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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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Lehren der Weisheit eingeführt worden sei. Man ist so genau in den Angaben darüber, daß man sogar die ägyptischen Namen seiner Meister in den Hauptschulen des Landes dem Gedächtniß überliefert hat. Aegypten stand einmal in dem Gerüche, die älteste Weisheit zu besitzen, und wer Anspruch auf Ausbildung seines Wissens erhob, mußte nothgedrungen die priesterlichen Universitäten in Heliopolis, Memphis, Saks und Theben besucht haben, um als hochgebildeter Mann und philosophischer Doktor in der Heimath zu gelten. Um von Andern zu schweigen, führe ich die Namen von bestem Klange auf: Archimedes, Demokritus, Eudoxus, Lykurgus, Orpheus, Plato, Solon, Thales und Xenophanes, die angeblich ihre Lehrjahre zu den Füßen der ägyptischen Priester zugebracht hatten. Aegypten besaß einmal den Weltruf, als Hochschule der höchsten Weisheit zu gelten. Bleiben wir bei der Zahl stehen, so ist das gesammte Alterthum einmüthig in der Behauptung, daß die mathematische Zahl schon aus Nothwendigkeitsgründen ihre Wiege in Aegypten gehabt habe. Die jährlich sich wiederholenden Nilüberschwemmungen führten zu jährlich erneuerten Vermessungen der von den Wassern erreichten Felder, um die Steuerauflagen für das laufende Steuerjahr festzustellen und einem Jeden 'sein rechtes Maß zukomnien zu lasten. Zahl, Maß und Rechnung bildeten sich gleichsam von selber aus. Daß die Sache nicht ohne Grund behauptet wurde, läßt sich erweisen, da wir ein ganzes Rechenbuch auf Papyrus besitzen, das in der Hyksosperiode, also zu Josephs Zeit, niedergeschrieben ward, uni den Landniann in die ersten Regeln der Feldmeßkunst und die Berechnungen hohler, zur Aufbewahrung von Getreide dienender Räume einzuweihen. Freilich lassen die aufgestellten Beispiele nichts weniger als eine tiefsinnige Zahlenweisheit erkennen, denn häufig genug erwecken sie den Verdacht, als habe man. wie wir zu sagen pflegen, an den fünf Fingern sich die Exempel ausgerechnet. Die Addition und Subtraktion ging noch leidlich vor sich, schwieriger wurde es schon, die Multiplikation und Division in schneller Weise zu vollziehen. Der Landmann von damals stand mit seiner Rechenweisheit auf derselben Stufe, als der heutige Araber an den Ufern des Nils. Wir wollen zur Ehre der überlieferten ägyptischen Weisheit gern annehmen, daß der hochgebildete Lehrer an den altägyptischen Priesterschulen seine eigene, der Menge verschlossene Theorie besaß, um die Zahl und das Maß mit aller Gründlichkeit zu beherrschen. Aber sprechende Beweise liegen nicht vor, und es läßt sich, soweit bis jetzt der Stoff untersucht worden ist, kaum mehr behaupten, als daß fortgesetzte Beobachtungen und Erfahrungen eine gewisse Praxis für das gewöhnliche Leben herausgebildet hatten. Immerhin mußten die ersten Anfänge dazu gemacht werden, und hier sind es die alten Grundmaße in der Berechnung von Zeit und Raum, welche aller späteren und wirklichen oder eingebildeten Weisheit die Wege bahnten und in ihrer ältesten Gestalt als heilige bezeichnet wurden. Nicht minder bedeutungsvoll ist die erwiesene Thatsache, daß bereits in jenen fern liegenden Zeiten, in welchen die Könige Pyramiden als Grabstätten aufführten, das dekadische Zahlensystem jeder Angabe und jeder Berechnung zu Grunde gelegt wurde, wenngleich man noch nicht den Stellenwerth der Zahlbezeichnungen und die wichtige Position unserer Null kannte. Das dekadische System hat in Aegypten von jeher seine Geltung gehabt, doch wollen wir es dahingestellt sein lasten, ob seine Erfindung im Nilthale oder an den Ufern des Euphrat, in Babylonien, zu suchen sei. Sicherlich war es ein hamitisches Erbtheil, das die semitischen Ebräer ans Aegypten oder Babylonien