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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-08-07 · Heft 32 (7.8.1891) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 32 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 welche auf dieser oder jener Seite die großen konfessionellen Fragen in den Bereich des Romans ziehen. Im Jahre 1856 verheiratete sich Lorm. Eine glückliche Häuslichkeit und eine ideale Auffassung seines Berufes tragen gleichmäßig dazu bei, ihm die Härte seines Lebensloses weniger fühlbar zu machen. Vermittelst einer höchst sinnreich von ihm erfundenen Zeichensprache weiß er sich leichter und vollkommener zu verständigen, als man vermuthen sollte. In seiner ältesten Tochter besitzt er einen unermüdlichen Führer durchs Leben und einen treuen Genossen beim Schaffen, einen wahren Schatz von Liebenswürdigkeit, Schönheit und Herzensgüte. Eine Schwester Lorms ist die Wittwe Berthold Auerbachs. Im Jahre 1873 verließ er die Heimath und übersiedelte nach Dresden, wo er noch gegenwärtig in stiller Zurückgezogenheit ausschließlich seiner Familie und seinen Schöpfungen lebt. Mit seinen Gedichten, die 1870 in Hamburg erschienen, und mit seinen „Philosophisch-kritischen Streifzügen", die ihm das Ehrendiplom eines Doktors der Philosophie von Tübingen eintrugen, betrat Lorm erst sein eigentliches Gebiet. In seinen Gedichten verkündet er die Prosa der Resignation. „Die Eitelkeiten und die Lügen der Welt erfahren in bitteren Romanzen von Liebe und Treue unter den Menschen ihre Satire. Das alte salomonische „Alles ist eitel" ist kaum in neuerer Zeit ergreifender gesungen worden." Ein denkender Poet klopft hier an die Pforten der Ewigkeit, den Kern seiner Weltanschauung spricht er in dem Gedicht „Der Eremit" aus, waches mit dem Bekenntniß schließt: „Almansor spricht: Was ich gedacht, gewollt, Vergeh mit dieser Abendsonne Gold! Zufrieden ist der Baum mit seinem Blühen, Das Meer mit seiner Wogen hellem Sprühen, Der Demant wie der Stern mit seinem Schein; Das All in sich beglückt und ohne Klage Will auf der Menschheit schmerzentpreßte Frage Die unverstand'ne sel'ge Antwort sein. Mir sagt sie, Wunsch und Thränen hinzugeben, Ich könnt' das Glück nicbt nennen, nicht erstreben, Doch decke dieses Thales tiefe Ruh Die Seele mir mit seiner Stille zu. Ein Gletscher will ich steh'n, vom Lenz vergessen, Doch auch von keinen! Wintersturm gebeugt, Bis sterbend einst mein stilles Herz bezeugt, Ich habe nichts entbehrt und nichts besessen." Lorm ist als Dichter oft mit Leopardi verglichen worden, er ist ein Denker, der mit dem Herzen philosophirt. Die Summe seiner Weltanschauung und seiner Gedankenergebnisse hat er in seinen populärwissenschaftlichen Schriften niedergelegt. Seine „Geflügelten Stunden", „Der Naturgenuß", eine Philosophie der Jahreszeiten, „Der Abend zu Hause", „Märchen der Gegenwart", „Diogenes im Tintenfaß" und viele andere zeigen den Autor auf der Höhe seines Könnens; er ist ein philosophischer Feuilletonist, wie wir in Deutschland keinen Zweiten besitzen. Jeder Satz, den er schreibt, enthält einen wirklichen Gedanken, jedes Wort erscheint dem tiefinnersten Bedürfniß nach Mittheilung und Gestaltung entflossen zu sein, seine Bemerkungen sind tiefsinnig, eigenartig, seine Darstellung ist anmuthig und originell. Die Kritik der Gesellschaft, die Schilderung seelischer Empfindungen und psychologische Stimmungsgebilde ist sein eigentliches Feld, hierin ist er Meister. Aber