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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Rußland. * Warschau, 23. Juli. Las hiesige Amtsblatt, der „Dniewnik", läßt sich aus Tomaszow im Lubliner Gouvernement schreiben, daß die Juden dieser Stadt sehr auswanderungslustig sind und ihre Häuser um jeden Preis verkaufen wollen, aber keine Käufer finden. Es sei daher, heißt es ferner im Annsblatte, die Besorgniß nicht unbegründet, die Juden, die niemals um eine Auskunft verlegen seien, würden, um van den Assekuranz-Gesellschaften Gelder herausznschlagen, ihre Häuser in Brand stecken. Das offizielle russische Organ betreibt, wie Figura zeigt, eine wüste Hetze, welche selbst das Gebühren der Moskauer Professionshetzer in den Schatten stellt. — Mehrere angesehene Judenfamilien aus Kiew pachteten in der Nähe von Essek (Südungarn) von der dortigen Sparkasse dreitausend Joch Land auf elf Jahre zu Kolonisationszwecken. Türkei. * Konstarrtinopel, 20. Juli. Das bereits in voriger Nummer angekündigte Jrade des Sultans ist erlassen und regelt die Einwanderungsfrage in der Art, daß es für jebeu einwandernden Israeliten einer besonderen Erlaubniß der Regierung bedarf. Den bereits ansässig gewordenen ist ein besonderer Termin bewilligt worden, um diese Erlaubniß nachträglich einholen zu können. Einige Kapitalisten haben inzwischen große Landstrecken angekauft, um die Gelegenheit zum Ansiedeln zu bieten. Das Sandschak von Gaza wird ein Hauptplatz für die in Aussicht genommenen jüdischen Kolonien abgeben. Im Allgemeinen ist die Ansicht in Regierungskreisen vorherrschend, man solle die Juden in allen Theilen des türkischen Reiches gleichmäßig ansiedeln, dagegen ihnen einen überwiegenden Einfluß in Palästina nicht einräumen und daher den Massenzuzug nach diesem Lande verhindern. * Bokhara, im Juni. Die jüdische Gemeinde unserer Stadt wendete sich an den Großvezier, um zu erfahren, wie die Negierung des Emirs sich zu verhalten gedenkt, wenn Rußland die Juden aus Türke st an vertreiben sollte und diese ihre Schritte nach Bokhara lenken würden. Als dies dem Emir mitgetheilt wurde, antwortete er, daß alle Juden, welche in den Städten Turkestans wohnen, die vor der Eroberung dieser Provinz durch die Russen im Jahre 1867 zu Bokhara, Taschkend und Khokand gehörten, sowie andere Juden, welche Turkmenen seien und die Sprache dieses Landes sprechen und sich nach Landessitte kleiden, jederzeit in Bokhara freien Eintritt hätten. Der Emir könne jedoch nicht aus Rücksicht für Rußland den polnischen und russischen Juden, für die überdies sein Land zu klein wäre, Gastfreundschaft gewähren. Amerika. * New-Aort, 28. Juli. Nach einem Telegramm des „Büreau Dalziel" aus Washington vom heutigen Tage empfing das amerikanische Staatsdepartement per Kabel die amtliche Meldung, der Zar habe auf Anregung der Vereinigten Staaten eine zeitweilige Milderung der Maßregeln für Austreibung der Juden aus Rußland angeordnet. Die Angelegenheit wurde, wie die Washingtoner Depesche hinzufügt, sehr delikat gehandhabt. Eine Abordnung tonangebender jüdischer Bankiers unter Führung der Herren Jesse Seligmann und Oskar Strauß besuchte beu Präsidenten, der auf Grund der ihm gemachten Vorstellungen versprach, sein Möglichstes zu thun. Dem amerikanischen Gesandten in Petersburg Emery Smith gelang es, in Form einer persönlichen Botschaft des Präsidenten die Aufmerksamkeit des Zaren auf den Gegenstand zu lenken. Nach Smiths Abreise von Petersburg erneuerte der amerikanische Generalkonsul Crawford den Appell an den Monarchen. Crawford ist infolge vieljährigen Aufenthalts in Petersburg persona grate daselbst. Diesem Umstande sei der Erfolg des Vorgehens der Vereinigten Staaten in hohem Grade zu verdanken. * Trerrtorr, New-Jersey, 21. Juli. Gestern wurde hier der Anfang zur Gründung einer weiteren jüdischen Kolonie im südlichen New- Jersey gemacht. Namens einer jüdischen Gesellschaft schloß Herr Leon Lait, ein russischer Bankier in New-Aork, hier einen Ankaufsvertrag über 3000 Acres Holzland in dem in der Grafschaft Cumberland gelegenen und nur 20 englische Meilen von den jüdischen Kolonien Alliance uiifc) Rosenhayn entfernten Hulberton ab. Zu der von Herrn Lait vert retenen Gesellschaft gehören zahlreiche der einflußreichsten Israeliten von New-Uork. Dem Plan des Barons Hirsch gänzlich fernstehend, haben dieselben aus