Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
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377 Und wie der Engel, der vor Bileam Das Wort des Fluches wandelte in Segen, Vermochten sie's, oft fluchbeladnem Gram Ein Segenswort nocl) in den Mund zu legen. So tief kein Abgrund nnd so wild kein Schrecken, Den sie mit ihren Rosen nicht verdecken, Und wär's kein Wahn, daß einst im Paradies, Aus dem des Weibes Sünde uns verstieß, Das Menschenvolk von Neuem sich darf sonnen, Des Weibes Tugend hätt's zurückgewonnen. So ward den Frauen eine heil'ge Sendung; Wenn Manche sich in thörichter Verblendung Dem Geisteskampf des Mannes zugereiht, So mahne sie der Jammer dieser Zeit, Daß Eins für sie nur zu erringeil bliebe: Das Ziel der thatbereiten Menschenliebe. Lorm ist Jmde geblieben, wie weit die Ergebnisse seines philosophischen Denkeyß ihn auch von dem Boden der ererbten religiösen Weltanschauung entfernt haben mochten; so darf das Judenthum auf ihn stolz sein und ihm zu seinem Jubeltage nach einem arbeits- und entbehrungsreichen Leben einen heitern und beglückten Lebensabend wünschen. 9 Der russische Torquemada. Von Bernhard Stern. Die Weltgeschichte wiederholt sich. Was vor gerade vier Jahrhliiidertcii in Spanien geschehen, geschieht heute in Rußland. Was Ferdinand de Torquemada in Spanien war, das ist im heiligen Zarenreich Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew. Während aber der Dominikanermönch in den 17 Jahren seines schrecklichen Regiments (1481 bis 1498) blos 8000 Menschen lebendig verbrennen ließ und andere 90,000 an de» Bettelstab brachte, kann sich der Oberprokureur des heiligen Synods weit größerer „Thaten" rühmen. Nach Zehntansenden zählen die Unglücklichen, die seinem blinden Fanatismus zum Opfer fallen, nach Zehntausenden die Armen und Elenden, welche von ihm vertrieben, rastlos von Ort zu Ort wandern, um endlich doch nur dem Hungertode, der Berkommenheit preisgcgeben zu sein. Konstantin Petrowitsch gewährt selbst die Gnade des Feuertodes nicht. Er martert die Leute langsam zu Tode, denn er will Alles, was nicht orthodox, griechisch-orthodox ist, vom Wcltboden vertilgt sehen. Die Mittel sind gleich, Lug itnb Trug, falsche Zeugen, falsche Berichte an den Zaren — Alles wird versucht. Es giebt Nichts, und sei es noch so sonnenrein, das er nicht zu entstellen wüßte. Das Köstlichste aber sind die Fälschungen der Geschichte. Nur an Einiges brauche ich hier 311 erinnern. So behauptet Pobedonoszew, daß Rußland ergewesen, welches Europa vor dem Eindrang der Mongolen bewahrt habe. Das ist gar zu großartig. Als ob nicht jedes Kind wüßte, daß die Wahlstatt von Liegnitz, der Berg Holstein bei Olmütz nnd all die anderen Orte, wo die Mongolen aufs Haupt geschlagen wurden, nicht in Rußland liegen? Selbst die nationalsten Russen haben nie solche Behauptungen aufzustellen gewagt. Im Gegentheil zeigt selbst die russische Geschichte, daß die Russen nur mit wenigen Ausnahmen den Mongolen Widerstand zu leisten gewagt. Feigheit und Berrath herrschten im Lande der Russen, als die Mongolen einbrachen. Nie hielt Rußland „in Erfüllung einer göttlichen Mission die Wacht zwischen zwei Welttheilen". Selbst der große russische Denker Tschadajew sieht sich zu dem Geständniß gezwungen: „Wir gehören zu den Nationen, welche keinen nothwendigen Theil der Menschheit zu bilden scheinen, welche nur da sind, damit die Welt sich an ihnen eine große abschreckende Lehre nehme . . ." Diese „Mission" hätte Pobedonoszew richtiger meinen sollen! Auch mit