Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1891)
- Date
- 1891-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227909--48131-3270634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55. Jahrgang. Nr. 31. (SfXß*rün’ 3U Mi 189L Werlcrge zur „AtLgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. IL Berlin, 26. Juli. Zur Ergänzung unserer Mittheilungen in Nr. 28 können wir heute berichten, datz die Aufgaben des Deutschen Central-Komitees für die russischen Juden inzwischen ihrer Erfüllung näher gebracht worden sind. Das Komitee hat an der ostpreußischen Grenze, nämlich in Memel, Tilsit, Insterburg, Eydkuhnen, Lhck und Königsberg, sechs, an der oberschlesischen Grenze fünf Ginnz- Komitees, in Natibor, Myslowitz, Kattowitz, Lublinitz und Laurahütte errichtet. Aufgabe der Grenz-Komitees ist es, diejenigen Auswanderer, welche zür Auswanderung gedrängt und hilfsbedürftig sind, aus der Zahl der die Grenze überschreitenden auszuwählen, sie mit Fahrkarten bis zum Hafenorte und, soweit erforderlich, mit Schiffskarten bis an ihr Endziel, sodann aber auch mit einigen Reisemitteln und Mundvoikrath bis zum Hafenorte zu versehen. Hierdurch wird ermöglicht, daß die Auswanderer nur kurze Zeit in Deutschland zu verweilen brauchen. Selbstverständlich ist aber auch dafür gesorgt, daß die Auswanderer unterwegs an denjenigen Orten, an welchen sie sich einige Zeit aufhalten müssen, mit Erfrischungen versehen werden. Gleichzeitig ist das Deutsche Central-Komitee eifrig bemüht gewesen, den Auswanderern eine neue Heimath zu bereiten. Natürlich ist die Frage, in welchem Lande die Flüchtlinge unterzubringen sein werden, eine so schwierige, daß ausgedehnte Erkundigungen und langwierige Verhandlungen vorangehen müssen, bevor die entscheidenden Entschlüsse gefaßt werden können. Bei der Beförderung der Auswanderer war die Thätigkeit der in den deutschen Hafenstädten errichteten Hilfskomitees von großer und wesentlicher Bedeutung; in der Thal ist es hauptsächlich der eifrigen Arbeit aller der in Hamburg, Stettin und Bremen thätigen Männer zu danken, daß die Auswanderung glatt und ohne Störung verläuft. Mit besonderer Genugthuung ist zu erwähnen, daß die österreichische Wohlthätigkeit die hiesigen Einrichtungen für nachahmenswerth erachtet und demgemäß sich dem deutschen Hilsswerk angeschlossen hat. * Berlin, 25. Juli. Der im 81. Lebensjahre stehende Dr. med. Jako b Baumann, welcher heute sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum beging, gehört zu den Senioren der Aerzte unserer Stadt. Der älteste Berliner Arzt ist der Geheime Sanitätsrath Dr. Martin Steinthal, welcher am 22. Oktober d. I. sein 93. Lebensjahr vollendet und dann am 5. November d. I. sein siebzigjähriges Doktorjubiläum zu begehen gedenkt; derselbe ist seit 68 Jahren in Berlin ansässig. Der Zweitälteste Arzt Berlins ist der bekannte Spezialarzt für Brustkrankheiten Dr. med. Zacharias Reimann, der jetzt 90V» Jahre zählt. * Berlin, 28. Juli. Die jüdische Alterversorgungsanstalt in der Schönhauser Allee, welche im Jahre 1880 gestiftet wurde, hat jetzt nach der Seite des jüdischen Friedhofes zu einen bedeutenden Erweiterungsbau erhalten. Derselbe war gleich von vornherein in den Bestimmungen der Stifter, Moritz und Bertha Manheimer, vorgesehen und sollte, wenn das Bedürfniß vorhanden, erfolgen. Dies ist jetzt eingetreten, und durch den angebauten Flügel von fünf Fenstern Vorderfront hat das stattliche Gebäude erst seine einheitliche Form erhalten. * Berlin, 27. Juli. Ueber die Verwendung des Ertrages aus dem Philharmoniefeste wird hiesigen Blättern von betheiligter Seite berichtet: „Bon den Erträgnissen des am 18. Juni in der Philharmonie zum Besten der russischen Vertriebenen stattgehabten Wohlthätigkeitsfestes sind bis jetzt an 148 Familien Geldunterstützungen gewährt worden, damit dieselben nicht mittellos ihre neue Heimath betreten. Ferner sind 75 Familien durch Zuwendung von größeren Beträgen davor bewahrt worden, nach Rußland zurückgeschickt zu werden; sie konnten die Reise nach Nordamerika und Argentinien antreten. Diese Zuwendungen find von einem Mitglieds des Komitees in den Sichtungsorten Myslowitz. Osurcim und Krakau unter Mitwirkung des dortigen Komitees erfolgt. In letzterem Orte