Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227908--48115-3270617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
* Mainz, 15. Juli. Hier wurde heule der Nestor der jüdischen Gemeinden des Großherzogthums Hessen, der langjährige Vorsitzende der hiesigen, Leo Rein ach, zu Grade getragen. Mit ihm, der ein, Alter von 92 Jahren erreichte, ist der letzte Unterzeichner der denk-§ würdigen Dankadresse der Repräsentanten des Judenthums in Rheinhessen an den Odergerichtsrath und Landtagsadgeordneten Glaubrech, welcher soviel für die Aufhedung des berüchtigten „Judenpatents" wirkte, aus dem Leben geschieden. Jenes Judenpatent bestimmte, wie, die „Mainzer Geschichtsbilder" mittheilen, daß bei drei Instanzen jährlich ein jeder jüdischer Kaufmann sich von dem Verdacht des Wuchers reinigen und von dem Gemeinderathe, dem Konsistorium und der Provinzialbehörde nacheinander jedes Jahr ein Zeugniß darüber erbitten mußte, daß er kein Wucherer sei und noch kein unerlaubtes Geschäfts abgeschlossen habe. * Pirmasens, 22. Juni. Ein Leichenzug mit einem hier ungewöhnlich großen Trauergefolge bewegte sich gestern Nachmittag 3 Uhr: nach dem jüdischen Friedhofe. Es galt der Bestattung eines schlichten Volksschullehrers, des ältesten der hiesigen Lehrer, Herrn Jakob Nathan. So ehrte die hiesige Einwohnerschaft sich selbst, indem sie durch die Ehrung des Tobten bewies, daß die Achtung und Liebe der. Bevölkerung nicht durch Würden und Aemter, nicht durch irdische Glücks-, güter, sondern durch Redlichkeit und Leutseligkeit erworben werden. Der Lokal-Lehrerverein linb Männergesang- und Cäcilienverein, dessen. Ehrenmitglied der Verstorbene war, hatten prachtvolle Kränze gespendet. Der Lehrerverein sang auch am Sterbehause und am Grabe je einen Trauerchor, welche Lieder durch den herrlichen Vortrag von ergreifender Wirkung waren. Die Grabrede hielt Herr Bezirksrabiner Dr. Mayer aus Zweibrücken. Dieselbe war, wie man es bei diesem begabten Redner allerdings gewöhnt ist, von vollendeter Form und erbauendem Inhalt. * Leipzig, 19. Juli. Wie ein hiesiges Antisemitenblatt meldet, ist wegen des Paasch'schen Buches „Ei ne jüdisch-deutsche Gesandtschaft und-ihre Helfer" nicht nur gegen den Verfasser, sondern auch gegen den bekannten Agitator, den Buchhändler Theodor Fritsch in Leipzig, sowie gegen die Inhaber der beiden Druckereien, die an der Herstellung' des Werkes betheiligt waren, die Anklage erhoben worden. Die Anklage lautet dahin, daß die Genannten über den kaiserlich deutschen Gesandten, Herrn M. v. Brandt in Peking, den kaiserlichen Legations-Sekretäv Frhrn. v. Ketteler, den kaiserlichen Konsul in Amoy, Feindel, den Wirkl. Geh. Legationsrath Lindau und das Auswärtige Amt des' deutschen Reiches beleidigende und in Bezug auf dieselben nicht erweislich* wahre Thatsachen behauptet und verbreitet haben, welche geeignet seien/ dieselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen, mtb zwar öffentlich und durch Verbreitung einer Druckschrift. Inzwischen versendet Paasch einen „offenen Brief" an den Reichs-' kanzler v. Caprivi. Die Broschüre, 62Seilen stark, übertrifft an fabel-' haften Beschuldigungen fast noch das genannte zweibändige Werk. Es^ ist der krasseste Verfolgungswahn, der aus diesem Machwerk spricht. Nach Karl Paasch ist einfach Alles in Deutschland verjudet, Fürst Bismarck ebenso wie — nun, wir wollen lieber nicht sagen, wer sonst noch. Herr v. Brandt, der deutsche Gesandte in Peking, ist Rassejude (!)