stützt sich auf die lange hölzerne Elle und geht anfangs rasch, — vielleicht trifft er einen bekannten Bauer, der ihn auf seinem Wagen mitnehmen wird, denkt er, ihn kennt ja die ganze Gegend. Leicht zu gehen war es nicht auf diesem von Gräben und Hügeln unterbrochenen Weg — ihn trieb der große Schatz, den seine Schultern trugen. Er hatte eine so schöne Woche — so viel hat er verdient! Eine Fuhre Holz, viele, sehr viele gute Sachen für seine Speisekammer, und das viele Geld in seiner Tasche! Mit einem solchen Reichthum muß man sich nach Hause beeilen! Er ging und träumte. Alle seine Träume konzentrirten sich anfänglich auf die große Summe, die seine Tasche faßte. Er berechnete, wie viel das Hotz und die andern ihm versprochenen Gegenstände werth seien, er fühlte kaum, in seine Gedanken versunken, daß er zu rasch ging, daß sein Gesicht zu glühen begann und die Brust heftig arbeitete. Unwillkürlich fing er an langsamer zu gehen, bis er endlich stehen blieb und sich seiner Last entledigte. Er nahm eine Prise und sah sich um, ob nicht ein Wagen sichtbar wäre. So weit das Auge reichen konnte, war der Weg leer, auf der andern Seite sah man zwar mehrere Wagen, auch einen „lahmen" Bettler mit der Krücke in der Hand, der lustig singend dahinging, aber alle die Wagen und der Bettler eilten zur Messe. Das Elend, dachte Judka, ist doch ein schlechtes Geschäft und der Hunger eine Ruthe, die hart schlägt — ach, so hart! Das Pferd, das einen Wagen zieht, führt zwar eine größere Last, dafür bekommt es aber frisches Heu. Für eine so schwere Zeit wie jetzt macht das Pferd gar kein schlechtes Geschäft, dem Flickschneider geht es viel schlimmer. Warum geht es ihm schlimmer alsdem Pferde? Das Pferd braucht nur Heu, hat keine Frau und acht Kinder zu ernähren, keine Töchter zu verheirathen und keinen Sabbath zu halten. Bei diesen Gedanken erschrickt Judka. Pfui, was ist denn mit ihm los? Das Pferd ist ja nur ein Thier, und er Judka, der erste Lowsizer Schneidermeister, soll sich mit einem Pferde vergleichen? Das Pferd ist dumm, und er hat fünf Jahre bei dem großen Rabbi Josua gelernt. Das Pferd wird nach dem Tode den Hunden und Raben vorgeworfen, ihm wird seine Familie einen schönen Grabstein stellen, Nein! ein Mensch soll das Pferd nicht beneiden! Zumal er, Judka, der diese Woche so viel, verdient hat! Noch eine Weile ruhte er, dann nahm er den Sack wieder auf die Schultern und ging weiter, obwohl ihn die Füße kaum tragen konnten. Er fühlt sich matt, Alles wirbelt um ihn her lind scheint wie in Nebel gehüllt, er geht zwar weiter, aber immer langsamer, er fängt an zu taumeln wie ein Betrunkener. Das ist nur die Mattigkeit, sagt er sich, es muß gleich vorüber gehen. Wie viel mal hat er schon ein ähnliches Gefühl empfunden, das kommt nur vom vielen Wachen. Er fühlt zwar heftige Kopfschmerzen, es rieselt kalt durch seine Glieder, das ist aber nicht von Bedeutung. Vielleicht sieht er doch noch einen Wagen, mit dem er mitkommen könnte. Er schaut sich um, sieht aber leider nichts, es kommt ihm vor, als ob er sich nicht näherte, sondern vom Dorfe entfernte. Der Sack ist so schwer; hat man ihm anstatt Kartoffeln Steine hineingelegt? Doch, es sind Kartoffeln, o, wie drücken sie seine Schultern, weshalb sind sie jetzt so schwer, anfangs kamen sie ihm viel leichter vor. Das ist nur deshalb, weil er schläfrig ist, so viele Nächte hat er gewacht. Die Augen fallen ihm schwer zu, die Füße versagen ihm den Gehorsam, er muß ausruhen; ja, nur einen Augenblick, das kann ja nichts schaden. Zu seinem Glück steht er an einem Hügel, dürres verwelktes Gras bedeckt die kleine Höhe, ein reizender Ruheplatz! Judka setzt sich erschöpft nieder, legt den Sack behutsam an eine Seite. Zeit hat er ja noch genug. Der Nebel entfernt sich ein wenig, und am bewölkten Himmel zeigt sich auf einen Augenblick die Sonne, ein Zeichen, daß es noch früh ist; bis zum Sonnenuntergang kann man noch gewiß nach Hause kommen. Warum hat der liebe Gott dem Menschen so schwache Füße gegeben, die gleich ermüden, denkt Judka; vielleicht deshalb, weil er dem Menschen so viel Verstand gegeben hat, — ja, gewiß nur deshalb! Nicht alle Menschen haben solche schwachen Füße, z. B. Hillel, der Faktor, rennt den ganzen Tag herum, macht Geschäfte und wird nicht müde. Dafür kann er aber nicht so einen Rock machen und nicht so viele Nächte durchwachen, wie er. Es muß schon jeder Mensch seine Bestimmung haben, er ist auch mit der seinen zufrieden. — Wie viel Anzüge hat er eigentlich