eigenem Antrieb die „Cumberland Land-Gesellschaft" mit einem Kapital von 250,000 Doll, ins Leben gerufen. Die Gesellschaft will das Land in kleine Farmen theilen und Häuser auf denselben errichten, in welchen einige der besten russischjüdischen Familien, die in New-Aork anlangen, Platz finden sollen. Jede Farm wird 10—20 Acres umfassen, und schon find 17 Häuser errichtet. Man wird im Großen und Ganzen dem von der benachbarten jüdischen Kolonie Alliance gegebenen Beispiel folgen, in welcher viele der Flüchtlinge von 1882 sich jetzt in vorzüglichen Verhältnissen befinden. Es sollen ferner mehrere Fabriken in Hulberton errichtet werden, um möglichst vielen Personen Beschäftigung zu gewähren. 9. Von Nah und Fern. Die Synagoge in der Oranienburgerstraße wird an der östlichen Seite ein neues Portal erhalten; der Hof des neu erworbenen Grundstücks, Oranienbnrgerstr. 29, woselbst Büreaurüume erbaut werden, soll eine Ausfahrt für Wagen 'aufnehmen. — Rafael Löwenfelds „Gespräche über und mit Tolstoi" (Verlag voll Richard Wilhelm! in Berlin) sind in Rußland verboten worden. — Auf dem zehnten deutschell Turntag in Hannover kam u. A.der Antrag Schwarz und Genossen zur Besprechung, nach welchem die Turnerschaft ihren Beschluß aus dem Jahre 1888 in Bezug auf Ausschließung des niederösterreichischen Turngaues wegen seiner antisemitischen Bestrebungen widerrufen soll. Der Antrag wird unterstützt durch die meisten österreichischen Abgeordnetell, von dem Ausschüsse jedoch bekämpft ulld durch eine motivirte Tagesordnung beseitigt, in welcher gesagt ist, daß die Turnerschaft von der Anerkennung ihrer Grundgesetze nicht abgehen köline und diese Anerkennung von beu niederösterreichischen Vereinen nicht zu erwarten sei. — Die in der Kölner jüdischen Gemeinde zum Besten der russischen Juden veranstaltete Sammlung ergab 50,000, die in Frankfurt 500,000 M. — Der „Thüringer Antisemitenbund" wird am 2. k. M. in Eisenach eine große Volksversammlung abhalten. Hieran schließt sich dann ein Parteitag der thüringischen Verbandsgenosfen. — In der Gegend des Bades Kisfillgen wurden über 130 Münzen, darunter 120 Würzburger, ein Regensburger und ein Mainzer Denar gefunden. Die Würzburger Denare sind unter dem Bischof Otto von Lobdebllrg (1207 — 1222) geprägt worden; zwei derselben zeigen in hebräischer Schrift den Nameil des MünzmeistersJechiel. — In Leipzig wird an den hohen Festtagen Herr Nabbinatsknndidat LudwigHannes, Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, als Hilfsprediger fungiren. — Bei der im österreichischen Reichsrathe stattgehabten Wahl wurden auch Freiherr von Oppenheim und Leopold Pollak in die Delegation entsendet. — Für die aus Rußland ausgewiesenen Juden hat sich auch in Zürich ein Hilfskomitee gebildet und in den Blätterll einen Aufruf erlassen, der folgende Unterschriften trägt: Pfarrer W. Bion. Leopold Bollag, Präsident der israelitischen Gemeinde. Generalkorlstll L. Brettauer. C. Fierz-Landis. Antistes Dr. Finster. Pfarrer Dr. K. Furrer. Schulpräsident Paul Hirzel. Professor Dr. H. Kesselring. Professor Dr. Aloys v. Orelli. Professor Dr. Ludwig Stein. Prosessor Dr. Alfred Stern. Professor M. Ulrich, Präsident der Hülisgesellschaft. Dr. Francois Wille, Mariafeld in Meilen. In Zürich sind bis jetzt ca. zehntausend Franken eingegangen. — Aus Rumänien liegen Berichte über die Plackereien vor, welchen die ansässigen Juden seitens der Lokalbehörden ausgesetzt sind. So ist der Rabbiner von Plojest, eine allgemein bekannte und geachtete Persönlichkeit, im Orte seiner Amtswirksamkeit unter dem angeblichen Verdachte, eingewanderter russischer Jude zu sein, verhaftet und mehrere Stunden ohne Vornahme eines Verhörs eingesperrt gehalten worden. — In Aleppo richtet die Cholera, besonders im Judenviertel, große Verheerungen an. — Im Ostend voll Montreal hat der Mayor der Stadt unlängst das „Baron Hirsch Institut" eröffnet, welches aus einer Stiftung des Barons zum Besten armer Juden errichtet worden ist. In dem unteren Theil des Instituts befindet sich eine Schule für arme jüdische Kinder, während in den oberen die Räumlichkeiten zur Aufnahme mittelloser jüdischer Einwanderer eingerichtet sind. Schon am Tage der Eröffnung stellten sich die ersten dreizehn russisch-jüdischen Gäste ein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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