Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227909--48132-3270635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2 Rheins, in dem herrlichen, kühlen Saynbachthale, ist dieses wunderbarschöne Idyll gelegen. — Wer sich von den Mühen und Anstrengungen des Berufsgeschäftslebens erholen und einige Zeit in Zurückgezogenheit,' fern von dem geräuschvollen Alltagsleben zubringen will, der muß hier gesund itnb zu neuer Thätigkeit gestärkt werden, denn er kann wohl schwer einen schöneren von üppigen Feldern und grünen Wäldern um-' gebenen Punkt finden. — Es war daher ein glücklicher Gedanke, daß der Gründer dieser Anstalt, der vor einigen Monaten leider verstorbene * Herr M. Jacoby, gerade hier eine israelitische Heil- und Pstegeanstalt gründete. Uebereinstimmend mit der herrlichen Gegend, in der jeder Gemüthskranke sich erholen muß, ist aber auch die menschenfreundliche' Behandlung der der Anstalt anvertrauten Patienten. Die Oekonomie liegt in den bewährten Händen des Herrn B. Jacoby, eines Sohnes des Gründers, und dessen Schwagers Herrn R. Lißmann. Die Heilungsuchenden finden in diesen beiden Herren Männer, die ihnen die liebe- ' vollste Behandlung hinsichtlich der körperlichen Pflege angedeihen lassen. Die Kranken bewegen sich, um ihr Selbstvertrauen zu stärken, scheinbar frei, sind aber nichtsdestoweniger unter steter gewissenhafter Aufsicht, so daß sie das Unglück ihrer Lage kaum bemerken. — An schönen Sommertagen machen die Kranken unter Leitung eines der oben genannten Herren geist- und körperstärkende Ausflüge in die reizende Umgegend. Im Winter ist eine herrliche zu freier Bewegung einladende Wandelbahn angebracht. Die langen Winterabende werden abgekürzt durch gemeinschaftliche Tafel und Gesellschaftsspiele. So bilden denn die Kranken mit den Anstaltsinhabern eine Familie. Die Küche ist nicht allein streng rituell, sondern die Anstalt enthält auch eine sehrschöne Synagoge, in welcher Leichtkranke abwechselnd den Gottesdienst in zeitgemäßer Weise leiten. Die ärztliche Leitung liegt in den sehr bewährten Händen zweier tüchtiger jüdischer Aerzte, der Herren Dr. Berend uitb Dr. Rosenthal, zu denen die Insasse:! der Anstalt mit dem größten Bertranen aufblicken. Mit dieser Anstalt ist zugleich eine Schule für Idioten verbunden, die in einem eigenen Hause untergebracht, von einem tüchtigen Lehrer geleitet wird. — Wie mancher Arme, dessen Angehörige nicht in der Lage waren, die Kosten einer anderen Anstalt erschwingen zu können, fanden bei Herrn Jacoby gegen sehr mäßiges Entgelt liebevollste Behandlung und beste Pflege. — Was Wunder, daß bei dem Zusammentreffen so günstiger Verhältnisse die Anstalt von Jahr zu Jahr an Genesungsuchenden zunimmt, so daß in kurzen Zwischenräumen dieselbe durch nöthige Neubauten an Umfang gewinnt. Wir glauben den Dank mancher Familie, die einen Gemüthskranken zu ihren Gliedern zählt, uns zu erwerben, wenn wir auf diese Anstalt sie aufmerksam machen, die während ihres 25 jährigen Bestehens schon so gar manchen Patienten als völlig geheilt entlassen hat. Oesterreich - Ungarn. G Wien, 20. Juli. Der Verein „AdMath Jeschurun, Verein zur Kolonisirung Palästinas", hat, ebenso wie dies von dem „Verein der russisch-jüdischen Studirenden" in Berlin gemeldet worden ist, eine Petition an die Berliner Delegirten-Konferenz gerichtet, welche den Wunsch ausspricht, den Strom der russischen'Muswanderer nach Palästina zu lenken. Hierauf ist dem Vereine vom „Deutschen Centralkomitee für die russischen Juden" die Antwort zu Theil geworden, das Komitee bedaure, was seinen Wirkungskreis anlange, in der Richtung der Kolonisation Palästinas nichts thun zu können. B. St. Wien, 17. Juli. Der von der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" zuerst publizirte Brief des katholischen Geistlichen Dr. Vincenz Knauer an Dr. Adolf Jellinek hat berechtigtes Aufsehen gemacht, besonders die Wiener Antisemitenkreise sind natürlich ganz außer sich. Dr. Knauer ist ihnen übrigens schon lange ein Dorn im Auge, — seit dem Tage, da er einem antisemitischen Blatte einmal offen die Wahrheit gesagt — das vertragen die Herrschaften bekanntlich am wenigsten. Als nun Dr. Knauer in seinem Schreiben an Dr. Jellinek erklärte, „es bestehe nach streng katholischer Lehre zwischen Mosaismus und Christenthum kein wesentlicher Unterschied", kamen dem vornrtheilslosen Priester und Gelehrten offene Postkarten voll niedrigster Schmähungen zu; unter Anderem wurde ihm geistreich gerathen, „eine goldene Sionstochter zu heirathen und Rabbiner zu werden". Das Köstlichste aber leistete wieder einmal unser Antisemiten-Organ, welches sich also vernehmen ließ: „Mosaismus und Christenthum. Vor einigen Jahren machte sich in den katholischen Studentenschafts-Verbindungen der Wiener Universität „Austria" und „Norica" eine eigenthümlich rege Bewegung bemerkbar; es galt damals, für den Schottenpriester Dr. Laurenz Knauer, der sich an der hiesigen philosophischen Fakultät für „christliche Philosophie" als Privatdocent habilirt hatte, Hörer zu werben. Die Werbe-Bedingungen waren die denkbar günstigsten, denn es hieß auf das Bestimmteste, daß jeder Hörer seine eingezahlten Kollegien-Gebühren seitens des Docenten vergütet erhält. Nach einigen stattgehabten Vorlesungen konnte man in verschiedenen Kreisen verschiedene Urtheile über die christlich-philosophischen Grundsätze des bezeichneten Docenten hören.