Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1891)
- Date
- 1891-07-31
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der ungeheure Lärm, den man aus der Ferne hörte, war viel billiger als ein Schild, er bewies jedem nah oder entfernt Wohnenden, daß hier der Tempel der Weisheit sich befinde und daß die Schüler nicht feiern. Rabbi Josua war in der Stadt als energischer, kluger Mann bekannt, der es verstand, den Geist seiner Schüler zu bilden. Daß er in allen diesen Büchern, die vor ihm lagen, zwar lesen, aber den Inhalt nicht verstehen konnte, wurde weniger beachtet. Fünf Jahre. verlebte Judka in dieser berühmten Schule, und nachdem er die nahe Bekanntschaft mit der Pfeife des ehrwürdigen Rabbi geschlossen, war er in seiner Wissenschaft so bewandert, daß er in der heiligen Schrift mit der schönsten weinenden Intonation lesen konnte. Geistig war also Judka vollständig entwickelt, dabei aber so hager und dünn, daß er einem zu stark in die Höhe geschossenen Spargel glich. Sein Gesicht blieb immer blaß, nur die großen, schwarzen, weit offenen Augen hatten Spuren von Leben in sich. Für den künftigen Schneidermeister war die Wissenschaft, die er bei dem allwisienden Rabbi Josua genossen, ausreichend. Judka trat ans der Schule, um in der Werkstätte seines Vaters eine Stellung anzunehmen. Ohne Sehnsucht verließ er sie, aber auch die neue Beschäftigung übernahm er ohne allzu große Freude. Er fädelte die Nadel ein, nähte die Knöpfe an, lernte dabei die praktische Seite seines Berufes, nämlich wie man mit der Hand den Rock auf den Schultern des Klienten glättet und ihn überzeugt, daß das Lange kurz sei, das Enge breit oder auch umgekehrt. Bei dieser Arbeit bekam der bis dahin gerade Rücken Judkas eine schiefe Stellung und der linke Arm hing etwas herunter. Diese kleinen Fehler seiner Figur machten aus Judka einen Civilschneider, denn sonst hätte er als Held auf militärischem Gebiete Lorbeern sich erobern müssen, wozu er eigentlich keine besondere Lust hatte. Schon als kleines Kind schwärmte er mehr für die Nadel als für die Waffen, und beim Anblick marschirender Soldaten fing er an zu zittern. Oft begleitete Judka seinen Vater, wenn er in der Nachbarschaft Arbeit hatte; in solchen Fällen nahmen sie immer außer den zur Arbeit nöthigen Gegenständen noch zwei Säcke mit, in welchen sie immer für die Speisekammer der Mutter reichen Vorrath mitbrachten. Nach sechs Jahren praktischer Arbeit war Judka ein vollendeter Schneider. Er hatte einen hübschen Anzug für Sonnabend, welchen er eigenhändig genäht hatte, einen schwarzen wollenen Gurt und eine Sammtmütze. So ausgestattet, rüstete er sich niit der ganzen Familie zur Reise nach Jokolof, um — zu heirathen. Er hatte zwar die schöne Braut Bejle Goldwaffer, die Tochter des ersten Schneidermeisters aus ganz Jokolof, nie gesehen, die die Auserwählte seines Herzens und seine Lebensgefährtin sein sollte — — aber was schadet das? Und wenn er sie gesehen hätte, — würde die schöne Bejle deshalb bester kochen oder ein Huhn auf dem Markt billiger zu kaufen verstehen? Nicht im Geringsten, wozu also die Zeit umsonst zu vertrödeln und unnütze Kosten machen? Die Hochzeitsgesellschaft erwartete den Bräutigam mit Musik, welche aus Geige, Flöte und Trommel bestand. Was hat die Hochzeit für riesiges Geld gekostet! Man traute das junge Paar, und Judka sing ein anderes Leben an. Die schöne Bejle nahm den Schleier herunter und zeigte ihr Gesicht zum erstenmal dem jungen Mann. Es war roth voll Sommersprossen, die ganze Gestalt klein lind dick. Es war zwar kein entzückender Anblick, man darf aber glauben, daß, wenn Bejle auch so schön wie