Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 --- Seit mehr als einem Jahrzehnt wird das deutsche Volk mit allen Mitteln der Lüge, Entstellung, Verleumdung und Uebertreibung gegen die Juden aufzuhetzen versucht. Mit der Börse hat man angefangen, dann kam die Prefle, hierauf folgten die Gerichte und Universitäten. Nun war der Agitation Thor und Thür geöffnet. Kein Amt, keine Institution blieb verschont; so ist es denn natürlich, daß ein excentrischer Geist schließlich dahin gelangen mußte, überall Juden zu sehen und jüdischen Einfluß zu wittern. Als vor einigen Jahren die Tragödie von Tisza-Eßlar aufgeführt wurde, da lächelte man in gebildeten Kreisen allgemein über das alberne Blutmärchen. Heute beschäftigen sich verschiedene Zeitungen ganz ernsthaft damit, und gelehrte Professoren müssen eingehende Untersuchungen darüber anstellen, daß dieses Blutmärchen schon vor Jahrtausenden gleichmäßig gegen Juden und Christen ersonnen wurde. Es ist leicht zu sagen, daß der Antisemitismus aus psychologischen Momenten, aus sozialen Bewegungen, aus wirthschaftlichen Erscheinungen abzuleiten und zu erklären sei, noch leichter, ihn einfach, wie der berühmte italienische Forscher Lombroso, für eine Gehirnkrankheit zu erklären. Viel wichtiger als die Untersuchungen darüber, woher der Antisemitismus gekommen, ist für uns in diesem Augenblick die Frage: Wohin führt derselbe? Nun denn, in Karl Paasch und seinem zweibändigen Buch haben wir ein abschreckendes Beispiel, wohin der Antisemitismus zu führen vermag. Die „Antisemitische Korrespondenz" erklärt, es sei ihr selten ein Mann von so ruhiger geistiger Nüchternheit und Schärfe des Urtheils vorgekommen, wie Paasch. Und dieser Mann wiederum erklärt als die einfachste und praktischste Lösung der Judenfrage die: „alle Juden ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht einfach todtzuschlagen!" Wären die Führer und Verführten in dieser Bewegung objektiv, ruhig, besonnen, ernsten Erwägungen zugänglich, so könnte man ihnen jetzt mit dem alten römischen Dichter zurufen: „Discite justitiam moniti et non .temnere divos“, „Die ihr gewarnt seid, lernt nun Recht thun und nicht mißachten die göttlichen Kräfte im Menschen." Freilich die Antisemiten gleichen jenen französischen Prätendenten, von denen man gesagt hat: sie haben nichts gelernt und nichts vergessen. Jedes Wort der Ermahnung, der Warnung, des Friedens ist nach dieser Seite hin vergeblich, in den Wind gesprochen. Aber die Antisemiten bilden ja doch, Gott sei Dank, nur einen kleinen Bruchtheil des deutschen Volkes, und dieses große deutsche Volk ist ein Volk des Friedens, der Humanität, es wird in seinem gesunden Sinn an diesen Symptomen, welche die Katastrophe des Antisemitismus nur beschleunigen können, nnt Staunen wahrnehmen, auf welche Abwege diese Richtung zu führen im Stande ist. U Aer Triumphbogen des Titus. Zum neunten Ab. Von A. Lewy in Berlin. Es sind nun grade achtzehnhundert Jahre her, seit auf Anordnung des römischen Senates dem Sieger im judäischen Kriege, wie dem Eroberer und Zerstörer Jerusalems zu Rom ein Triumphbogen errichtet worden ist. Auf der Höhe der Via sacra unweit dem Forum und dem Koloffeum gelegen, verkündet er urbi et orbi den Ruhm des Imperators, den seine Zeitgenosien „die Sonne des Menschengeschlechtes" nannten. Merkwürdig! Während sonst die altrömischen Bauwerke im Laufe der Jahrhunderte mehr oder weniger den Zahn der Zeit an sich verspürt haben und nur noch als Ruinen dastehen, ist dieses geschichtliche Denkmal in seinem hauptsächlichsten Theile, nämlich dem Innern, welches die berühmten bildlichen Darstellungen enthält, unversehrt geblieben; nur