Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227910--48138-3270642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zukunft Heil und Sieg verkünden, wenden sich vom Volke ab und lachen einander an, verlachen ihre Götter, an die sie nicht mehr glauben können. Jene gefesselten Juden hingegen, welche dem Siegeswagen des triumphirenden Imperators folgen, welche wissen, daß sie für die Kampfspiele mit wilden Thieren aufbewahrt werden, sie schauen vertrauensvoll gen Himmel und verzweifeln nicht an der Zukunft Israels. — Romas Götter sind in Staub und Asche gesunken, das alte Rom von Barbarenhorden vernichtet, Juda aber bestehet und lebt unter den Völkem, es trotzt allen Stürmen der Zeit, sein Glaube ist unerschütterlich; seine Lehre, der siebenarmige Leuchter, der, hinausgetragen aus den engen Räumen des alten Heiligthums, den Völkern der ganzen Welt leuchtete und die Finsterniß des Heidenthums zerstreute, sie ist der Schaubrodtisch, welcher der gesammten Menschheit die geistige Nahrung wahrer Religiosität und geläuterter Sittlichkeit darbietet. Das besiegte Juda triumphirt über das siegende Rom — das stellt uns der Triumphbogen des Titus dar. Hieronymus Form. Von A. L. Wolf. Unter den Schriftstellern, welche das Judenthum der deutschen Litteratur in diesem Jahrhundert zugeführt hat, nimmt der Mann, dessen siebzigster Geburtstag»am 9. August dieses Jahres gefeiert werden wird, sicher eine eigenartige Stellung ein. Hieronymus Lorm ist ein pessimistischer Dichter; er selbst sträubt sich zwar gegen diese Bezeichnung, er nennt seine Philosophie einen „grundlosen Optimismus", aber sowohl in dieser, wie in jener Richtung dürfte es nicht schwer sein, seine philosophische Weltanschauung mit auf das jüdische Stammesgefühl zurückzuführen. Auch der jüdische Stamm huldigt keinem ausgesprochenen Optimismus, wie man allgemein glauben möchte, ja die Verfaffer der Bücher „Hiob" und „Koheleth" waren wohl die ältesten Pessimisten, und auch in der nachbiblischen mittelalterlichen Litteratur fehlt es nicht an Dichtern, deren Harfe pesiimistische Klänge begleiten. Jedaja Penini in seinem Werke „Leediimt Olam“ (Prüfung der Welt) ist nicht pesiimistischer als Hieronymus Lorm in seinen modernen Gedichten. Es ist dies Werk dem Gehalt nach die Schöpfung eines Dichters, deffen Weltgedanken sich den tiefsten Tönen pessimistischer Lyrik ebenbürtig erweisen. Jedaja Penini und Hieronymus Lorm, Beide schildern in ihren Gedichten die Nichtigkeit der Erdenwelt, die trostlose Vergänglichkeit alles Irdischen, die Räthsel der Menschennatur, das meerestiefe Leid des Weltlebens, aber auch die hehre Größe des Geistes und den Trost, der in Unvergänglichkeit liegt. Wenn Jedaja sagt: „Ein wildbrandendes Meer ist die Welt, weitreichend und grundlos, Eine Brücke die Zeit, schwebend darüber gebaut, Morsch ist die Brück' und wankend und nur an Säulen befestigt, Die schon vor dem Entsteh'» bestimmt waren zum Vergehen. Führt sie dahin, wo das unvergängliche Glück wohnt, Führt sie zum Anschaun hin dessen, der da thronet im Licht?" — so spricht sich in diesen Versen dieselbe zu einheitsvoller Abgeschlossenheit gereifte pessimistische Weltanschauung des Dichters aus, die Hieronymus Lorm in seiner „Betrachtung" zur vollendeten Gestalt erhoben hat. In dem Gesang der Sphären lauscht der Poet nur dem Trauerlied der Menschheit, die eine tiefe Sehnsucht empfindet nach der „Ruhe des Nichtseins". „So lang die Sterne kreisen Am Himmelszelt, Vernimmt manch' Ohr den leisen Gesang der Welt. Dem sel'gen Nichts entstiegen, Der ew'gen Ruh', Um ruhelos zu fliegen — Wozu? Wozu?" Hieronymus Lorm stammt aus einer alten jüdischen Familie zu Nikolsburg in Mähren. Sein eigentlicher Name ist Heinrich Landesmann, sein