Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1891)
- Date
- 1891-07-31
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
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kleinen Theil von dieser großen weißen Zwiebel, es wäre doch schade, gleich Alles zu verzehren! Nach diesem frugalen Mal fühlt sich Judka so stark, daß durch sein Blasen die halb erloschenen Kohlen zu glühen beginnen, er stellt die zwei schwarzen Plätteisen, die so schwarz sind, wie sein Leben, und so hart, wie seine schwere Arbeit, aufdas Feuer, um die festgenähten Stellen zu plätten. Bevor der schnarchende Hausherr, seine Frau und sein Hausgesinde erwachen, bevor Judka sein „Meisterstück" zu Ende nähen wird, können wir in Gedanken um einige Jahre zurückblicken und uns die kleine Geschichte des Flickschneiders erzählen. Viele anlockende Bilder werden es nicht sein, die wir da zu Gesicht bekommen. Schmutz, Hunger, anstrengende Arbeit und ein im Dunkel wanderndes Leben sind die Säulen, die sein Dasein getragen. Die Vergangenheit hat in seinem Gedächtniß keine schönen, angenehmen Erinnerungen hinterlaffen. So weit er denken kann, sieht er nur dunkle, .traurige Bilder. Wenn er in seiner Jugend Zukunftsträume hatte, waren es nur die, entweder ein großer Talmudist zu werden, oder viele, sehr viele schöne blanke Rubel zu besitzen. Doch weder das Erste, noch das Zweite war in dem Buch der Bestimmung für ihn verzeichnet. Von seinem Vater hat er das Handwerk geerbt, welches ihn jetzt unterhält. Schon sein Urgroßvater war als tüchtiger Schneider bekannt, der für die Edelleute der ganzen Gegend gearbeitet hatte. Schöne Zeiten waren das! Sie leben noch heute in dem Munde der Familie und gehen von Geschlecht zu Geschlecht über. Nicht gern griff damals der Edelmann nach der Tasche, dafür aber beschenkte er den Meister reichlich, und Alles war damals so spottbillig! Es war nichts Seltenes, zu Sonnabend große Fische zu haben, oder zweimal wöchentlich Fleisch zu effen. Arbeit in der Gegend gab's genug, die Verdienste waren groß, und der Reichthum so ungeheuer, daß der Urgroßvater seiner Tochter Rose als Mitgift vier gelbe Dukaten auf dem Tische aufgezählt hatte! Außerdem schenkte er ihr noch einen silbernen Thaler, der ihr viel Glück bringen sollte. Das waren Zeiten, ganz andere Zeiten! Judkas Großvater, der die Hälfte des Hauses und die Werkstätte geerbt, hatte keine so glänzende Arbeit mehr; immer lobte er jene Zeiten, und mit wahrer Wonne erzählte er seinen Enkeln, daß er etwas gemacht hatte, was seinen Ruhm für alle Zeiten befestigte, nämlich einen dunkelblauen, mit goldenen Knöpfen besetzten Frack, dazu eine weiße Weste und gelbe Beinkleider. Alles lag wie angegoffen, der Frack war schön lang, mit schmalen Aermeln, ein wahres Prachtstück. So lange Lowsiz existirte, hat man ein solches Meisterstück nicht gesehen. Ja, damals hatten die Leute einen ganz anderen Geschmack, sie kleideten sich so schön, wie die Puppen, und was waren das für Herrschaften! Fünf polnische Gulden für einen Anzug war nichts Seltenes; das gab man, ohne zu feilschen. Der Großvater hatte zwei Söhne, Judkas Vater hatte also nur den achten Theil des Hauses bekommen, die Zeiten verschlimmerten sich, der Ruf der Firma begann zu sinken, man war genöthigt, für ganz arme Edelleute oder Bauern zu arbeiten. Zu dieser Zeit erblickte Judka das Licht der Welt. So lange er nur denken kann, sah er drei oder vier noch junge Kinder um einen langen Tisch gebeugt sitzen und emsig nähen. Am zweiten Tische saß sein Vater, ein