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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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welche zur Schreibung der Zahl 113 gehörten. Eine Länge von, 90 Ellen desselben Tempels des Sonnengottes wird in gleicher Weise, durch den Satz bestimmt: „weil er als Sonne strahlend leuchtet",, ein anderes Maß von 15 Ellen durch „Mitte der Tiefe", ein neues von 50 Ellen durch „weil man betet", und eine Ausdehnung; von 25 Ellen durch „man stößt Worte aus". Das Alles ist eine Wortkünstelei, die mit der Symbolik auch nicht das Geringste zu; schaffen hat und sogar eine Armuth von Gedanken verräth, die in der Mnemotechnik des Zahlwortes das geeignetste Mittel findet, ihre , Blößen zu bedecken. Die Weisheit der Zahlensymbolik war längst aus den Schulen der Priester entschwunden, als Ptolemäer und Römer in das Land einzogen, denn eine kabbalistische Buchstaben-- klauberei vertrat fortan ihre Stelle. U FEUILLETON <%»•- Ver Flickschneider.]) Aus dem Polnischen von Eleonore Birnbaum. Eine traurige Herbstnacht hatte das kleine Landgut zur frühen Ruhe gebettet. Die Häuser und Scheunen verschwanden in der dunklen Nacht, als wenn sie sich in einem Ungeheuern Meer voll Tinte befänden.. Bon dem dunklen, mit schweren Wolken belasteten Himmel leuchtetet manchmal, wenn der Wind stärker blies, ein Sternlein herunter, verschwand aber schnell wieder, wie Jemand, der im Geheimen sich l über die Grenze schleicht.; Eine Todesstille herrschte überall, rings umher war es dunkel, die Menschen schliefen — nur auf dem Felde heulte der Wind und rang mit der mächtigen Birke, zerbrach in seinem wilden Taumel ihre Beste und verwehte ihre gelben Blätter. Aus dem naheliegenden Walde kam von Zeit zu Zeit das Geheul hungernder Wölfe, aber das war auch die einzige Stimme, die man in dieser Oede hörte. Die Menschen lagen in einem festen Schlaf ohne Träume und Phantasiebilder, in einem Schlaf, wie ihn diejenigen haben, die physisch schwer arbeiten. Wer den ganzen Tag auf dem Felde gewesen oder schwere Lasten getragen, der schläft ohne Bewußtsein auf einem harten Lager, und mancher Reiche könnte die Armen um diesen Schlaf beneiden. Schon seit einigen Stunden hatten die Hähne die Mitternacht verkündet, die Ruhe herrschte aber ununterbrochen in dem kleinen Dorfe fort. Die Einwohner schliefen, wie nur polnische Landleute nach schwerer Arbeit schlafen können. Nur in einem Häuschen am Ende des Dorfes wachte man noch auch in dieser traurigen dunklen Nacht; ein schwacher, unsicherer Lichtschein verrieth, daß man dort nicht an Schlaf dachte. Durch das matt beleuchtete Fensterchen sah man einen gebeugten Mann' auf einem Schemel sitzen, der unaufhörliche Bewegungen mit der Hand machte. Wer wacht noch im Dorfe in einer so späten Stunde? Wer hat einen so wunderbaren Gedanken erfaßt, in der Nacht ein Licht brennen zu lasten. Wir wollen näher treten und uns das Zimmer ansehen. ') Nach einer Skizze von Klemens Junosza. Der arme jüdische Flickschneider, dieses kleine Genrebild aus dem polnischen Leben, bildet ein liebenswürdiges Pendant zu der rührenden Gestalt des Amsterdamer Stiefelputzers Isaak, die wir in voriger Nummer vorgeführt haben. Die Red. Es ist geräumig, hat zwei kleine Fensterchen, auf dem Kamin glimmen knisternd zwei feuchte Birkenscheite. In einer Ecke des Zimmers steht ein großes Bett. Unter der buntgestreiften Decke bemerkt man eine Haube