Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
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378 alten Volkskalendcrs der Bibelspruch, welcher durch lange Jahre hindurch denselben geschmückt, gestrichen. Denn dieser Bibelspruch hieß: „Der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht." Das Vorgehen der Panslavisten hatte solche unglaubliche Lächerlichkeiten ^zahlreich im Gefolge. Wie köstlich ist, um nur ein Beispiel von Hunderten anzuführen, dieses Stückchen: In unwirthlicher Gegend des östlichen Estlands liegen ein paar kleine Dörfer mit ausnahmslos evangelisch-lutherischer Bevölkerung. Längst hatte man beabsichtigt, hier eine Kirche zu erbauen, in welcher die Alten und Gebrechlichen, die nicht nach den entfernt liegenden Bethäusern wandern konnten, das Abendmahl empfangen sollten. Endlich nahm man den Bau in Angriff. Die Gutsherren lieferten das Material und die Bauern übernahmen die Anfuhr und leisteten Arbeitstage zu dem auf dem Kuremägi oder „Kranichsberg" begonnenen Bau des Gotteshauses. Kaum erfuhren die Panslavisten davon, so machten sie plötzlich die Entdeckung, daß der Kuremägi eigentlich Püchtiz heiße und ein orthodoxes Heiligthum sei. Bor Zeiten, so erklärten sie, hat sich dort die Mutter Gottes häufig gezeigt; dort ist ein vom Himmel gefallenes wunderthätiges Bild gefunden worden; dort fließt eine heilige wunderthätige Quelle. . . Und Dank der Bermittlung Pobedonoszews wurde der Bau der lutherischen Kirche untersagt und in der Nowoje Wremja und den andern panslavistischen Blättern erhob sich wieder ein großes Gejammer über die Unterdrückung der Orthodoxie in den baltischen Provinzen, daß sich auf dem Boden russischen Heiligthums und „inmitten einer ausnahmslos orthodoxen russischen Bevölkerung" ein evangelisches Gotteshaus „von gewaltigen Dimensionen" erheben konnte. Die estnische Gemeinde sandte zwar in ihrer Noth einige Männer nach Petersburg, um höheren Ortes die Freigebung des Bethausbaues zu erwirken. Allein diese wirklich estnischen Abgeordneten wurden bei ihrer Ankunft in Petersburg am Bahnhof von Gendarmen erwartet, verhaftet, in Arrestantenkleider gesteckt und per Schub nach Hause zurückbefördert. Und auf dem Kranichsberge erstand kurz darauf eine prachtvolle russische Kathedrale, wo alljährlich am 14. und 15. August unter Entfaltung großartigen Pompes, unter Betheiligung der höchsten Administratoren des Gouvernements und besonderer Abgesandter des heiligen Synods und des Zaren ein großes orthodoxes Kirchenfest abgehalten wird. Zu demselben ladet man wohlweislich auch das umwohnende lutherische Volk in warmen Worten ein, damit es vom Pomp und Weihrauch benebelt und bethört seinen Glauben verrathe und zur Orthodoxie übertrete. Aber nicht nur Pomp und Weihrauch sind die Mittel Pobedonoszews, um Seelen zu gewinnen. Auch der Schnaps spielt eine große Rolle, ja die größte. Die Agitatoren des Oberprokureurs des heiligen Synods ziehen von Schänke zu Schänke und zahlen den Leuten Getränke, so viel sie mögen, und wenn die so Gekaperten aus schwerem Rausch erwachen, sehen sie an ihrem Halse das orthodox-griechische Kreuz baumeln, zum Zeichen, daß sie während ihrer Bewußtlosigkeit zum „Kaiserglauben" bekehrt worden. Rach der Mittheilung eines vollkommen glaubwürdigen Zeugen, des estnischen lutherischen Pastors Lööralt (in seiner Schrift „Baltenhetze" bei Duncker und Humblot in Leipzig), wird den Bekehrten fast nie klargemacht, daß es sich um einen Bekenntnißwechsel handelt und welcher Unterschied zwischen beiden Religionen besteht, sondern man redet ihnen einfach ein, „den Kaiser- und Reichsglauben" anzunehmen, um der Vortheile theilhaftig zu werden, welche der Kaiser angeblich Allen schenken wird, „die sich zu ihm bekennen, die sich ihm opfern". Ausdrücklich wird