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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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An AMk ist man leider noch nicht einmal so weit, das Musterstatut fcesF vergrößerten Kultusgebietes der Behörde vorzulegeu. Und so kann es ganz gut geschehen, daß eines schönen Tages alle Kultusgemeindestatuten der Monarchie behördlich genehmigt werden, ohne daß man dabei die größte Gemeinde des Staates berücksichtigen könnte. Die Mitglieder des Wiener Kultusvorstandes gehören den besten und einflußreichsten Ständen der Residenz an. Mit besonderem Stolz kann die Wiener Kultusgemeinde ihre Repräsentanten als Muster gewissenhafter Pflichterfüllung anführen, benit wenige Judengemeinden der Welt können sich rühmen, daß ihre Repräsentanten so viel Intelligenz und Macht besitzen, wie dies in so hohem Grade beim Vorstand der Wiener Kultusgemeinde der Fall ist. Was nützt aber alles Wissen und jeder Einfluß, wenn solche Männer sich nicht entschließen können, die alten, verrosteten Usancen im Kultusgemeindewesen zu beseitigen und neuen, den veränderten Verhältnissen entsprechenden Reformen in der Administration Rechnung zu tragen. Wien besteht jetzt aus 19 Bezirken, und die Wiener Kultusgemeinde soll jetzt vier neue Gemeinden als Zuwachs erhalten. Sie ist dadurch in der angenehmen Lage, über 100,000 Seelen als Mitglieder zu betrachten und dürfte dadurch thatsächlich die größte Gemeinde der Welt werden. Und bei solchen veränderten Verhältnissen ist man im Schooß der Wiener Kultusgemeinde noch sehr im Unklaren über die Art und Weise, in welcher die neu hinzugekommenen Gemeinden der Muttergemeinde einverleibt werden sollen. Die bereits darüber gepflogenen Verhandlungen haben zu keinem Resultat geführt. Wie verlautet, soll die Kultussteuer mindestens auf drei Gulden herabgesetzt werden und das Maximum soll 4000 fl. sein. Dabei sollen in den verschiedenen Bezirken dieser großen Stadt die betreffenden Israeliten durch Vereine für die Erhaltung eines Bethaufes sorgen und für alle ihre kulturellen und seelsorgerischen Bedürfnisse von der so entfernten Centraladministration abhängig sein und vielleicht mit jeder Geburts-,Trauungs¬ und Todesanzeige in die Centrale lausen. Kurz, Alles soll so ziemlich beim alten Schlendrian bleiben! Wenn diese Kardinalpunkte nicht einer Remedur unterzogen werden, so dürste die Neukonstituirung ad calendas graecas verschoben werden. Großbritannien. * London, 17. Juli. Die „Times" veröffentlicht weitere Mittheilungen des Barons Hirsch über seinen Plan für die Kolonisirung russischer Juden. Er habe von seinem Agenten White einen Bericht empfangen, in welchem die verschiedenen Maßregeln dargelegt würden, welche die russische Regierung im Prinzip angenommen habe. Er habe jeden Grund, damit zufrieden zu sein, vorausgesetzt, daß die Einzelheiten in dem Geiste geregelt würden, in welchem die Prinzipien zugestanden worden seien. Nach Whites Bericht feien die Leiden der jüdischen Bevölkerung fürchterlich und vergrößerten sich. Die Natur der Behandlung der jüdischen Bewohner von Moskau wäre von der Presse in gewissen Fällen übertrieben worden; gleichwohl seien die Leiden der Juden, namentlich unter den Kindern, nicht nur höchst betrübend, sondern erheischten auch entschloffenes Handeln. Whites Bericht mache es klar, daß jeder vermeidbare Verzug in der Organisation irgend eines Planes vermieden werden müsse. „Meine Absichten betreffs der Zukunft," fährt Baron Hirsch fort, „sind die Gründung einer großen englischen Gesellschaft, in welcher ich alle oder die meisten Aktien nehmen werde, nicht für gewinnbringende Zwecke, sondern um eine geschäftsmäßige Verwaltung des philanthropischen Unternehmens zu sichern. Der nächste Punkt in meinem Programm ist die Bildung eines großen repräsentativen Ausschusses, zusammengesetzt aus Mitgliedern des jüdischen Gemeinwesens der ganzen civilisirten Welt. Dieser Ausschuß wird ein Vollzugskomitee ernennen, welches im Verein mit den jetzt in Rußland mit Zustimmung der Regierung zu bildenden Ausschüssen Schritte für eine regelmäßige und methodische Auswanderung thun soll." * London, 20. Juli. Nach einer Petersburger Drahtmeldung soll die Judenverfolgung in Rußland neuerdings weniger streng betrieben werden. So wurde die Ausführung des Ausweisungsbeschlusses gegen die jüdischen Handwerker in Petersburg auf unbestimmte Zeit verschoben. Gleichzeitig wird dem „Daily Chronicle" aus Petersburg gemeldet, daß Baron Alphons von Rothschild demnächst in der russischen Hauptstadt eintreffen werde, um mit dem Finanzminister von Wifchnegradski ein Abkommen betreffs der Konversion der letzten russischen Anleihe zu treffen. (Die Nachrichten erscheinen zwar im