die äußere Form ist im Jahre 1823 durch Pius VII/ der ursprünglichen Anlage möglichst entsprechend wieder hergestellt worden. Unvergänglich und unzerstörbar, der Zerstörungswuth barbarischer Horden, wie den Angriffen der Alles vernichtenden Zeit trotzend, grade so wie das Volk, dessen endlichen Untergang und gänzliche Vernichtung er darstellen und verkünden sollte, erscheint er uns mehr wie ein Hohn auf menschliche Weisheit und menschliche Entwürfe, als wie ein Zeugniß der Feldherrngröße und der kriegerischen Tugenden des cäsarischen Roms. Nein! Dieser Triumphbogen ist ein Denkmal des Niederganges altrömischer Tapferkeit und Kriegskunst, ist in seiner Beständigkeit ein Zeichen der Vergänglichkeit menschlicher Größe und menschlichen Ruhmes. Das große weltgebietende Rom unternimmt einen Vernichtungskrieg gegen das kleine, durch innere Parteikämpfe geschwächte Juda und vermag es nicht zu überwinden. Drei Jahre lang dauert dieser ungleiche Kampf, ein Imperator löst den andern vor den Mauern Jerusalems ab, von den äußersten Grenzen des ungeheuren Weltreiches muß die mächtige Roma, die Gebieterin der Welt, Heere herbeirufen, um endlich das mehr durch Hunger und Seuchen, als durch das Schwert besiegte winzige Juda zu Boden zu werfen. Und das stolze Rom schämt sich nicht, den so theuer erkauften Sieg in diesem höchst ungleichen Kampfe durch ein glänzendes Denkmal mit Reliefs von höchstem künstlerischen Werthe zu feiern. Wahrlich, die Juden thun unrecht, wenn sie, wie es heute noch geschieht, dieses Denkmal scheu umgehen- und den Blick von den künstlerischen Darstellungen im Innern des Durchgangsbogens abwenden. Das eine dieser Reliefbilder zeigt den Kaiser Titus als Triumphator auf der Quadriga, deren Pferde Roma führt, wie er von der Siegesgöttin gekrönt wird; ihn umgeben zwölf Liktoren, einige Soldaten und mehrere Bürger im Friedensgewände. Das andere Relief, für uns, wie für den Alterthumsforscher das wichtigere, läßt den Zug der gefangenen Israeliten sehen, welche v'on römischen lorbeergekrönten Soldaten sammt der reichen Beute aus dem Tempel zu Jerusalem im Triumphe aufgeführt werden. Da sieht man in getreuer künstlerischer Nachbildung jene heiligen Geräthe, deren Pracht und Herrlichkeit einst unter den Völkern des Alterthums gerühmt wurden. Man erkennt deutlich den siebenarmigen goldenen Leuchter, dessen Schaft und Arme aus Knäufen und Blüthen bestehen, den Tisch der Schaubrode, die Jubeltrompete und die Posaunen zur Verkündigung des Jahresanfanges. Was fromme Opferfreudigkeit, gepaart mit künstlerischerBegeisterung, einst zur Ehre des Einig-Einzigen geschaffen, es wandert jetzt in die Schatzkammer des kapitolinischen Jupiter. Die Götter aus Holz und Stein, aus Gold und Silber, die Gebilde menschlicher Phantasie und künstlerischen Schönheitssinnes, sie scheinen zu siegen über den Gott der Wahrheit, der sinnlich nicht wahrnehmbar und nicht darstellbar ist, den kein Auge je gesehen hat und den kein Gedanke erfassen kann. Die Opferflammen auf dem Altäre zu Jerusalem sind erloschen für ewig, jene herrlichen Lieder der Leviten auf immer verklungen. In Rom aber steigen den Göttern des Olymps und des Kapitols Wohlgerüche über Wohlgerüche empor, ihnen erklingen Jubelhymnen und Siegeslieder, ihnen zu Ehren werden die herrlichsten Spiele und Wettkämpfe aufgeführt; prächtig gekleidete Auguren und Haruspices schlachten Hunderte von Opferthieren und preisen in Wort und Lied dem römischen Volke die Macht und Größe seiner Götter. Aber die Auguren, welche vor den Augen des Volkes den Göttern Dank darbringen und die HaruspiceS, die aus den Eingeweiden der geschlachteten Opferthiere auch für die