Geburtstag der 9. August des Jahres 1821. Die Lebensgeschichte Lorms ist eine lange Leidensgeschichte. Von frühester Kindheit an kränklich, wurde er nur durch die außerordentliche Sorgfalt einer liebenden Mutter am Leben erhalten. Die Aerzte verboten ihm den Schulbesuch, weil jede Anstrengung für die schwache Konstitution des Knaben verhängnißvoll werden konnte, späterhin durfte er aber doch einen Kursus am Polytechnikum in Wien wagen; aber auch hier ließ ihnl der Dämon der Krankheit keine Ruhe, eine plötzliche Lähmung beraubte ihn des Gebrauchs seiner Glieder,, und als ihm später die Kur in Teplitz diese verlorene Fähigkeit wiedergab, da warf sich das tückische llebel auf die Sinnesorgane, mit 15 Jahren war er völlig taub und halb blind. Unter diesen Umständen ist es geradezu wunderbar, daß Lorm, dessen Bildungsgang ein wesentlich autodidaktischcr war, sich zur Höhe einer solchen Geistesbildung emporschwingen konnte. Sein äußerlich so schwaches Auge durchflog mit einer räthselhaften Ausdauer Buch um Buch. Die Eltern und die Aerzte hatten ihm anfänglich jede Lektüre verboten, nachgerade aber erkannte man, daß der morsche Körper durch diese systematische Kräftigung des Geistes eine starke Widerstandsfähigkeit erlangt hat. Schon mit 16 Jahren veröffentlichte Lorm kleine Gedichte. Sechs Jahre später folgte sein Epos „Abdul", das ein hervorragendes, poetisches Talent bekundete. Lorm, deffen Eltern schon mit dem einjährigen Knaben nach Wien gezogen waren, betheiligte sich nun als Feuilletonist an den bedeutendsten Wiener Blättern; im Jahre 1846 trat er mit dem Werke: „Wiens poetische Federn und Schwingen" auf. Die politische Färbung dieser Skizzen nöthigte ihn, nach Berlin zu flüchten, aber der Einfluß der geistigen Sphäre Wiens auf seine früheren Schöpfungen ist doch ein unverkennbarer. Gustav Kühne formulirt diesen Einfluß in seiner eigenthümlichen Manier folgendermaßen: „Nur von der Donaustadt kann stammen, was nach Sitte, Art der Gewöhnung und Lebensauffassung, nach poetischem Gemüthsbedürfniß und morgenländischem Fatumsglauben am Menschen etwa hangen blieb, falls an Kindern des alten Testaments von der Scholle, die sie gebar, von der Tradition, die sie umgiebt, überhaupt etwas hangen bleibt gegenüber dem Zug und Drang ihres Stammes, den Stein der Weisen in unerbittlicher Geltendmachung langversagter Menschenrechte und kosmopolitisch absoluter Freiheit des Jchs zu suchen." In Berlin erlebte Lorm die großen Erschütterungen im Völkerleben, dort schrieb er die liebenswürdige: „Gräfenberger Aquarelle" und die Briefe aus seiner „Litterarischen Dachstube"; er wählte hierfür das Pseudonym „Hieronymus Lorm", und in der Wahl dieses Pseudonyms zeigt sich schon, wie einer seiner Biographen hervorhebt, die der Einsamkeit zugekehrte Natur des Poeten. Hieronymus war der erste Heilige, der über die Einsamkeit schrieb. Lorm aber heißt eine Gestalt in einem Roman von James, zu der sich Landesmann sympathisch hingezogen fühlte. Auf Kühnes Frage: „Warum Lorm?" äußerte er schalkhaft: „Biel Lorm um nichts." Im Jahre 1848 kehrte Lorm nach Wien zurück, woselbst er mehr als zwei Dezennien hindurch litterarisch thätig war. Es begann nun seine novellistische Epoche; die Erzählungen: „Am Kamin", „Wanderers Ruhebank", die Romane: „Späte Vergeltung", „Außerhalb der Gesellschaft", „Gabriel Solmar", „Der ehrliche Name", bekunden eine scharfeBeobachtung gewisser Weltverhältnisse, ein lebendiges Verständniß für problematische Charaktere und eine psychologische Feinheit in der Auffaffung und Darstellung derselben. In den beiden letzten Romanen hat Lorm übrigens jüdische Verhältniffe mit großer Sachkenntniß und mit einer Objektivität geschildert, die all denen zu wünschen wäre,