hagerer, blasser, grauer Mann, der immer mit der Scheere dickes Tuch oder andere Stoffe schnitt. Die Scheere ächzte erbärmlich. Judka saß unter dem Tische und sammelte begierig die herunterfallenden Flickchen, welche für ihn das waren, was für die reichen Kinder die schönen Puppen oder großen Pferde. Der Vater hatte ein sehr gutes Herz, er gab dem Sohne gern die kleinen Flickchen; es geschah aber oft, daß Judka ein größeres Stück genommen hatte, dann hörte die väterliche Güte auf und Judka bekam Schläge. In solchen Augenblicken war die Mutter seine Zuflucht, sie besänftigte das weinende Kind mit einer gebratenen Kartoffel oder mit einem Stückchen Brod. Die Kartoffel trocknete schnell Judkas Thränen, sein Gesicht leuchtete wieder auf, und das Kind verließ befriedigt das Zimmer, um selig und glücklich auf dem großen Hof mit seinen Genoffen zu spielen, Häuser und Thürme von Sand und Steinen zu bauen und einen Lärm dabei zu machen, als ob die kleine Schaar- Jericho erobern wollte. Judkas Jugend verging ohne viele Abwechslung, im Winter saß er den ganzen Tag hinter dem Ofen, im Sommer wärmte ihn die Sonne. Er kannte keine andere Nahrung als Kartoffeln, trocknes Brod und Rettig. Fünf Jahre zählte Judka, als sein Unterricht anfing. Dieses Ereigniß traf ihn so schnell und plötzlich, wie ein Blitz. Eines schönen Tages (die Unglückstage sind immer schön) kamen zwei ältere Jungen, faßten das Kind unter den Arm und schleppten ihn fort. Man muß aber zugeben, daß er sich tapfer gewehrt hatte, mit Händen und Füßen, mit Geschrei und Thränen, es half aber nichts, er mußte der stärkeren Macht unterliegen. Man führte ihn durch einige Straßen, stieß ihn dann in ein kleines, enges Zimmerchen, wo viele kleine Kinder saßen, die mit erschrockenen, aber neugierigen Blicken den neuen Ankömmling betrachteten. An einem langen Tisch in der Mitte des Zimmers saß ein streng aussehender großer Mann; vor ihm lag ein dickes Buch, welches die Spuren schmutziger Finger an sich trug. Es muß sehr alt gewesen sein, denn es war vergilbt und zerriffen. Der Rabbi hatte etwas Abschreckendes in seinem ernsten Gesicht, und die Kinder zitterten vor seinem finstern Blick. Unter der Pelzmütze sah man rothes Haar, ein langer Vollbart siel ihm auf die Brust herunter. Er dampfte aus einer langen Pfeife, die man ihm als Geschenk aus Danzig mitgebracht; der qualmende Rauch des schlechten Tabaks und die erstickende 2uft in dem Zimmer verhinderten den Athem. Mit Angst sah Judka seinen Lehrer und die lange Pfeife an, von der mancher Rücken viel erzählen konnte, und die gewöhnlich den Unterricht erleichtern mußte. Je länger Judka in diesem Wcisheitstenipel blieb, desto mehr kam er zu der Ueberzeugung, daß die Sagen von der zauberhaften Pfeife wahr seien. Der Rabbi besaß nämlich außer seiner Gelehrsamkeit auch eine starke Faust, er schonte die Pfeife nicht und that alles Mögliche, um mit ihrer Hilfe die Weisheit seinen Zöglingen beizubringen. Sein Lehrsystem war einfach, er achtete wenig auf Entwickelung der Kinder, er wollte nur das Gedächtniß stärken, und dazu hatte er einen sehr guten Weg — dem Rücken — und einen tüchtigen Gehilfen — die Pfeife. Der gelehrte Lowsizer Rabbi, Josua Gewaltlehrer, las laut singend unter fortwährenden Bewegungeil seines Körpers vor, und alle Kinder wiederholten gemeinsam die vorgelesenen Worte, die Stimme und die Bewegungen des Lehrers genau uachahmend. Diese ausgezeichnete Methode, die den jetzigen jungen Lehrern unbekannt ist, hatte das Gute an sich, daß ein Schild erspart werden konnte.