Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
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380 zogen wurde; sodann darf nicht übersehen werden, daß eine große Volksmasse, die in einer gewiß auch damals nicht unbewohnten Gegend angesiedelt wurde, gar bald nach allen nur möglichen Richtungen ausstrahlte, insbesondere dorthin, wo sie den Umstrickungen ihrer Peiniger sich entzogen glauben konnte. In der Bibel wird nun berichtet, daß die gefangen wcggeführten Kinder Israels in folgenden Gegenden angesiedelt wurden: in Halah oder Chalach, in Habür dem Flusse Güzans und in den Städten Medicns. Nach 1. Chr. V, 26 ist von Chalach, Chabür und dem Berglande und dem Flusse Güzaus die Rede, und werden als weggeführte Stämme blos Rüben, Gnd und halb Manasse genannt. Gleichviel, wo die ersten drei dieser Gegenden anzusetzen sind'), was wir übrigens in einem nächsten Artikel versuchen werden, so steht doch über allem Zweifel fest, was wir unter Medien zu verstehen haben, und das genügt vorläufig für unfern Zweck. Hauptstadt Mediens war bekanntlich Egbatana (Ehmatana, hebräisch ahmathä, heute Hamadhän). Bon Medien konnten die Gefangenen vornehmlich nur in die Kaukasusländer und noch nördlicher und in die Uferländer des Kaspisee's entweichen, von wo aus der Weg um das Asow'sche beziehungsweise kaspische Meer herum nach dem östlichen Europa bis Polen und Lilhauen förmlich vorgezeichnet war. Hauptsächlich dürfte auf dieser Wanderung der Handel die Wege gewiesen haben. Welch schwunghafter Handel mit allerlei Artikeln auch noch in der arabischen Khalifcnzeit zwischen den damals noch nicht christlichen Gegenden des heutigen europäischen Rußlands und den angrenzenden Ländern Preußens und Oesterreichs einerseits und den asiatischen Ländern des Islams anderseits stattgefunden hat, kann man am besten aus der sehr lesenswerthen Schrift des Dr. Georg Jacob: „Welche Handelsartikel bezogen die Araber des Mittelalters aus den nordischbaltischen Ländern?" (Berlin 1891) ersehen. Dieser Handel wird gewiß in derselben Weise auch schon in der assyrischen Zeit bestanden haben, und nichts ist natürlicher, als daß damals die in der Gefangenschaft lebenden Israeliten dieselbe Vermittlerrolle spielten, wie später die Araber und andere Mohammedaner. In diesen Ländern nun waren die Israeliten dem Machlbereich der Afsyrer und der auf diese gefolgten Nationen immer mehr und mehr entrückt und geriethen bei ihren Brüdern vom jüdischen Reiche, welche ja nach Babylonien und später in die römischen Mittelmeerländer, also in theilweise entgegengesetzte Richtungen verschleppt wurden, allmülig, aber sicher erst in den späteren Jahrhunderten, in Vergessenheit. Zeitweise gewannen die Israeliten, die gewiß im Laufe der Jahrhunderte viel Zuzug aus Palästina und später wohl auch aus Babylonien, also jiidischerseits, erhielten, sogar, wie beispielshalber im Chazarenreiche, politischen Einfluß. Es kann nicht bezweifelt werden, daß die Juden zur Zeit des babylonischen Exils und wohl noch lange nachher, wie die angeführten Bibelstellen be- ') Ist die jetzt sherrschende Ansicht richtig, daß Güzan zwischen Dijnrbekr, Mosnl und den armenischen Gebirgen oder gar noch etwas westlicher (zwischen Euphrat und Tigris) liege und daß Chabür identisch sei mit dem Chaburstusse, dann dürfte auch Chalach unschwer zu finden sein.'.Es müßte nämlich^identisch sein mit dem Kalchu der assyrischen Inschriften, d. i. der Südstadt von Ninive, hebräisch (Genes. X, 11, 12) N^2--s.Da gerade die den Ansiedelnngsrayon der Israeliten betreffenden Stellen, wie ein Vergleich von 2. Kön. Kap. 17, 18 und 19 mit 1. Chr. V, 26 und mit der LXX beweist, verderbt zu sein scheinen, so ist die Verschreibung von nSs zu nSn sehr wahrscheinlich. Ist aber Chalach so lokalifirt, dann befinden wir uns mit allen die Gefangenschaft betreffenden Orts-Angaben in der Gegend^ östlich vom ober» Tigris gegen den Südrand des kaspischen Meeres hin, also gerade in