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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-31 · Heft 31 (31.7.1891) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 31 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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364 recht der Autorität des Herrn Dr. Adler unterordnen werden, da sie den Anforderungen der neuen Zeit in keiner Beziehung Rechnung tragen; während die englisch-deutschen Juden einen den Kultur^ fortschritten angemessenen Gottesdienst haben wollen und manches/ was aus dem Mittelalter äußerlich dem Judenthum angewachsen 0 als schädlichen Auswuchs entfernt haben möchten. Wie es deck' Herrn Dr. Adler gelingen wird, diese beiden Gegensätze unter einem! Hut zu erhalten, das wird die Zukunft zeigen. Dessen Einfluß würde jedenfalls gehoben, wenn anstatt halbgebildeter Chasanim, di^ sich Minister nennen und auch predigen, qualifizirte Rabbiner und' Prediger in dem „Jews College“ erzogen würden. Dessen Rektor« Herr Dr. Friedländer ist eine tüchtige Kraft, und wenn er noch andere mit tüchtigem rabbinischen Wissen ausgestattete Kollege^ hätte, so könnte dieses Seminar auch junge Leute nach den Provinzialstädten schicken, die das Judenthum vertreten und ihm Ehre machen könnten. Es würde dann auch der Titel eines Chiefs rabbi nicht mehr länger ein lucus a non lucendo sein. Denn bisher gab es einen Oberrabiner ohne Unterrabbiner. 3. Die dritte Abtheilung der jedenfalls auf der höchsten Kulturstufe stehenden englischen Juden ist die der Reformangehörigen. Der Zahl nach sind diese nicht sehr groß. Sie datiren ihre Gemeinschaft vom Jahre 1840, als viele gebildete portugiesische und deutsch-englische Juden infolge der Intoleranz der non possumus-Männer ihren eigenen mit geläutertem Gottesdienst ausgestatteten Tempel gründeten; Außer in London giebt es noch in Manchester und Bradford solche reformirte Synagogen. In London sind drei Prediger, die Professoren Marks und Löwy sowie Reverend Harris, angestellt. In Manchester Herr Reverend Simmons und in Bradford Herr- Dr. Strauß, Beide mit weltlicher und jüdischer Wissenschaft ausgerüstete Männer, dir dem Judenthum im Norden Englands Achtung von Seiten der Christen verschaffen. — Vor der Wahl des neuen Oberrabbiners wollten einige weitherzige Männer eine wenigstens äußerlich^ Vereinigung sämmtlicher jüdischen Richtungen erstreben, aber es gelang nicht, da sowohl portugiesische wie Reform-Rabbiner nicht ihre unabhängige Stellung und damit ihren größeren Einfluß zum Wohl des Judenthums aufgeben wollten. Pädagogische Briefe. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster.? „Nicht die einzelnen Anreden, sondern die zufälligen Aeußerungen und die absichtslose Fortsetzung und Offenibarung eines Charakters wirken so unglaublich aus die Kinder, denen durch ihre Verehrung Alles so fest anfliegt." Jean Pauk. VI. Diese eine Sentenz soll und kann für zwei gelten, sie wiegt mit ihrer „Offenbarung" doppelt schwer. Ich will die zweiti mir aber keineswegs schenken oder ersparen, sondern zurücklegen als Stichwort zu dem Brief auf die Beilage, welche Ihr Herr Gemahl so gütig war, Ihrem Brief einzuverleiben. Daß Sie die in dieser Beilage angeregte Frage „über die religiöse Erziehung in Familie und Schule" gelesen haben, muß ich ebenso selbstverständlich annehmen, als ich von vornherein voraussetzen mußte, daß mein Brief an Sir von Ihrem Herrn Gemahl gelesen worden. Denn eine normale, das heißt „gute Ehe" schließt die Gütergemeinschaft, wie die Geistes- und Herzensgemeinschaft ein und das Briefgeheimniß aus. Die gute Erziehung ist eines der theuersten Güter für Eltern und Kinder und sie kann nur in der Harmonie der ersteren gelingen, nämlich in befe