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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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PWWWWM Religionsunterricht genießen). — In 2 Bibelschulen wurde von 2 Lehrern in 3 Klassen 187 Schülern Unterricht ertheilt. — Zum ersten Male erscheint diesmal eine Lehrerin, die israelitischen Religionsunterricht ertheilt. N— d. Prag, 20. Juli. Eines der ältesten wohlthätigen Institute ist die „Israelitische Beerdigungs-Brüderschaft" in Prag. Dieselbe hielt vor Kurzem ihre 327. Generalversammlung ab, doch besteht der Verein schon viel länger als 327 Jahre, nur nicht in einem so wohlorganisirten Zustande, wie heute. Dem der Versammlung vorgelegten Geschäftsbericht entnehmen wir, daß die Brüderschaft gegenwärtig 912 Mitglieder zählt und im verflossenen Jahre an 400 Beerdigungen, darunter 120 unentgeltlich, vornahm. Im Jahre 1890 mutzte der Wolschauer Friedhof, da er gänzlich belegt erschien, aufgelassen werden, und es wurde ein neuer Friedhof in Zizkov eingerichtet. Dieses Unternehmen hatte mit mannigfachen Schwierigkeiten zu kämpfen, und es ist ein Verdienst des Vorstandes, daß der Gottesacker zur rechten Zeit eröffnet und der Benutzung übergeben werden konnte. Der alte berühmte Judenfriedhof in Prag, eines der werthvollsten und ältesten Denkmäler Europas, sollte einem großen Assanirungsprojekt der Stadt Prag zum Opfer fallen. Der Vorstand der Beerdigungs-Brüderschaft erhob gegen den neuen Lagerplan Protest und erzielte auch insofern ein günstiges Resultat, als nur ein kleiner Theil des Friedhofes zur Bildung einer neuen Straße herangezogen wird, während der bei Weitem größere Theit nach wie vor der Stadt Prag und den dasselbe besuchenden Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeit erhallen bleibt. Weiter wußte der Vorstand vom hohen k. k. Justizministerium die Zustimmung zu er halten, daß ihm die Leichen der in der Strafanstalt Pankrae bei Prag verstorbenen jüdischen Sträflinge zur rituellen Beerdigung ausgefolgt werden, wiewohl die genannte Strafanstalt ihren eigenen Friedhof besitzt, und endlich setzte es die Brüderschaft durch, daß die Leichen der im Allgemeinen Krankenhause zu Prag verstorbenen Kranken, -entgegen dem bestehenden Brauch, nur in den gesetzlich gebotenen Fällen der Obduktion unterzogen werden. Zum Schluß erwähnt der Geschäftsbericht noch eines in den herzlichsten Ausdrücken abgefaßten Dankschreibens, das der gefeierte Philanthrop Baron Moritz von Hirsch anläßlich seiner Ernennung zum Ehrenmitglied einsandte. Nach Genehmigung des Berichtes wurden die Wahlen in ben Vorstand vorgenommen, die nahezu vollständig dasselbe Resultat wie im Vorjahre ergaben. Italien. ▲ Rom, 23. Juli. Das maßgebende Organ der Kurie, der „Osservatore Romano", betreibt wieder einmal ein wenig Judenhetze. Das Blatt macht nämlich über ein zu Gunsten der aus Rußland vertriebenen Juden unter der Leitung Bonghis errichtetes italienisches Hilfs-Komitee folgende Bemerkungen: Die russischen Juden hätten nicht nur auf die Güter der Priester und Mönche Jagd gemacht, die sie um geringes Geld in ihren Besitz brachten, sondern sie hätten jetzt sogar den ganzen Handel, die ganze Industrie in ihren Händen (!). „Dennoch muß man mit ansehen, daß, während Tausende christlicher Arbeiter brodlos sind, sich Komitees zur Unterstützung der „armen Juden" bilden, welche die Rolle verfolgter Unglücklicher spielen. Weiß man doch allenthalben, daß man die große Komödie der Verfolgung und Austreibung der Juden in Europa nur deshalb inszenirt hat, um für die Juden und das Judenthum überhaupt Theilnahme und Sympathie zu erregen und den Volkszorn zu ersticken, der sich immer heftiger gegen diese Nomaden-Brnt erhebt, deren größter Windbeutel gesagt hat, er werde den Christen nichts anderes lassen, als die Augen zum Weinen." Beim „Osservatore Romano" ist ebensowenig an den Ernst dieser Ausführungen wie etwa einer gegentheiligen Aeußerung zu glauben. Da diesem Blatte alle Mittel heilig sind, so haben wir nur zu fragen: Welches ist der Zweck? Will man die italienische Regierung treffen, indem man einen ihrer Minister beleidigt, oder sollte es gar wahr sein — was Einige munkeln — daß die Kurie sich in Geldnöthen befinde, und will sie durch das Schreckgespenst einer Parteinahme gegen die Juden sich die Chancen für eine Anleihe günstiger gestalten? Wer weiß! Großbritannien. * London, 27. Juli. Arnold White, der bekanntlich im Aufträge des Baron Hirsch Rußland bereist har, um die Fähigkeit der russischen Juden für Ackerbau und Handwerk zu prüfen, hat nunmehr einen Bericht abgegeben, dem wir Folgendes entnehmen: Vorausgesetzt, daß die jüdische Bevölkerung Rußlands fünf Millionen zählt, und daß die Juden, welche ich gesehen habe, ein richtiger