die biblische Esther oder Judith wäre, sie auf Judka keinen größeren Eindruck gemacht Hütte. Wenn dieser junge Mann Träume hotte, so waren es am allerwenigsten Frauen, die ihm darin erschienen. Er war noch so jung, und Schönes hat er in seinem jungen Leben so wenig gesehen, er wußte so wenig von Gefühlen, daß er nie an Frauen dachte. Seine Vermählung war ein Geschäft, das sein Vater mit Samuel Goldwaffer, dem ersten Schneider in Jokolof gemacht hatte. Die Väter gaben je 30 Rubel als künftiges Kapital für ihre Kinder. Judka sollte drei Jahre bei den Schwiegereltern in Kost sein, um sich weiter in seinem Fache auszubilden. Nach beendeten drei Jahren sollte er zu seinen Eltern unter denselben Umstünden gehen, erst dann würde er sein Kapital erhalten und auf eigene Faust zu arbeiten anfangen. Dieses Programm wurde pünktlich erfüllt. Ob die jungen Leute während der ersten drei Jahre ein einzigesmal sich zärtlich angesehen, ob Judka seiner Frau ein einzigesmal innig die Hände gedrückt oder ob sie mit einander ein herzliches Wort gewechselt, ist nicht festzustellen. (Schluß folgt.) Aus dem Sade. ii. Zu den Sehenswürdigkeiten Karlsbads gehört die Synagoge in der Parkstraße. Kein Fremder versäumt es, sie zu besuchen; auch Prinz Ferdinand und König Milan haben sie jüngst in Augenschein genommen. Sie faßt wohl mehr als zweitausend Besucher, und, da gerade kein Gottesdienst war, so konnte sich der dicke Milan dort bequem bewegen. Die „Kreuzzeitung" behauptete kürzlich, in Karlsbad seien 10,000 Juden zur Kur anwesend. Für so viele würde allerdings auch selbst diese Synagoge nicht ausreichen. Zum Glück sind aber die Behauptungen der „Kreuzzeitung" ja längst als Enthauptungen der Wahrheit bekannt. Und wie fleißig die Kurgäste auch die Synagoge in Karlsbad besuchen, der Raum reicht Gott sei Dank noch für Alle aus. Auch der Gottesdienst ist ein schöner und würdiger. Der Kantor, Herr Tiger, ist ein vorzüglicher Sänger. Der Chor, aus Knaben und Mädchen bestehend, hält sich sehr wacker, die Orgel begleitet die Gesänge in diskreter Weise, und die Einrichtung des Gottesdienstes läßt nichts zu wünschen übrig. Der Prediger, Herr Dr. Ziegler, ist ein junger, feuriger und begabter Redner, der entschieden dem Fortschritt huldigt und mit Vorliebe wichtige Zeitfragen vom religiösen Standpunkt aus behandelt. So stimmt Alles in würdigster Weise zusammen, um die Andacht zu wecken und zu heben. Und ein Gottesdienst am Freitag Abend ist hier wirklich in jeder Weise erhebend. Auch an Festtagen, namentlich bei der Seelenfeier. Aber ich würde dann freilich rathen muffen, erst nach der Thora-Vorlesung zu kommen. Denn das ist leider der wunde Punkt , im hiesigen Gemeindeleben. Wie sich die Leser denken können, ist Karlsbad eine freisinnige, durchaus fortschrittliche Gemeinde. Aber nur einmal in der Woche, und zwar am Sonnabend zwischen 10 und 'All Uhr, kehrt sie zur strengsten Orthodoxie zurück. Wer da während der Thora-Vorlesung in die Synagoge eintritt, der meint sich wohl in eine polnische Chassidimgemeinde hineinversetzt. Genau so wird hier wie dort „aufgerufen", genau so werden die zahllosen Ui-selledoraell gemacht, genau so wird zu Spenden durch das überlaute Rufen der „Baawur schenudar“ des Vorlesers animirt. Und genau so wird auch im Auditorium die Aufmerksamkeit von der Thora in empörender Weise auf die Höhe, der gespendeten Beiträge abgelenkt. „Wie viel?" — „Obamisediiw*. — „Bitte, wie viel ist das?" — „Fünfzig Gulden." „Können Sie mir nicht sagen, wer das ist?" — „Das ist der Ritter von so und so aus Wien." — So geht das während der ganzen Thora-Boi lesung im lieblichsten Geplauder fort.