Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 365

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227909--48123-3270626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

365 deren Unvorsichtigkeit hinwegzutäuschen, zumal, wenn die Unachtsamkeit Schmerz vemrsacht. — Stößt ein Kind sich und schreit, und der Unverstand fordert es zur Vergeltung auf: Schlag den Tisch! tritt den Stuhl rc., so begreift das Kind die Lüge nur zu leicht; seine Rachegeister werden erweckt und angestachelt. Was es am Leblosen gelernt hat, das wird es in das Verhältniß zu seinen Genoffen hineintragen und seine Fehler Andere büßen lassen. Empfehlenswerther ist die Weise einer klugen und gebildeten Mutter, in deren Familienkreis eingeführt zu werden, ich kürzlich das Vergnügen hatte. Sie leitet ihre Kinder an, sich selbst vor Schaden zu hüten. Unter ihren vorzüglich erzogenen Kindern fiel mir an dem für sein Alter von nicht ganz zwei Jahren körperlich wie geistig weit vorgeschrittenen Knäbchen auf, daß es in weitem Bogen um die Treppenöffnung zum Erdgeschoffe abbog, mit Sicherheit und Vorsicht zerbrechliche Dinge handhabte und sich in gemessener Entfernung von dem heißen Ofen hielt. Und dabei war das Kind unverdrossen geschäftig, sehr lebhaft; darüber drückte ich dem Wter meine Bewunderung aus, und dieser wies mich an die Mutter. „Glauben Sie," sagte diese, „mein Ernstchen hat mir viel zu schaffen gemacht. Ueberall mußte es seine Händchen haben, und ich natürlich meine Augen. Am meisten machte der Ofen mir Sorge, und Warnungen: „Ofen heiß, brennt, thut weh" — gaben mir keine Sicherheit. Es mußte heißes Eisen kennen lernen, die Erfahrung machen. — Ich brachte bei einer paffenden Gelegenheit eines seiner Fingerchen mit dem heißen Eisen in Berührung, es zuckte schnell zurück, schrie aber nicht, sondern sah mich mit weit geöffneten Augen an, und rief: „Heiß, weh, weh!" Die Erfahrung einer einzigen Sekunde bewirkte eine heilsame Scheu. Auf das Zerbrechen einer Taffe oder eineß Glases ließ ich die Entbehrung der Gabe folgen, welche sonst durch das Zerbrochene gereicht wurde." Ich konnte dieser praktischen Erziehung meinen Beifall nicht versagen. Welche Mannigfaltigkeit der Anwendung liegt in dieser Methode, und wie viele treffliche pädagogische Zwecke werden durch dieselbe erreicht! Besonders wollen wir sie zur Nutzanwendung in der Schule empfohlen haben gegen die leichtsinnigen oder muthwilligen Sachbeschädiger. Die Methode der trefflichen Mutter richtet nun wohl den kindlichen Sinn auf die Wirklichkeit, die mit der Wahrheit zusammenfällt, und auf das Thatsächliche, aber darum verschließt die Dame doch nicht ihren Kindern den Lustgarten, worin die buntfarbigen Gebilde der Phantasie ihre Blüthen treiben. In der Lektüre für ihre Kinder fehlen Fabeln und Märchen nicht, nur sucht sie vor Uebertreibung, Ueberfüllung und Träumerei zu schützen. Vor etwa dreißig Jahren wühlte die pädagogische Strömung die Schullesebuchfrage auf. Die Kinder der Phantasie wurden nebst den moralischen Erzählungen, besonders solcher, die eine humane Tendenz gegen Andersgläubige zuni Ausdruck brachten, als unrechtmäßige Geisteskinder angesehen, und gleich Jsmael in die Wüste geschickt. Was sich nicht betasten, besehen, unter Zahl, Maß und Nutzbarkeit bringen ließ, das sollte keine Existenzberechtigung haben. Realpolitik bei den Großen bis zur Handgreiflichkeit sollte eine Mahnung zur Realität für die Kleinen sein. Wir hatten ja zu lange geträumt, zu viel geschwärmt, wir waren viel zu gutmüthig geworden. Das Märchen mit seiner ganzen Verwandtschaft birgt einen kostbaren Schatz der Idealität, und die Nebelstreifen schlagen als befruchtender Thau.für das.Gefühls- und