Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 32. Allgemeine Berlin, 7. August 1891. ettung des Zu-enthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabtriner D* Ludwig Philippson-Gonn Verlags-Expedition: Gerlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Die Katastrophe. — Der Triumphbogen des Titus. Von A. Levp. — Hierorwmus Lorm. Von A. L. Wolf. — Ter russische Torguemada. Von Bernhard Stern. — Wissenschaft und Litteratur: Die verloren geglaubten zehn Stämme Israels. Von Dr. Eduard Glaser. — Feuilleton: Der Flickschneider. Von Eleonore Birnbaum. (Schluß.) — Kitterarische Miltheilungen. — Um was wir heute trauern. Von Professor Dr. L. Herzfeld. Der Gerneindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Colberg, Memel, Thorn, Würzburg, Oldenburg i. Gr., Aus Württemberg, Wien, Bukarest, Petersburg, Moskau. Jerusalem, Washington.—Bon Rav und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion elrrgegangerre Bücher. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. Nie Katastrophe. Berlin, 4. August. Wie jedes regelrechte Drama im Völkerleben und auf der Bühne, so hat wohl auch die Tragödie des modernen Antisemitismus ihre Katastrophe. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist die Bewegung an diesem Wendepunkt angelangt, wo ein entscheidendes Ereigniß eintritt, unr die verwickelte Handlung zu eutwickeln und den geschürzten Knoten zu lösen. Dieses entscheidende Ereigniß kann auf der Bühne wie im Leben ein an sich ganz unbedeutendes sein, aber es bringt doch den Stein ins Rollen und führt die Lösung cndgiltig herbei. In der Tragödie des Antisemitismus heißt vielleicht dieses Ereigniß: Karl Paasch. Wer ist Karl Paasch? Bis zum April dieses Jahres war es ein in den weitesten Kreisen unbekannter Schriftsteller. Im wunderschönen Monat Mai ist er urplötzlich sehr berühmt geworden; und zwar durch eine Rote des „Deutschen Reichsanzeigers", in welcher erklärt wurde, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes gegen den Autor des Buches: „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer" wegen verleumderischer Beleidigung den Strafantrag gestellt habe. Nicht einmal die Antisemiten kannten bis dahin Karl Paasch; vom ersten Mai ab wurde er ein „Führer der Bewegung", obwohl der „Deutsche Reichsanzeiger" behauptete, daß der verehrte Führer wohl geisteskrank sei. Dieser Karl Paasch ist für uns eine so werthvolle Erscheinung, daß wir gar nicht staunen würden, wenn wir demnächst in einer antisemitischen Zeitung zu lesen bekämen, — er sei eigentlich von den Juden bezahlt. In der Person dieses an und für sich so ganz unbedeutenden Schriftstellers verkörpert sich für uns die Katastrophe des Antisemitismus. Die Frage, wohin führt der Antisemitismus? ist oft gestellt worden, hier ist die Lösung! Die geneigten Leser erinnern sich vielleicht noch der kurzen Inhaltsangabe, die die Zeitungen und auch unser Blatt von dem genannten Werke des Herrn Paasch veröffentlicht haben. Sie erinnern sich, daß der Verfasser die schwersten Beschuldigungen gegen den deutschen Gesandten in China, Herrn von Brandt, gegen die Vortragenden Räthe im Auswärtigen Amt, gegen den Präsidenten des Reichsgerichts und andere in Amt nud Würden, zum Theil in den höchsten Stellungen sich befindende hohe Reichsbeamte geschlendert hat. Er beschuldigt sie vieler Verbreche» und Vergehen, er erhebt wider sie die haarsträubendsten Anklagen, und alles dies nur von einem einzigen merkwürdigen Gesichtspunkte aus: Er wittert überall jüdischen Einfluß.! Das ganze deutsche Reich, die ganze deutsche Politik ist nach ihm in den Händen der Juden. Ganz Europa, Amerika und noch einige andere kleine Erdtheile sind der Spielball einer in Paris residirenden jüdischen Geheimregiemng, unter deren Joch die armen Völker seufzen. Die traurigste Rolle spiele dabei das deutsche Reich, das Auswärtige Amt, das nach Karl Paaschs Ueberzeugung weiter nichts ist, als „das Komtvir eines die Geschäfte dieser Nebenregierung besorgenden vielgenannten Banquiers". j Das Auswärtige Amt hat sich also veranlaßt gesehen, einen Strafantrag zu stellen. Darauf hat Herr Paasch eine zweite Schrift veröffentlicht, einen offenen Brief an den Reichskanzler Herrn von Caprivi, der natürlich auch verjudet ist, ebenso wie Herr von Goßler und viele Andere. Ja selbst das Verhalten des Fürsten Bismarck kann sich Karl Paasch nur dadurch erklären, „daß Bismarck mütterlicherseits durch jüdisches Blut verdorben sei." Beim Anblick der bekannten Photographie des Fürsten Bismarck und seines Sohnes Herbert erinnert er sich, daß zwei verschlungene Hände das Symbol der „Alliance Jsraelite" seien! Die Verjudimg Deutschlands geht bis in Regionen, in welche wir Herrn Karl Paasch gar nicht folgen dürfen. Es bleibt nur noch der Beweis übrig, daß auch Stöcker lind Böckel jüdischer Abstammung seien oder in jüdischen Diensten stehen. Man sagt nun zur Entschuldigung der Ungeheuerlichkeiten, welche Karl Paasch vorbringt, daß der krasseste Verfolgungswahnsinn aus seinen Werken spreche, daß man dieselben mit einem Gemisch von Grauen und Mitleid lese; aber darüber hinaus hat der Mann für uns noch eine ganz andere Bedeutung. Die verwüstende Kraft des Antisemitismus hat sich nirgends in so entsetzlicher Gestalt gezeigt, wie an diesem Manne und seinem Bnche. Man mag immerhin psychologische Momente geltend machen, für uns steht die Thatsache fest: Karl Paasch hat aller Welt den tiefen Abgrund enthüllt, an dessen Rand uns der Antisemitismus in mehr als zehnjähriger Maulwurfsarbeit gebracht hat. Sein Werk hat für uns eine syinptomatische Bedeutung, es bedeutet einfach die Katastrophe des Antisemitismus.