ersten Augenblick wenig glaubhaft, stehen jedoch im Einklang mit den Mittheilungen, die uns aus Petersburg zugegangen sind. Siehe Korr. Petersburg. — Red.) Iliumanirn. * Bukarest, 11. Juli. Von Zeit zu Zeit suchen unsere Antisemiten den thatsächlichen Erfolgen, die sie ja hier zu Lande unbestritten haben, auch noch einige theoretische hinzuzufügen. So soll auf Antrag des Abg. Csaur-Aslan eine Untersuchungskommission eingesetzt werden, welche Erhebungen über die Ausbreitung des Judenthums in Rumänien und dessen unheilvoller: Einfluß anstellen und Maßregeln zur Einschränkung desselben Vorschlägen soll. Wie Csaur-Aslan in einer Ansprache vor einer ihn bejubelnden Volksmenge in Jassy ausführte, wolle er keine unmenschlichen Unterdrückungsmaßregeln gegen die Juden, er denke auch nicht daran, sie des Landes zu verweisen, sondern sie sollten als Angehörige einer fremdländischen Nation volles Gastrecht in Rumänien genießen. Nur müsse die Regierung den Juden genau ihren Wirkungskreis abgrenzen, damit sie nicht mehr in die Lage kommen könnten, das rumänische Volksthum wirtschaftlich und sittlich zu korrumpiren. Deshalb müsse auch in allen Städten Rumäniens mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung eine strenge räumliche Trennung des Judenthums von dem Rumänenthum durchgeführt werden. Ueberhaupt handle es sich nicht um eine Verfolgung Andersgläubiger, sondern nur um eine rein nationale Frage. Ein Jude könne niemals als Rumäne betrachtet werden, selbst wenn er die christliche Religion annehmen würde. Die Ausscheidung der jüdischen Elemente aus dem rumänischen Volkskörper sei unumgänglich, wofern die Rumänen ihre schwer errungene staatliche Selbständigkeit bewahren wollten. Rußland. * Petersburg, 12. Juli. Mit welcher Rücksichtslosigkeit oder richtiger Barbarei noch immer seitens der ausübenden Regierungsorgane gegen die Juden, ja selbst gegen unmündige jüdische Waisenkinder vorgegangen wird, beweist der „Köln. Ztg." zufolge der nachstehende Fall. In Petersburg dient ein früher bereits zur Orthodoxie übergetretener Jude als Soldat. Ei:: Bruder desselben, noch Jude, lebte als Wittwer mit seinen zwei unmündigen Kindern seit Jahren in Moskau. Er lag schwer auf dem Krankenlager, als ihm dort vor einiger Zeit der Ausweisungsbefehl zuging. Er berief sofort seinen Petersburger Bruder nach Moskau, band diesem auf die Seele, sich seiner armen Kinder anzunehmen, denn er fühle sein Ende nahen, und war wirklich schon am folgenden Tage eine Leiche. Der Bruder nahm jetzt die Waisen mit sich nach Petersburg. Eine kurze Zeit ließ man ihn unbehelligt, dann erschien plötzlich die Polizei und überreichte ihm einen Ausweisungsbefehl für die beiden unmündigen jüdischen Kinder seines verstorbenen Bruders, die sich nach dem polnischen Heimathsort ihres Vaters zu verfügen hätten. In seiner Verzweiflung lief der Oheim zu seinem militärischen Vorgesetzten, aber das einzige, was ihm bezw. diesem schließlich durchzusetzen gelang, war die Erlaubniß, daß die Waisen noch nicht sofort aus Petersburg abgeschoben wurden. Dem Oheim jedoch wurden sie genommen und bis zu höherer Entscheidung in einem Gefäugniß untergebracht. * Petersburg, 16. Juli. Das Entgegenkommen, welches einige russische Behörden dem Delegirten des Barons von Hirsch, Mr. White, gezeigt haben, hat gewisse judenfeindliche Kreise in die sonderbare Furcht versetzt, es möchte der: jüdischen Finanzkreisen doch noch gelingen, mit der russischen Regierung zu Gunsten ihrer Glaubensbrüder einen Pakt abzuschließen. Um das zu verhindern, wird eine Hetze gegen den Finanzminister Wischnegradski in Szene gesetzt. 'Die zahlreichen ihm feindlichen Parteien setzen alle Hebel zu seinem Sturze in Bewegung und machen ihn für den jetzigen Nothstand verantwortlich. Letzteres thun auch Jene, welche bisher zu ihm hielten. Nichtsdestoweniger glauben eingeweihte Kreise, des Kaisers Vertraue:: zu Wischnegradski sei vorläufig noch unerschüttert. — Die hiesigen Blätter bezeichnen die durch auswärtige Blätter verbreitete Meldung über Ausschreitungen -gegen die Juden in T a n: b o w als vollständig erfunden. Es habe sich durchaus nichts ereignet, was derartige Meldungen irgendwie veranlassen konnte. Auf derartige Dementis ist allerdings nicht viel zu geben, da die hiesige:: Zeitungen erst ganz kürzlich bezüglich der Judenfrage ihre sehr bestimmten Verhaltungsmaßregeln von höherem Orte her bekommen haben. Türkei. A Konstantinopel, 18. Juli. Die hiesigen Regierungskreise beschäftigen sich, wie ich Ihnen auf Grund guter Informationen miltheilen kann, auf das Eifrigste mit der Frage derJudenkolonisation. Besonders steht Se. Majestät der Sultan der Angelegenheit mit großem

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