er wendet sich doch an ein Publikum von auserlesener Bildung des Geistes und Herzens, so daß seine Gemeinde naturgemäß eine kleine ist und bleiben muß. „Hieronymus Lorm," sagt einer seiner Beurtheiler richtig, „wird nie populär werden; höchstens daß sein Name dereinst von der Masse des Volkes auf Kredit angenommen und mit jener unklaren Ehrfurcht ausgesprochen wird, welche die Menge beschleicht, wenn sie von Schopenhauer, Lichtenberg oder Plato sprechen hört." Hieronymus Lorm ist Jude, er ist oft für die Rechte seiner Glaubensgenossen eingetreten und hat während der antisemitischen Bewegung manch bitteres und kräftiges Wörtlein gesprochen. Wenig bekannt dürfte das schöne, vor etwa 40 Jahren in einem jüdischen Kalender erschienene Gedicht sein, das Lorm den jüdischen Frauen unserer Zeit gewidmet hat und das folgendermaßen lautet: Es geht durch diese Zeit ein banges Klagen, Das bald nach einer besseren Zukunft weint, Bald alles Erdenglück begraben meint Für ewig in der Vorwelt schönren Tagen. Denn heute flammt ein ungeheures Licht, Das durch den Moder falscher Tempel bricht, Gewaltige Gedankenschlachten schlagen Sich heiß und ernst um eines Bessern Spur, Die Zukunft soll im Schooß verschlossen tragen Das Heil der vielgequälten Kreatur. Der Himmel, frei von Wahngewölb, sei klar — Nur die das Dunkel lieben, stehn erschrocken, Sie läuten Sturm, sie schreien von Gefahr, Die Sonne grüßend mit den — Feuerglocken. Und auch dem Armen leuchtet's in die Hütte, Daß seinem Geist nach langer Finsterniß Die kühne Frage drohend sich entriß, Warum man Gift ihm in das Leben schütte; Daß er sein Elend schaut als riesengroß. Den Reichthum als gebenedeites Loos. Er murret ob der Macht, die's zugegeben, Daß ihm geraubt sein Antheil Lenz und Leben, Er grollt und späht nach Waffen rasch umher. Den Ford'rer — nicht den Bettler triffst Du mehr. Des Proletariers Hände krampfhaft faßten Der Erde Bau, der mit Zerrüttung droht, Durch alle Lande schleicht die bittre Noth, Verflucht wie Ahasver und darf nicht rasten. Jetzt gilt's des Denkers Wort, des Weisen Rath, Jetzt gilt's den Mann und seine Kraft erproben, Ob er, eh' sie an unsre Pforten toben, Nicht den Verzweifelnden mit Rettung naht. Allein, indeß der Mann auf weiten Bahnen Nach einem Glücke für die Menschheit ringt, Jst's in der Brust der Fran ein liebend Ahnen, Das schon dies Glück am Einzelnen vollbringt. Indeß sein Geist für Alle sucht das Heil, Ward's durch ihr Herz schon Wenigen zu Theil; Indeß er Balsam will für alle Wunden, Hat ihre Hand die nächsten schon verbunden; Indeß nach einem Freudenland er schifft, Bereitet sie dem Schmerz ein Gegengift. Er grollt den! Schicksal — sie versöhnt und kos't, Er will das Glück verleih'n — sie nur den Trost. Drum laßt die zarten, duftigen Gestalten In Hütten, Hospitälern, Kerkern walten, Erleichtern wird zumeist die reine Hand Ein hartes Kissen, ein schwer drückend Band. So ward den Frauen eine heil'ge Sendung, Die sie dem Gottesherzen nahe stellt, Nicht werden sie der höchsten Glückvollendung Entgegenführen die bedrängte Welt, Nicht wird's ein weiblicher Messias sein, Der Allen einst Paläste baut auf Erden, Doch legt ihr langes Wirken Stein auf Stein, Daß eine Herberg' soll der Armuth werden. Das Herz, das zum Verbrechen schon verwildert, Hat oft ihr Wort zur Frömmigkeit gemildert, Das Aug', das Elend nur und Mangel sah, Es leuchtete in Freude, wenn sie nah.

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