wurde auch von demselben eine regelmäßige Speisung der Vertriebenen eingeführt, sowie Mittel zur Begründung einer Suppenanstalt zurückgelasfen. Der noch vorhandene Fonds wird weiter in derselben Weise verwandt werden." * Berlin, 26. Juli. Das gelegentlich der Vorbereitungen zur Stichwahl in Kassel offen zu Tage getretene regierungsfeindliche Verhalten der Antisemitenpresse hat zur Folge gehabt, daß derselben von konservativer Seite offen der Abschied gegeben wird. So schreibt die früher stark antisemitische „Post": „Das klerikal-konservative Tageblatt „Das Volk", welchem Beziehungen au dem Hofprediger a. D. Stöcker zugeschrieben werden, fordert die Antisemiten auf, die Entscheidung zu Gunsten des Sozialdemokraten zu geben, beuit man dürfe auf keinen Fall einen Kandidaten der Mittelparteien wählen. Wir beachten die Ausführungen dieses Blattes in der Regel nicht. In dem vorliegenden Falle aber machen wir aus einem doppelten Grunde eine Ausnahme. Die Stellungnahme des Blattes in dem Kasseler Wahlkampfe läßt deutlich erkennen, daß bei demselben die christlich-monarchische Flagge lediglich dazu dient, die demagogische Waare zu decken und in die Leserkreise einzuschmuggeln. Das gilt angesichts der bekannten negativen Stellung der Sozialdemokratie zum Christenthum so gut unter bent christlichen, wie angesichts der republikanischen Tendenzen derselben unter dem monarchischen Gesichtspunkte. In letzterer Hinsicht erhält das Auftreten des „Volk" mit Rücksicht darauf, daß bei der Wahl mehrfach auf die nahe bevorstehende Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers in Kassel hingewiesen wird, sogar eine demonstrative Spitze. Darüber wird ein Zweifel kaum bestehen können. Wenn dem aber so ist, so wird die konservative Partei im Interesse der gemeinsamen konservativen Sache dies Verhallen eines unter konservativer Flagge segelnden Blattes nicht unbeachtet lassen, das Hetzblatt von ihren Rockschößen abschütteln und es ihm so unmöglich machen müssen, seine Hetzereien als konservative Waare anzubringen. Nicht minder aber werden diejenigen Konservativen, welche in dem billigen und volksthümlich geschriebenen Blatte eine wirksame Schutzwehr gegen die sozialdemokratische Presse zu sehen glaubten und daher für seine Verbreitung namentlich in minder urtheilsfähigen Kreisen gewirkt haben, erkennen müssen, daß das „Volk" das Gegentheil der erwarteten Wirkung übt, und dem Zufolge darauf Bedacht zu nehmen haben, demselben den Boden wieder zu entziehen."- Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen. * Berlin, 27. Juli. Ueber die von ihr selbst zu einem Ritualmorde aufgebauschte Blutthat in Mustapha Pascha läßt sich die „Kreuz-Zeitung" unter dem 14. Juli Folgendes aus Konstantinopel telegraphiren: „Die Leitung des Mordprozesses von Mustapha Pascha ist dem Militär-Gouverneur General-Lieutenant Mehmet-Muhli übertragen worden. Bis jetzt sind fünf jüdische Schlächter und zwei von deren christlichen Gesellen, ferner vier jüdische Kultusbeamten als des Mordes verdächtig verhaftet worden. Die Stadt ist militärisch stark besetzt, jede Ansammlung in den Straßen ist streng untersagt." Nach der „Konstantinopolis" vom 11. Juli soll ein christlicher Geselle des Schlächters David, Namens Gianni, ein umfassendes Gestündniß abgelegt haben. Er habe erklärt, daß er beauftragt worden sei, den Fleischer Stephanos in das Haus des David zu rufen, und daß dann sofort sechs Juden über diesen herfielen und ihn niederstachen. Er (Gianni) habe dann die Leiche, nachdem sie in einen Sack eingenäht war, nach dem Fluß schaffen müssen, wofür man ihm 5 Pfund bezahlte, Vier Tage lang seien ununterbrochen Haussuchungen in dem jüdischen Viertel unter der Führung des Artillerie-Lieutenants Sheriff Effendi vorgenommen worden. Wir registriren diese Notizen, lediglich um zu zeigen, bis zu welchem Grade der Judenhaß die von ihm Befallenen zu verblenden vermag. Eine ernstliche Widerlegung solcher Ausgeburten einer überhitzten Phantasie ist unnöthig. Fr. Coblenz, im Juli. Schreiber dieser Zeilen machte jüngst an einem schönen Sonntag-Nachmittag einen Ausflug nach der zwei Eisenbahnstationen von hier reizend gelegenen Heil- und Pflegeanstalt des Herrn Jacoby in Sayn. In einem der schönsten Theile des