Gemüthsleben nieder. Natürlich müssen diese Phantasiestücke nach Umfang, Inhalt und Form für das Alter und das Verständniß der Kinder paffen. Was die Legende auf biblischem Grunde, die Sage der Geschichte, hie Fabel für Moral und Lebensklugheit, das ist das Märchen in der Poesie. Ist nicht das sinnige Kind, zumal das Mädchen, ein wandelndes Märchen? Es gleicht die Unebenheiten und Härten des kalten, realen Lebens aus; den Verkannten führt es auf wundersamen Pfaden durch Dorngehege ■ zur Anerkennung, zur Lebensfreude den durch Mißgeschick oder rohe Gewalt Unterdrückten, es straft Unholde, Hochmuth und Laster^ übt Gerechtigkeit und Vergeltung. Laßt doch den Kindern die Poesie. „Das Leben wäre ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst wäre" (Börne). Das feine Duftgewebe mit eingereihten Perlen aus der Meerestiefe, mit schillernden Pfauenaugen und umsäumt von dem Golde der Abend- und Morgensonne soll zum Brautgeschmeide für Prinzessinnen edlen Gemüths und reinen Sinnes, gleichviel ob hoch oder nieder geboren, werden, aber nimmer darf die Poesie die Schleppe des Ungeheuerlichen, des Häßlichen, des Widersinnigen oder des boshaften Spottes tragen.? Nie Symbolik der Johl. Von Professor Dr. Heinrich Brugsch.') Bis zur Stunde steht die Welt unter dem bestrickenden Einfluß der Zahl. Gebildete wie ungebildete Leute laffen von dem altüberkommenen Erbübel nicht ab, bestimmte Zahlen oder Verhältnisse mehrerer zu einander als Glück oder Unglück bringende zu betrachten. Der Glaube an Zahlenwählerei ist tief in der menschlichen Anschauung eingewurzelt und gleichsam unbewußt in unser Fleisch und Blut übergegangen. Daß 7 und 13 besonders angenehme Zahlen seien, will Niemandem einleuchten, ebenso wenig, daß man ungeraden Zahlen vor den geraden den Vorzug zu geben habe. Man findet in der Zahl das Geheimniß einer Symbolik, die ihre Wirkung auf Gedanken und Handlungen bis in unsere Gegenwart hinein noch lange nicht verloren hat. Mag bei der Beurtheilung der glücklichen und unglücklichen Zahlen vieles auf Rechnung ihrer Theilbarkeit und ihrer mathematischen Harmonie gesetzt werden, das Eine steht fest, der Aberglaube ist nicht neu, sondern schreibt sich aus alten Zeiten her, in welcher die Zahl die Welt beherrschte und bis tief in die religiösen Dinge hinein eingedrungen war. Der berühmte griechische Philosoph Pythagoras, welcher in der letzten Hälfte des sechsten Jahrhunderts vor Christi Geburt lebte, wirkte und schrieb, gilt allgemein als der Stifter einer eigenen Schule der Weltweisheit, in welcher die Zahl und das räumliche Maß die wichtigste Rolle spielte. Die ganze Weltordnung beruhte auf der Harmonie der Zahlen, deren geheimnißvolle Gesetze den Gegenstand der eingehendsten Untersuchungen des großen Philosophen bildete. Der Mysticismus der Zahl hatte unter seiner Behandlung ihren höchsten Grad erreicht. Eine tiefsinnige Spekulation führte zu Vergleichungen und Bildern, die der hieroglyphischen Symbolik der alten Aegypter in nichts nachstanden. Wir wissen beispielsweise, daß Pythagoras und seine Schüler die Einheit mit Apollon, die Zweiheit mit Artemis und die Siebenheit mit Athene, den Kubus mit Poseidon bezeichneten. Wie Moses nach der biblischen Ueberlieferung seine Schulweisheit sich in Aegypten erworben hatte, so stand auch die griechische Tradition in dem festen Glauben, daß Pythagoras von den Priestern in die ') Aus einem demnächst erscheinenden Werke des berühmten Gelehrten, das den Titel führt: „Steininschrift und Bibelwort" (Berlin, Allg. Verein für deutsche Litteratur) und auf das wir schon heute die Aufmerksamkeit aller Leser richten möchten.. Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.