Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. Seite 379

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227910--48142-3270646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

' BPfPPSS 379 Judenthum anhaftet, kann hier noch nicht ausgerottet sein. Allein die jüdische Intelligenz, verbunden mit der russischen Kraft und Bildungsfähigkeit, wird siegen über alle jüdischen Unarten, die den Nachkommen dieser Mischlinge noch im Blute stecken würden — und die späteren russisch-jüdischen Generationen werden jenes Volk bilden, welches die Welt zu beherrschen bestimmt ist . . ." Dieser Widerspruch zeigt am besten, auf welchen Füßen die Anschauungen Pobedonoszew stehen oder richtiger — schwanken. Was Pobedonoszew ist, vcrräth seine äußere Erscheinung nicht. Eine Schilderung von Samson Himmelstjerna in dem kürzlich (bei Duncker und Humblot in Leipzig) erschienenen hochinteressanten Buch über Rußland unter Alexander III. zeichnet Konstantin Petrowitsch als einen mageren alten Herrn mit spitzer Nase, mit scharfen von Brillengläsern geschützten Augen, mit feiner, von spärlichen grauen Haaren^ eingefaßter Stirn und einem klugen, glattrasirten Gesicht, so daß man ihn auf den ersten Blick für einen preußischen Geheimrath oder für einen Gelehrten halten könnte. - Den Eindruck einer politisch hochbedeutenden Persönlichkeit macht er aber keinesfalls. Im buchstäblichen Sinn lebt Konstantin Petrowitsch ausschließlich seinem Amte als Oberprokureur des heiligen Synods, was er seit elf Jahren ist. Der Vorsitzende des heiligen Synods ist nicht blos eine kirchliche Persönlichkeit, wie oft angenommen wird, sondern ein selbstständiger Minister, etwa „Kultusminister für die Staatskirche". Als Vertreter des Kaisers mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, ist der Oberprokureur des heiligen Synods das einzige weltliche Mitglied dieser aus den Metropoliten von Nowgorod-Petersburg, von Moskau-Kolomna und von Kijew und aus neun zeitweise berufenen Bischöfen und Obergeistlichen bestehenden höchsten Kirchenbehörde des Reiches. Kein Beschluß derselben tritt ohne vorgängige Zustimmung des Oberprokureurs in Kraft, der in wichtigen Fällen die Entscheidung des Kaisers einholt und unmittelbar an denselben berichtet. Unter seiner Aufsicht und Leitung stehen die kirchlichen Lehranstalten (Akademien und Seminarien) orthodoxen Bekenntnisies; direkt von ihm ressortiren die Kanzleien der Eparochialkonsistorien. Er ist Mitglied des Ministerkomitees und des Reichsrathes, steht den Ministern im Range gleich und muß in jeder das Interesse der Staatskirche mittelbar oder unmittelbar berührenden Angelegenheit vorgängig gehört werden. Die Wichtigkeit dieses von Peter dem Großen geschaffenen Amtes ist zu allen Zeiten eine bedeutende gewesen, am bedeutendsten ist sie aber unter dem jetzigen Regime geworden. Als einstiger Lehrer des gegenwärtigen Zaren besitzt er dessen ganzes Vertrauen, das er dazu gebraucht, um sein Vaterland vollständig von der „westlichen" Kultur zu entfernen und Rußland in die halbasiatische Barbarei zurückzuschleudern. Dabei dient ihm seine persönliche hohe Bildung — er ist als Jurist und Rechtsgelehrter heraufgekommen und als solcher früher Lehrer Alexanders III. geworden — nur als Aufputz seiner gerade gegen die Bildung gerichteten brutalen Kämpfe und Wühlereien. Mit ruhiger pedantischer kalter Strenge unter Zuhilfenahme einer juristischen Sophistik, die den Schein der Gewaltthätigkeit nach Möglichkeit vermeidet und dabei Jnterpretationskünste spielen läßt, die den urtheilslosen russischen Maffen und der gesinnungslosen Presse wohl imponiren, vollführt er seine Heldenthaten. Sein Werk sind die Verfolgungen der Katholiken und der Unirten in Polen, Kleinrußland und Litauen; sein