der richtigen Gegend, von welcher ein Entweichen längs der Ufer des Kaspisees möglich war. weisen, sehr gut wußten, wo das Gros ihrer Stammesbrüder von Israel lebte, nämlich in den Ländern nördlich von Medien. Auch später scheinen noch ununterbrochene Beziehungen zwischen beiden Theilen stattgefunden zu haben; aber der zeitweilige Druck, unter dem die Kinder Jakobs lebten, ließen sie an das Aufzeichnen ihrer Geschichte vergessen, wie wir das ja leider bei fast allen Judenniederlassuugen, bei den europäischen so gut, wie bei den außereuropäischen, im Laufe des ersten Jahrtausends der christlichen Zeitrechnung zu beklagen haben. Bei keiner jüdischen Familie oder Gemeinde in oder außer Europa existirt ein historisches Buch, eine Aufzeichnung aus alter Zeit, die uns einen Einblick gestatten würde über das Wie und das Wann der Einwanderung. Nur hie und da wirft ein Grabstein etwas mattes Licht in das Dunkel der Vergangenheit, in Prag und Worms so gut, wie in Aden und San'ü. Nur die Angehörigen des Reiches Juda scheinen in Babylonien und später von Griechen und Römern den Werth von nationalen Aufzeichnungen kennen gelernt zu haben; aber auch sie hat später der historische Sinn wieder verlassen. Also meine Ansicht geht dahin, daß die osteuropäischen Israeliten, d. h. die russischen, deutschen und österreichischen, das Gros der Nachkommen der eigentlichen Kinder Israels sind. Es wäre ja auch auffällig und unerklärlich, warum gerade die meisten Kinder Jakobs in ehemals nicht römischen Ländern Europas leben sollten. Stammten sie alle vom Reiche Juda, dann müßte ihr Gros in den römischen Mittelmeerländern und nicht im entferntesten Norden existiren. Man wende nicht ein, daß sich religiöse oder ceremonielle Unterschiede zeigen müßten. In religiöser Hinsicht sind die Angehörigen des Reiches Juda maßgebend geworden. Von ihnen haben die anderen alles noch Fehlende im Laufe der Zeiten entlehnt, ohne daß wir über das Wie und das Wann aufgeklärt wären. Völlig isolirt waren weder die Israeliten noch die Juden; davor wurden sie schon durch ihre Handelsthätigkeit geschützt. Man wende auch nicht ein, die Israeliten könnten vielleicht in anderen Völkern spurlos aufgegangen sein. Dagegen spricht der ganze Charakter des Stammes. Es soll aber deshalb nicht behauptet werde», daß nickt hier und da israelitisches Blut sich mit medischem oder benachbartem verbunden habe. Im Gegentheil! So oft ich einen Armenier, einen Kurden oder einen Tscherkeffen sah, insbesondere aber bei den Armeniern, hatte ich den Eindruck, als stände ein'Stück Judenthum vor mir. Man darf aber aus diesem somatischen Moment nicht zu viel erschließen wollen; denn alle diese vorderasiatischen Volksstämme, ja theilweise auch die Griechen, haben einen mehr oder weniger jüdisch-semitischen Gesichtsausdruck und ähneln dem Juden viel mehr als der für echt semitisch geltende Bewohner des eigentlichen Arabien. Das heißt eben, daß in grauer Vorzeit alle Völker des nordwestlichen Vorderasiens, also auch die Juden, Einem Stamnie entsprossen sein dürften. — Auch die Sprache der Israeliten kann nicht gegen meine Behauptung verwendet werden; denn es wird Niemand ernstlich behaupten wollen, das sogenannte Jüdischdeutsch beweise etwa, daß die Israeliten von Deutschland nach Rußland und nicht umgekehrt gekommen sein müßten. Der Jargon ist gewiß nicht älter als das heilige^, römische Reich deutscher Nation. Damals vertraten die deutschen Stämme die Civilisation in Europa. Mit ihnen aber hatten die im Osten wohnenden Juden geschäftlich zu thun und nahmen allmälig ihre Sprache an, die sie dann auch in der östlichen Heimath beibehielten. So viel über die Israeliten Europas. Wie wir sehen, hat der Prophet wenigstens geographisch Recht, wenn er die Verheißung ausspricht, daß die Kinder Israels in erster Linie aus dem Lande des Nordens werden zurückgeführt werden in das Land ihrer Väter. Wir haben das Gros der Kinder Israels thatsächlich im Norden