betont, daß der Glaubenswcchsel an sich nichts bedeute. Selbst von äußeren Formen, welche die orthodoxe Kirche doch sonst stark hervorhebt, werden die Neubckehrten entstunden, so vom Fasten. „Ihr armen Leute hungert ja genug", sagen mit erheucheltem Gefühl die Popen. Die Popen! Wenn die Bekenner nur immer Popen wären. Oft aber sind, wie Lööralt in Bezug auf Estland wenigstens versichert, abgefeimte Schurken, in besseren Fällen gewöhnliche Handwerker, die kaum zu lesen und zu schreiben verstehen, diejenigen, welche Neubekehrungen vollziehen — im Namen Gottes, im Namen des Zaren, im Namen des heiligen Synods!!... Dennoch machte sich Pobedonoszew kein Gewissen, auf die Frage des Zaren, ob denn die Bekehrten für den orthodoxen Glauben gehörig vorbereitet werden, gegen besseres Wissen zu antworten: Jeder, der zum griechischen Bekenntniß bekehrt werd, erhält durch sechs Monate Unterricht in allen orthodoxen Glaubenslehren, hat dann eine dreitägige öffentliche Prüfung zu bestehen, und hierauf erst nimmt man ihn in den Schooß der griechischen Kirche auf.... Noch köstlicher aber ist, daß Pobedonoszew jüngst einen Erlaß veranlaßte, demzufolge keine Juden getauft werden sollten, welche dies wegen der materiellen Existenz thun. Und doch verlangt Pobedonoszew eine Kirche für Rußland, für die Welt, und doch versucht Pobedonoszew alle Mittel, um die Juden Rußlands entweder zu ruiniren oder griechisch orthodox zu machen. . . . Das ist Wahnsinn, aber keine Methode. Handelt Pobedonoszew so, wo er auf die protestantischen und katholischen Völker Europas lind auf die politischen Verhältnisse doch noch etwas Rücksicht nehmen muß, wie viel freier kann er aber seinem Fanatismus die Zügel schießen kaffen, wenn es sich um Juden, um vogelfreie Juden handelt. Da kennt er keine Schrankcn, da braucht er keine strafenden Gesetze zu fürchten, da geniren ihn keine politischen Rücksichten, kurz — da kann er sich einmal so recht nach Herzenslust auswüthen. Einst trat Pobedonoszew vor den Selbstbeherrscher aller Reußen mit der schlichten Frage: „Herr, willst Du, daß die russische Raffe, welche 50 Millionen zählt, bestehe und herrsche, oder soll den 4 Millionen Juden die Führerrolle in unserem Lande zufallen?" Natürlich entschied sich der Zar für die russische Raffe. Da entgegncte Konstantin Petrowitsch: „Dann, Majestät, vertreibe die Juden. Denn die Juden sind ein Volk von Parasiten. Sie zehren am Mark unseres geliebten großen russischen Volkes, sie verderben unsere einfachen Sitten, sie ruiniren unseren Wohlstand." Und der Zar lobte den weisen Oberprokureur des heiligen Synods für seinen Eifer und seine Wachsamkeit über das Wohl des russischen Volkes und gab ihm unbeschränkte Vollmacht, zu thun nach seinem Herzen, seinem Gewissen und Verstand. Ist Pobedonoszew wirklich von der Schlechtigkeit der jüdischen Raffe überzeugt oder nicht — ihre Vertilgung aber betreibt er auf alle mögliche Weise. Er will die Alleinherrschaft der Orthodoxie, neben welcher keine andere Religion, zum wenigsten aber die jüdische bestehen darf. Ganz im Widerspruch zu allen seinen sonstigen Reden und Handlungen steht es, wenn er einmal in Bezug auf die Juden auch eine friedliche Lösung in Aussicht nahm — allerdings eine friedliche Lösung nach seiner Idee — eine Lösung ohne Feuer und Blut — eine Lösung durch die Taufe. „Alle Juden sollen, sich einfach taufen," sagte er, „sie sollen orthodox werden, und ich bin überzeugt, daß dies zu ihrem und auch zu unserem Vortheil sein wird. Die Juden sollen sich taufen und mit dem russischen Volk vermischen. Die Juden sind ein Volk von höchster Intelligenz, die Ruffen haben Kraft und Bildungsfähigkeit. Wohl werden die ersten Generationen, welche aus dieser Mischung entstehen werden, noch nicht recht taugen. Das Schlechte, das dem