Maßstab für jene Glaubensgenossen sind, die ich nicht sehen konnte, glaube ich nicht, daß mehr als zwanzig Prozent der erwachsenen männlichen Juden zur jetzigen Zeit physisch geeignet find, die Anstrengungen zu ertragen, die mit einer Niederlassung in einem neuen Lande verbunden sind.. Im Ganzen sind die seßhaften Juden physisch schwächer als die seßhaften Russen. Wenn ich aber die jüdischen Städtebewohner Rußlands jenen Juden gegenüber stelle, welche vom Kaiser Nikolaus im Gouvernement Cherson angesiedelt wurden, so ist der Unterschied erstaunlich. In letzterem fand ich eine thätige, sonnverbrannte, muskulöse, ackerbautreibende Bevölkerung mit allen Kennzeichen eines aufstrebenden Bauernstandes. Es sind ihrer 30,000. So viel ich von benachbarten Grundbesitzern, Russen, welche diese Juden beschäftigen, hören konnte, haben dieselben keine schlimmen Eigenschaften, es sei denn, daß man frühzeitig und unvorsichtig abgeschlossene fruchtbare Ehen als Fehler bezeichnen kann. Nebst diesen ackerbautreibenden Juden giebt es 300,000 kräftige Männer, welche mit schwieriger Handarbeit in und bei den Städten beschäftigt sind. Als Beispiele dieser Klasse nenne ich die 10,000 Arbeiter und Handwerker von Berditschew, die Hafenarbeiter von Odessa, die Korntrüger von Nikolajew und die Feldarbeiter von Krementschug, von welchen zum mindesten 4000 zur Erntezeit von den Grundbesitzern in der Nachbarschaft gedungen sind. Alle diese Leute sind für die Kolonisation geeignet, wenn auch nicht alle gleichmäßig. Zwei Momente aber kompensiren die Muskel-Armuth der Juden, das ist das hochentwickelte nervöse Temperament, welches die Juden im Durchschnitt besitzen, das nicht allein die Quelle der Beschuldigungen von Feigheit ist, die gegen sie erhoben werden, sondern welches ihnen die erstaunliche Fähigkeit giebt, durch lange Zeit Anstrengungen zu ertragen, was dem biertrinkenden Engländer oder dem sich schonenden Russell nicht möglich wäre. Diese Eigenschaft ersetzt dem Juden die gröbere Fiber und den stärkeren Körperbau. Das zweite Moment ist ein Faktor, dessen Werth nur von Jenen geschäht werden kann, welche es je unternommen haben, arme, beschäftigungslose Engländer in ullbebauten Kolonial-Gegeuden anzusiedelm. Ich meine die ungemein moralische Führung des Durchschnittsjuden. Um es kurz zu sagen: Wenn Muth, moralischer Muth, Hoffnung, Geduld, Mäßigkeit gute Eigenschaften sind, dann fiitb die Juden ein tüchtiges Volk. Solch ein Volk ist unter weiser Leitung bestinnnt, jede gut organisirte Kolonisirung zu einer erfolgreichen zu gestalten, ob dies in Argentinien, in Sibirien oder Süd-Afrika geschehe. Aber die Schwierigkeiten finb zahlreich, und ich glaube nicht, daß Sie gegell dieselben wirksam ohne die öffentliche und aufrichtige Unterstützung der russischen Regierung ankämpfen können. Ihre erste Absendung muß aus einem Elitekorps bestehen, denn wenn Sie mit der ersten Detachirung keinen Erfolg erzielen, ist der künftige Erfolg unwahrscheinlich. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben." White formulirt sodann folgende vier Vorschläge: 1. Bildung von lokalen Answanderungskomitees aus den angesehensten Juden jeder Stadt. Die Aufgaben derselben würden darin bestehen, die Auswanderer auszuwählen, Geld zu vertheilen, die Abreise der Auswanderer zu kontroliren und anzuordnen, sich zu Gunsten der Emigranten mit der Regierung in Verbindung zu fetzen und ein Verkehrscentrum zwischen Hirsch, der Regierung und den Auswanderern zu bilden. Ein in Petersburg eingesetztes Hauptkomitee soll die ihm unterstehenden Komitees überwachen. 2. Das gegenwärtige Paßsystem ist durch ein System von freien Auswanderer-Certifikateu, welche die Verzichtleistung auf die Rechte unb die Befreiung von den Pflichten eines russischen Staatsangehörigen enthalten, sobald die Grenze überschritten ist. Keine außerordentliche Militärlast oder ein anderer Dienst sollte den zurückbleibenden Juden in Folge der Auswanderung von Glaubensgenossen anferlegt werden. 3. Die russische Negierung hätte allen armen Besitzern von Auswanderer-Certifikateu unentgeltliche Fahrt zu gewähren. 4. Die jungen Juden sollten in Handwerk und im Ackerbau unterrichtet werden. Man müßte um die Erlaubniß ansuchen, Ackerbauschulen zu errichten. Wie die „Times" aus gilt unterrichteter Quelle wissen will, hat die russische Regierung den ersten beiden dieser Vorschläge ihre Zustimmung ertheilt. In maßgebenden Kreisen wird geglaubt, wenn erst der fünfte Theil der russischen Juden ausgewandert sei, werde die Wirkung auf Rußland vom Standpunkte des Handels und der Finanzen so nachtheilig sein, daß die russische Negierung im Interesse der Nation selber die Judenverfolgung schleunigst einstellen werde.

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