Einheitlichkeit und dem einmüthigen Zusammenwirken aller betheiligten Faktoren, deren erster und wichtigster die Eltern sind. Nur fällt der Mutter, die alsdann nach allen Regeln des Anstandes vorausgehen muß, der erste und schwerste Antheil an Arbeit und Ueberwachung zu. Die fromme Hanna hielt ihren Sohn Samuel unter ihrer Obhüt, bis er ziemlich Herangewächsen war; erst dann hielt sie' es für unbedenklich, ihn dem Pädagogen zuzuführen, und dieser war sogar ein Priester. Darunü hielt ich es auch in der Ordnung, meine ersten Briefe an Sie, an die Mutter, zu richten. Ich werde sogar den Kreis noch weiter ziehen und die Einmüthigkeit vom Hause auf den Lehrer ausdehnen müffen. Den Meinungsaustausch über verschiedene, das religiöse Gebiet berührende Gesichtspunkte beabsichtige ich in die Briefmappe eines jungen Lehrers zu schieben. Ein solcher, und mir sehr wohl bekannter, ist ja berufen, den allbekannten und bewährten Schulmann Ihrer Gemeinde abzulösen. Da Sie das Wirken eines Lehrers zu würdigen wiffen, Und Ihr Herr Gemahl, wie er mir mittheilt, zum Repräsentanten der Schulkommission gewählt ist, so wird der neue Lehrer zu Ihrem Hause in enge Beziehung treten. Sie werden, geschätzte Freundin, diese Abschweifung vom Zusammenhang meines letzten Schreibens, also vom Wege der Wahrheit, nicht mißverstehen. Ihre Bemerkungen, daß man oft in die Lage versetzt wird, die Pflicht der Wahrheit Kindern gegenüber einzuschränken, geben mir Gelegenheit, einige mit dem Gegenstand in Verbindung stehende, wichtige Punkte zu berühren. Zu berühren, denn das Kapitel an und für sich ist ja unerschöpflich und stellt den Erzieher täglich vor neue Aufgaben mit eigenartiger Lösung. Ganz gewiß nicht jede absolute Wahrheit ist für Kinder, derm neugierige Fragen oft in Verlegenheit bringen und zur Ablenkung zwingen. Ist es denn rathsam, jedem Erwachsenen klaren Wein einzuschenken? Nicht alle Fragen liegen im Auffaffungsbereich, in dem Bedürfniß und in dem Interesse der Kinder. Diese Rücksichten müffen auch das Verhalten bestimmen. — Lessing meint, die Wahrheit soll man sagen, wo es nützt und ftommt, und seinen Nathan, der ins Gedränge kommt, weil der Sultan von ihm die reine Wahrheit wiffen will, läßt er sagen: „Nicht die Kinder blos speist man mit Märchen ab." Das Uebertragen des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens selbst auf leblose Gegenstände ist ein Wechselspiel oder ein Spiegel. Wenn dem Gegenstände dieses Denken, Fühlen und Handeln zugesprochen oder angedichtet wird, so stimmt das mit der Wirklichkeit wohl nicht, aber eine innere Wahrheit kann ihm nicht ganz abgesprochen werden; das Kind versetzt seinen Seelenvorgang in das Andere. Ein Mädchen unbemittelter Eltern sieht in dem Hause reicher Leute gegenüber eine Altersgleiche mit einer schönen Puppe spielen. Darob regt sich in ihm der natürliche Wunsch nach dem Besitze eines ähnlichen Spielzeugs. Seine Eltern können ihm aber ein solches nicht beschaffen. Es weiß sich zu helfen; mit einem Stück Holz, zusammengesuchten Läppchen und Fäden macht es sich selbst eine Puppe, die ihm schöner scheint, als die des Kindes gegenüber. In der Freude und Spiellust wird das kunstlose Ding ohne Porzellankopf und Flachshaar zu des Mädchens Gespielin; es ladet diese zur „Tafel", befragt sie, giebt selbst auch die Antwort und legt ihr Wünsche und deren Gewährung in den Mund. Das Kind ist sich wohl bewußt, daß es ein Spiel treibt, daß es sich selbst sagt, was es von dem lieben, kunstlosen Machwerke hören will; es hat dieses eben zu seinem zweiten Ich gemacht. Nicht so unschuldiger Natur ist es, wenn Mütter todten Dingen böse Absichten und Handlungen andichten, um ihre Kinder über

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