empfingen, zugleich mit den Grundmaß der Elle, die bei allen drei Völkern, Aegyptern, Babyloniern und Ebräern, fast mathematisch genau dieselbe war. Anders verhält es sich Mit der ZeiteiNtheilung, für welche Israel seine Zuflucht zur babylonischen Weisheit genommen haben soll. Die Bedeutung und Symbolik der Zahl offenbart sich in den Ueberlieferungen der heiligen Schrift bei den mannigfaltigsten Veranlaffungen, wobei es nicht zu übersehen ist, daß die Zehner in der sprachlichen Bildung des Ebräischen und ganz nach altägyptischem Muster als eine Mehrheit der entsprechenden Einer angesehen wurden und Verdoppelungen und die Mehrfachen mancher Zahlen keine Seltenheit sind. Indem ich an einzelnen Beispielen die Anwendung der (oft nur vermeintlichen) Symbolik der Zahl in der Schrift Nachweisen will, nehme ich gleichzeitig auf die altägyptische Zahl Rücksicht, um den Zusammenhang oder die Aehnlichkeit sofort zur Anschauung zu bringen. Einzig und allein ist Gott. Dieselbe Vorstellung des Gottes, als des einzigen, predigt die gesammte ägyptische Jnschriftenwelt. Nur ist diese ägyptische Einheit die Zusammenfaffung einer Vielheit von Neun, auf welche ich bereits oben die Aufmerksamkeit gelichtet hatte. Die Zwei zah l erscheint im Ebräischen als eine Verdoppelung der Einheit, um sprachlich, besonders in dichterischer Erhebung, einen Ausdruck zu bekräftigen, ein Zeugniß zu verstärken. Nicht anders im Altägyptischen, uni einen gewissen Nachdruck auf einen zwei Mal wiederholten bestimmten Satz oder ein einzelnes Wort am Schluffe desselben zu legen. Selbst in der Verdoppelung eines Verbalstammes offenbart sich eine Verstärkung seiner Grundbedeutung. „Gut, gut", oder „sei willkommen, sei willkommen!" heißt so viel als „sehr gut" oder „sei auf das Herzlichste willkommen!" Eine weitere Vorstellung der Zweizahl berührt die Zusammengehörigkeit, das mit einander Verbundene, bis zu dem Gebiete der Liebe. Freundschaft und der politischen Bundesgenossenschaft hin. Ein Gegenstand, ein Mensch, ein Gott, „der kein zweites (neben) sich hat", ist dabei das Einzige in seiner höchsten Auffassung. Auch die Bildung der ägyptischen Wörter für „Bruder" und „Schwester" sind sprachlich aus dem Stamme „zwei sein, doppelt, ein Paar sein" hervorgegangen. Die Drei zahl vertritt sowohl im Ebräischen als im Aegyptischen die in sich abgeschlossene Mehrheit, die in weiterer Auffaffung ein Ganzes bildet. Himmel, Erde, Meer (bei den Aegyptern nicht immer, aber gewöhnlich als Tiefe aufgefaßt), fasten den Begriff der Welt in sich, Morgen, Mittag, Abend den Tag, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nach ägyptischer Auffaffung: gestern, heute und morgen, bilden die ewige Zeit, Ueberschwemmung, Sommer und Winter das Jahr, Rechtes, Mitte und Linkes den Inhalt eines Körpers, Vater, Mutter, Sohn die Trias der Familie rc. Die dreifache Wiederholung eines Wortes umschreibt im Ebräischen wie im Aegyptischen den Superlativ. Gut, gut, gut oder dreimal gut ist das Beste, dreimal groß das Größte. Mit der Vierheit verbanden Ebräer wie Aegypter zunächst die Vorstellung der vier Weltgegenden Süden, Norden, Westen, Osten oder vorn, hinten, rechts und links bei den Begrenzungen eines Landes, ferner der vier Säulen, welche den Himmel stützen, der vier Ecken eines gebauten Heiligthumes. Der Gestalt des Vierecks widmete man deshalb eine besondere Aufmerksamkeit. Die in allen ägyptischen Tempeln angeschriebene Aufforderung, sich viermal beim Eintritt zu reinigen, enthielt sicherlich eine Anspielung auf die vier Himmelsrichtungen. Der Vierzahl der sogenannten heiligen Farben, der heiligen Thiere, gewiffer Gottheiten rc. stehen im Ebräischen die vier heiligen Farben, die vier Bestandtheile des Salböles und des Räucherwerkes gegenüber.

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