und einen Theil des Gesichts der muthigen Hausftau. Neben dem Kamine auf einem Strohsack schnarcht der Premierminister der Hausftau, die kleine dicke Brigitta, sie scheint zu träumen, das beweisen die gestikulirenden Hände. , Auf der Bank liegt ein kaum zwölfjähriger Knabe, der jüngste Sproß der Familie. Sein Kopf ruht auf einem zusammengerollten Pelze, die Hände unter dem Kopf, schläft er ruhig und still. Herr Onufri selbst, der Herr des Hauses und des Grundstücks, schläft auf der andern Seite in einem großen, geräumigen, gut eingerichteten Zimmer. Er schläft wie ein Todter, ebenso seine Ehehälfte und sein ganzes Hausgesinde. Nur ein fremder, nicht zu diesem Hause gehörender Mann wacht in der Küche, wo die zwei feuchten Scheite glimmen — es ist ein hagerer, kränklich aussehender Jude. Ein kleines rundes Mützchen bedeckt seinen Kopf. Auf der spitzen Nase sitzt eine alte Brille, und durch die Gläser schauen zwei schwarze, thränenumflorte Augen, die durch mühevolle Arbeit und schlaflose Nächte dunkle Ränder bekommen hatten. Das lange hagere Gesicht umrahmt ein kleiner frühergrauter Bart. Die nach Athem ringende eingefallene Brust des Juden zeigt, wie viel Arbeit die Lungen haben, um das Leben ihres Eigenthümers zu erhalten, Die langen, knochigen Hände und dünnen Beine, diese kaum athmende hagere Gestalt, die so eifrig arbeitet, gehört Judka Silberknopf aus Lowsiz, dem sogenannten „ersten Warschauer Schneidermeister". Vor ihm auf den Tisch liegt eine Scheere, eine Handvoll verschiedener großer und kleiner Knöpfe, schwarzer und weißer Faden, ein Stück Wachs und eine mit Schnupftabak gefüllte Dose. Von Zeit zu Zeit, wenn die Thränen den müden Blick umschleiern, wenn die Augenlider schwer zufallen und der Kopf zu sinken beginnt, nimmt er eine Prise, und die Mattigkeit verschwindet, die Augen schauen lebendiger, die Nadel bewegt sich lebhafter, und der Gedanke, daß bis morgen ein „Meisterstück" fertig sein soll; flößt dem armen Mann Muth zu. Außer den genannten Gegenständen steht noch auf dem Tisch ein kleines mit Branntwein gefülltes Fläschchen, daneben liegt ein trockenes Brod, zwei Zwiebeln und etwas Salz in Papier eingewickelt. Judka ist aber praktisch, er wird jetzt den Schnaps nicht trinken, das Brod und die Zwiebel nicht essen, denn er weiß es zu gut, daß. wenn nach einigen Stunden am Himmel die Morgenröthe sichtbar wird und die Hähne zum dritten Male krähen, würde er sich plötzlich sehr müde fühlen, ein beängstigendes Gefühl und eine solche Schwäche verspüren, daß er sich kaum wird auf der Bank aufrecht halten könne»«. Wie eine Ohninacht wird es über ihn kommen, vor den Augen werden grüne, blaue, rothe und goldene Funken flimmern, dann wieder dunkle schwarze — ganz schwarze, bis Alles um ihn her eine dunkle Masse wird. Dann rieselt es kalt in seinen Adern, auf der Stirn zeigen sich große kalte Schweißtropfen, die eingesunkene Brust ringt schwer nach Luft, und Judka glaubt, der Ribone schel Olam (Herr der Welt) ist so arm geworden, daß er oben im Himmel nur ein bischen Luft übrig hat — und daß dies auch nur den Reichern gehört. Judka sind solche Augenblicke des Zweifels nicht fremd, nachher bittet er aber doch den lieben Gott um Verzeihung, daß er derartige schlechte Gedanken hatte. Wenn das Uebel über ihn kommt, nimmt er, um sich zu stärken, ein wenig Schnaps, ein Stückchen Brod und Zwiebel, aber nur einen

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