— Gelegentlich der Jubiläumsfeier, welche „das Volk des Lichtes" vor einigen Tagen zu Ehren seines Wiener Rabbiners veranstaltete, finden wir unter den Gratulanten auch den mehrerwähnten katholischen Priester und Universitäts-Docenten für christliche Philosophie, Herrn Dr Laurenz Knauer, mit folgendem Sprüchlein angeführt: „Nach streng katholischer Denkungsweise kann es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Mosaismus und Christenthum nicht geben." Die Prüfung dieses sonderbaren Ausspruches überlassen wir den P. T. katholisch-theologischen Gelehrten." Da sind, wie gewöhnlich bei den Behauptungen dieses Blattes, ebensoviel — sagen wir Unrichtigkeiten als Beschuldigungen. Ein gut Eingeweihter weist daher das Antisemitenorgan zurecht: 1. heißt der Docent nicht Laurenz, sondern Vincenz Knauer; 2. ist es eine Unwahrheit, daß Dr. Knauer sich für „christliche Philosophie" habilitirt habe. Dr. Knauer ist durch einstimmigen Beschluß des Professoren- Kollegiums der philosophischen Fakultät ermächtigt, über das Gesammtgebiet der theoretischen und praktischen Philosophie Vorträge zu halten; eine christliche oder katholische Philosophie aber giebt es, wie Dr. Knauer gleich in seiner Antrittsvorlesung zeigte, ebensowenig, als eine katholische Botanik oder ein katholisches Einmaleins; 3. ist es eine Unwahrheit, daß Dr. Knauer sich anheischig gemacht habe, seinen Zuhörern die Kollegiengelder zu vergüten. Wenn so etwas in den „katholischen Studentenvereinen", denen Dr Knauer von allem Anfänge her auffallend ablehnend begegnete, gesagt wurde, so ist das nur wieder ein Beweis dafür, wie in derartigen Vereinen die Pflicht der Wahrhaftigkeit erfüllt wird; 4. nur ein Ignorant kann behaupten, zwischen der mosaischen und christlichen Religion bestehe ein prinzipieller Unterschied. Das mosaische Gesetz gilt als die Vorstufe und Grundlage für das christliche; denn das Wort des Weltheilands lautet: „Glaubet nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, sie aufzuheben, sondern zu erfüllen. Wahrlich sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Strichlein und kein Punkt am Gesetze vergehen." (Matthäus V. 17,18.) Wer demnach einen prinzipiellen Unterschied zwischen dem mosaischen und christlichen Gesetze behauptet, ist eben vom Evangelium abgefallen, wie denn überhaupt dieser Antisemitismus eine unchristliche und zugleich anti-christliche Bewegung ifi. Wir halten es hoch an der Zeit, daß die maßgebenden Autoritäten in Staat und Kirche diesem rohen und unmenschlichen Treiben, welches bereits mit plumper Hand an den Grundlagen des Christenthums rüttelt und unter Andern: die biblische Geschichte des alten Bundes aus den: christlichen Religions-Unterrichte verbannt wissen möchte, endlich ein Ziel setzen. Der einzelne Priester, der diesen Wühlern und Hetzern muthig entgegentritt, kann nur das Opfer ihres infernalen Hasses werden. Vivat sequens! — w. Wien, Mitte Juli. Im abgelaufenen Schuljahre 1890/91 wurde in 23 Volks schulen für Knaben und in 23 Volksschulen für Mädchen (baruuter 9 beziehungsweise 10 Sammelschulen), ferner in zwei gemischten Schulen für Knaben und Mädchen und in einer Schule für Taubstumme von 28 Lehrern und einer Lehrerin in 193 Klassen für Knaben und in 129 Klassen für Mädchen überall Religionsunterricht ertheilt. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen betrug: 1. Bezirk 376 Knaben, 406 Mädchen; ll. Bez. 2288 K., 2519 M.; III. Bez. 352 K., 366 M.; IV. ii. V. Bep 201 K., 184 M.; VI. Bez. 175 K., 151 M.; VII. Bez. 225 K., 245 M.; VIII. Bez. 114 K., 133 M.; IX. Bez. 355 K., 414 M.; X. Bez. 121 K., 145 M. In Summa 4213 K., 4563 M.; Taubstumme 1 K. 6 M. — In ]3 Bürgerschulen für Knaben mit 31 Klassen und in 16 Bürgerschulen für Mädchen , mit 52 Klassen, darunter je 6 Sammelschulen, unterrichteten 14 Lehrer israelitischer Religion. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen betrug: I. Bez. 121 K., 312 M.; II. Bez. 513 K., 869 M.; III. Bez. 64 K., 120 M.; IV. u. V. Bez. 49 K., 82 M.; VI. u. VII. Bez. 89 K., 180 M.; VIII. Bez. 37 K., 47 M.; IX. Bez. 67 K., 201 M.; X. Bez. 32 K., 48 M. In Sumpia 972 K. 1859 M. — In 16 Mittelschulen, darunter eine Sammelschule, mit 71 Klassen unterrichteten 9 Religionslehrer 2196 Schüler, und zwar 1059 Gymnasial-, 461 Realgymnasial- und 676 Realschüler (israelitische Schüler der Oberrealschule sind nicht mit eingerechnet, da diese keinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.