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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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WWW8MWW W M^WWWWWWWWWWW 381 gefunden, welche Richtung beinahe ganz buchstäblich stimmt. Mir scheint jedoch, daß die Verheißung des Propheten nicht blos geographisch richtig ist, sondern auch überhaupt in Erfüllung gehen wird, sobald nur einmal die Komiteemeyerei und ihre kopflose Vielköpfigkeit bankerott gemacht haben wird. Gl FEUILLETON Ber Flickschneider. Aus dem Polnischen von Eleonore Birnbaum. (Schluß.) Jüdke verbrachte die ganze Zeit in seiner Werkstätte, Bejle theilte die Stunden zwischen der Wiege, Küche und dem Markt, auf welchem sie kleine Geschäfte machte. Das muß man ihnen zugestehen, daß Beide die Treue nicht gebrochen haben. Nie entstand in Judka der Gedanke, eine andere Frau anzusehen, oder in Bojle, einem anderen Manne einen Blick zuzuwerfen! — Wozu? sie hatten ja nicht einmal für sich einen Blick. Zu seinen Eltern kam Judka aber als liberaler Mann zurück; er trug den Rock viel kürzer als die Andern, hatte oft gewichste Stiefel, und über seiner Thür prangte ein Schild mit polnischer Inschrift: „Judka, Warschauer Schneidermeister". Warum er sich eigentlich Warschauer Schneidermeister nannte, werde ich gleich erklären. Das war keine Lüge, einen Theil seiner Schneiderkunst hat er zwar indirekt, aber doch in Warschau gelernt. Judka vervollständigte seine Kunst bei seinem Schwiegervater Samuel Goldwafser, dieser lernte bei Hirsch Fein in Biala, Hirsch bei Jankel Piekny in Siedlez, Jankel bei Abraham Gclbfisch, dem ersten Schneider in Lublin, Abraham Gelbfisch bei Baruch Wlodawer in Pragaft, Baruch Wlodawer endlich praktizirte bei Chaim Tabaksblum, dem berühmten Schneider, der in Warschau außer der Werkstätte noch einen Laden besaß. Niemand könnte daher bezweifeln, daß ein Strahl dieser Kunst auch auf Judka fiel, und daß er ein Recht hatte, sich „Warschauer" zu nennen, uni so mehr, da er ein Mode-Journal von 1846 besaß, welches man in dem verstaubten Fensterrahmen bewundern konnte. Die Mitgift und seine Kundschaft brachten jedoch Judka kein Glück. Sein Vater starb, er selbst war eine Zeitlang krank — dabei acht Kinder, und die großen Ausgaben während der Krankheit hatten sein Kapital sehr mitgenommen. Judka fing an vorzeitig grau zu werden und hustete immer yeftiger. Nur einen glücklichen Augenblick hatte er in seinem Leben, nämlich als er einen Obstgarten gepachtet hatte. Was war das für eine Wonne. Er nähte in einer Strohhütte, in frischer Luft; jeden Sonntag fuhr er nach der Stadt mit Birnen , Aepfeln und Pflaumen. Was war das für ein glückliches Leben! Boile kochte die schönsten Suppen aus überreife» Aepfeln, welche der Wind heruntergeworfen, es gab Schnittlauch, junge Kartoffeln und Rettig! Das Leben war ein Paradies! Diese Zeit wird er nie vergessen, wie heiler war er, wie sang er jeden Sonnabend, als der Tag sich zu Ende neigte und am ') Vorstadt von Warschau. Himmel Millionen Sterne sich zeigten! Mit zitternder Stimme, die Augen gen Himmel gewendet, sang er vom glücklichen Leben, schönen Gärten, wundervollen Blumen, entzückendem Vogelgesang, von Palmen und Myrthen! Ein reizendes Lied von Frühling und Liebe! Er verstand zwar wenig den Gehalt des Liedes, aber sein eigenes glückliches Leben begeisterte ihn. Judkas Glück dauerte freilich nur kurze Zeit. Das Geschäft ging nicht, sehr viele Früchte waren verdorben, noch mehr wurden ihm gestohlen, dabei bezahlte man Alles so schlecht. Für die Dauer war das kein Geschäft. Er mußte sein kleines Vermögen als Mitgift den beiden älteren Töchtern geben, die mit ihren Männern bei ihm wohnten. Dann kam noch, daß ein zweiter Schneider sich in derselben Stadt niederließ. Er nannte sich der „Petersburger Schneider", weil er eine längere Zeit in Petersburg als Soldat gedient hatte. Er brachte frische Journale und neue Moden mit, so daß Judkas Schaufenster neben dem des Petersburgers erblaßte. Diese Konkurrenz war für den armen Judka unheilvoll, mehrere Kunden gingen zu dem neuen Schneider über, und Judka mußte in die Dörfer wandern, um bei armen Edelleuten oder Bauern Arbeit zu finden. Wir treffen ihn eben bei einer Arbeit, die er seit einigen Tagen bei Herrn Onufri gefunden hat. Er arbeitet emsig, er fertigt für Frau Onufri einen Mantel, für Fräulein Brigitta eine Jacke an, er hat schon viel Sachen ausgebeffert, und nun muß er noch diese Nacht wachen, um bis Morgen für Herrn Onufri einen Ueberzieher zu bauen. Für diese riesige Arbeit soll er eine Fuhre Holz, etwas Vorrath für seine Wirthschaft und vier Rubel bekommen. „Hörst Du, Judka," sagte Herr Onufri zu ihm. „ich bezahle Dir ehrlich, vergiß also nicht, daß ich den Ueberzieher zu Freitag haben muß." „Das ist unmöglich, gnädiger Herr," entschuldigte sich der arme Mann, „ich habe während der ganzen Woche nicht eine einzige Nacht geschlafen!" „Warum hast Du Dir keinen Gehilfen mitgebracht?" „Bei diesem geringen Verdienste! Was bliebe mir übrig, wenn ich noch die Hälfte weggeben müßte?" „Das ist mir einerlei; thue, was Du willst, ich muß bis Freitag den Rock haben, weil ich mit meiner Frau nach der Stadt zur Messe fahren will." „Nu, ich werde mir alle mögliche Mühe geben, gnädiger Herr, dafür werden Sie mir aber gütigst ein Maß Kartoffeln für meine Kinder schenken. Ich bitte Sie sehr darum, die Zeiten sind jetzt so schlecht." „Gut, Du bekommst so viel wie Du tragen kannst, aber vorwärts, spute Dich, ich habe mit meinem Nachbar gesprochen, auch bei ihm wirst Du nächstens Arbeit bekommen." Die letzte Mittheilung spornte Judka an; auch noch die fünfte Nacht will er sitzen, dafür bekommt er ja Kartoffeln für seine Kinder und frische Arbeit beim Nachbar. Alle Kräfte raffte er zusammen und nähte. Als sich aber am Himmel die Morgenröthe zeigte und er die Aermel cinsetzen wollte, fühlte er plötzlich jenes bekannte Uebel. Zuerst flimmerten vor seinen Augen rothe Funken, dann wieder dunkle — schwarze. Hastig griff er nach dem kleinen Fläschchen, dem Brod und der Zwiebel. — Er fühlte sich stärker, nähte weiter, wenig darauf achtend, daß es schon heller Tag war. Brigitta hat ihr Lager verlassen, um zum Frühstück Feuer auf dem Herde zu machen, auch die Hausfrau war schon munter.

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