Werk ist die Aufhebung der Ordre vom Jahre 1864, durch welche Alexander II. die Konfession der in den baltischen Ländern aus gemischten Ehen Entsprossenen freigegeben hatte; sein Werk ist die unerhörte Bedrückung der Juden und Protestanten; sein Werk ist der moralische und materielle Ruin, welcher Tausende und Abertausende im heiligen Rußland bedroht. Dabei ist er so ehrlich, so fromm, führt er immer Gott und die Barmherzigkeit im Munde, und oft ist er Einsiedler in besonders heiligen Klöstern, um frommen Uebungen und tieffinniger Andacht sich widmen zu können. So ist Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew, Oberprokureur des heiligen Synods, Minister im Lande der Willkür, der russische Torquemada. U Nie verloren geglaubten zehn Stämme Israels. Von Dr. Eduard Glaser. Im 16. Kapitel Jeremiä steht die Verheißung: „Darum siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, in der man nicht mehr sagen wird: So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels aus Aegypterland geführt hat, sondern: So wahr der Herr lebt, der die Kinder Israels geführt hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Ländern, dahin er sie verstoßen hatte, denn ich will sie wiederbringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe." Ganz ähnlich lauten die Stellen Jeremiä XXIII, 7 ff. und XXXI, 7, ebenso wie einzelne Stellen in Jesaias und in Ezechiel. Fast in allen diesen Stellen spielt das Nordland eine Rolle, und geioiffermaßen nur nebenbei ist in Bezug auf die Vertriebenen auch „von allen anderen Ländern" oder von „den Enden der Erde" die Rede. Wir können daraus schließen, daß schon zur Zeit der genannten Propheten die Kinder Israels nach den verschiedensten Himmelsrichtungen zerstreut lebten, daß aber das Gros derselben in nördlichen Ländern wohnte. Es verlohnt sich der Mühe, diesen sehr werthvollen Fingerzeigen nachzugehen und auch an der Hand der übrigen Jndicien zu untersuchen, ob wir wirklich berechtigt sind, die zehn Stämme als völlig verschollen zu betrachten. Vielleicht entdecken wir, daß die Brille, die wir so emsig suchen, auf unserer eigenen Nase sitzt. Zunächst möchte ich auf einen Paffus in Jeremias verweisen, der uns klar erkennen läßt, wo das Nordland zu suchen ist. Im Kapitel 25 reicht Jeremias allen Völkern der Erde der Reihe nach den Zornesbecher. Er beginnt mit Jerusalem und Juda, geht dann über auf Aegypten, das Westland (vielleicht richtiger: das nördliche Araberland), 'Us, das Philisterland, Edom und Nachbarschaft, Phönizien, west- und centralarabische Länder (Dedan, Taimü, Büz, die Wüsten in Arabien), wendet sich hierauf nach Zimri, Elam (beiläufig dem heutigen Persien entsprechend), Medien und schließt unmittelbar an das letztere Land alle Reiche des Nordens an, die nahen und die fernen. Aus diesem Passus geht klar hervor, daß unter den Nordländern die Länder nördlich von Medien und was an diese östlich und westlich grenzte, verstanden wurden, also im Allgemeinen der Kaukasus und die daran grenzenden Gegenden. Da die Affyrer die Gepflogenheit hatten, die Kriegsgefangenen möglichst an der Peripherie des mächtigen Reiches anzusiedeln, so könnte man so weit nördliche Gegenden vielleicht für ausgeschlossen halten, weil man geneigt sein könnte, anzunehmen, die assyrische Macht habe nicht so weit nach Norden gereicht. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß erstens einmal der Machtbereich des Affyrerthums nach Norden ebenso wenig zuverlässig festgestellt ist, wie noch kürzlich nach Süden zu, in welch letzterer Beziehung ich nachzuweisen in der Lage war, daß ein großer Theil der arabischen Halbinsel allen Ansichten der Aflyriologen entgegen seitens der Affyrer mit Krieg über-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.