historischen Daten nimmt es Konstantin Petrowitsch nicht ganz genau. Einmal sagte er: „Gleichzeitig mit dem Katholizisnius lernte Rußland leider auch das Lutherthum in der Person der ehemaligen lievländischen Ritter als von ebensolchen weltlichen Bestrebungen beseelt kennen, nachdem diese Ritter ihm den Weg zur Ostsee versperrt hatten." Gleichzeitig, gleichzeitig!! Rußland kannte den Katholizismus schon im Jahre 1054 und früher — als das Lutherthum noch lange nicht existirte. Und das nennt Konstantin Petrowitsch — gleichzeitig! . . . Aehnliche Waffen führt Pobedonoszew immer in seinen Kämpfen gegen Katholiken, Protestanten und Jtiden, gegen Civilisation und Gesittung ins Feld! Ein estnisches, evangelisch-lutherisches Sonntagsblatt halte in seiner geistlichen Anrede an die Gemeinde geschrieben: „O Herr, reinige wieder dein Haus. Wo es zur Mördergrube geworden ist, da mache es wieder zum Tempel, gicb gnädig, daß in unserem Lande und in der ganzen Welt dein Wort klar und rein gelehrt und gehört werde!" Wer kann aus diesen Worten Haß gegen Andersgläubige heraustifteln? Das vermochten nur die russischen Regierungsapostel, das vermochten nur die Panslavisten, die krampfhaft nach Vorwänden suchten, lim über die lutherischen Eschen herzufallen. Mit Heller Entrüstung erklärten sie, die citirten Worte bewiesen am besten, „daß die Prediger der evangelisch-lutherischen Kirche in den baltischen Provinzen mittelalterliche Unduldsamkeit gegen die griechische Kirche hegten", und kamen zum Schluffe, es wäre die höchste Zeit, mit diesen Predigern aufzuräumen. Und ihre Weherufe fanden Widerhall in den russischen Blättern, und besonders die Mitarbeiter der „Nowoje Wremja" tauchtenihre Federn in Gift und Galle und schrieben breit und lang von dem „schweren Kampf", welchen die Orthodoxie in Estland zu bestehen hätte, und riefen Himmel und Erde, den Kaiser und — Pobedonoszew um Schutz und Hilfe an. Und Pobedonoszew war schnell bereit und mit Genehmigung des Zaren leitete er sofort eine Agitation zur Rettung d.r in Estland so „himmelschreiend bedrückten und bedrohten Orthodoxie" ein. Das Merkwürdigste aber war, daß plötzlich eine aus dem estnischen Volke selbsterstandene Abordnung in Petersburg erschien und um die Gnade vollständiger Russifizirung und um den heiligen Glauben ,bat. Allerdings durfte man diesen „estnischen" Abgeordneten nicht zu tief ins Herz schauen. Einer dieser Herren war ein bestrafter Dieb, ein anderer wurde später wegen Brandstiftung nach Sibirien verschickt. Diese beiden Ehrenmänner waren estnischer Nationalität, die anderen alles eher, nur nicht Esten. Alle „Abgeordneten" aber hatten gemeinsam, daß sie weder im Auftrag des estnischen Volkes noch aus ehrlicher persönlicher Ueberzeugung, sondern blos als Söldlinge der panslavistischen Partei handelten. Das genirte die Regierung nicht im Geringsten. Man nahm die Leute als eine „estnische" Gesandtschaft gläubig und ehrenvoll auf und versprach sofortige Erfüllung der „estnischen Wünsche." Popenmissionen gingen nach Estland und begannen dort eine Popenwirthschaft. Sie vertheilten Flugschriften, welche im Namen des Zaren die Esten aufforderten, die Deutschen zu verderben und sich den „russischen Befreiern" anzuvertrauen, in Tausenden von Exemplaren unentgeltlich unter das Volk. Die estnischen Bücher und Schriften, und noch mehr die deutschen, verfielen jedoch einer willkürlichen Censur. Das Lied „Eine feste Burg ist unser Gott" wurde wie ein Revolutionslied verpönt und verfolgt und von dem Titelblatt eines