/ Herr von Simson wird „Tateleben" genannt und macht Schachergeschäfte, Herr von Goßler ist natürlich ebenfalls Jude oder Judensprosse. Die' Schrift wimmelt von solchen Ungeheuerlichkeiten, daß man sie mit einem Gemisch von Grauen und Mitleid liest. Die verwüstende Kraft des Antisemitismus hat sich noch niemals in so entsetzlicher Gestalt gezeigt/ wie bei diesem Manne. Wie der Prozeß gegen K. Paasch endigen wird, ist nicht zweifelhaft — es sei denn, daß die Vertheidigung pathologische Momente geltend macht. (Inzwischen ist auch diese zweite- Broschüre in Leipzig konfiszirt worden.) 8. K. Stuttgart, 16. Juli. Einen erhebenden Festgottesdienst veranstaltete verflossenen Sabbath in der Synagoge die hiesige Gemeinde, um den 80jährigen Geburtstag ihres hochverdienten Oberrabbiners, des f Herrn Kirchenraths Dr. von Wassermann zu feiern. Als Vertreter der israelitischen Oberkirchenbehörde wohnten die Herren: Kanzleidirektor von Finckh, Geheimer Kommerzienrath A. von Pflaum, Re- ' gierungsrath Dr. Schmal, Oberkirchenvorsteher M. B. Neumann der Feier bei. — Gewährt es stets einen ehrfurchtgebietenden Anblick, wenn der greise Oberrabbi beim Ausheben und Einheben der Thora vor die heilige Lade tritt, so war dies in noch erhöhtem Maße jüngsten Sabbath der Fall, als der rüstige ehrwürdige Jubelgreis mit einer wahrhaft * hohepriesterlichen Andacht seines Amtes waltete. Unter Leitung des ■*' Herrn Musikdirektors Fink ehrte der Synagogenchor den Gefeierten durch den GesaKg deL schönen Abenheimschen „Chesed weemes“; Herr Kantor Tennenbaum brachte dabei das Tenorsolo mit tiefergreifender Wirkung zum Ausdruck. Nun bMieg der Herr Kirchenralh die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung der Worte: 1TP " TJöb '2b rpjrf) eine fesselnde Predigt; an dieselbe reihte sich ein inbrünstiges Gebet voll Dankes gegen Gatt, und rührend war es, als der allezeit treubesorgte Seelenhirte in weihevoller Stunde auch unserer bedrängten Glaubensgenossen in Rußland gedachte, welche er im Besonderen dem Schutze und Beistände des Allgütigen empfahl. — Mit einer neuen herrlichen Festkeduschah von Sulzer in Wien endigte auf das Würdigste die synagogale Feier. — Wie groß die Verehrung ist, deren sich der hochverdiente Jubilar überall erfreut, beweisen auf das Glänzendste die massenhaften Beglückwünschungen, welche in allen möglichen Formen einliefen. Se. Majestät der König Karl beglückwünschte den Jubilar mit einem in den huldvollsten Ausdrücken abgefaßten Schreiben. Der Jubilar, welcher für die huldvollen Worte an höchster Stelle dankte, empfing dafür in wiederholtem Kabinetschreiben wohlwollende Erwiederung. — Weitere Gratulationen entboten: Minister von Sarwey, die Stadt Stuttgart, Präsident Dr. von Silcher, die Oberstudienräthe von Dillmann und Dr. Oskar Fraas, Stadtdekan Weitbrecht, Kirchenrath Zimmerte, Rektor Schumann. Kammersänger Sontheim und Oberpostmeister Steidle. — Das Rabbinat Mühringen, in welchem der Herr Kirchenrath früher viele Jahre amtirte, entsandte eine Deputation zur Beglückwünschung. — Telegramme aus den entferntesten Ländern, zahlreiche Briese, Blumenspenden und kostbare Geschenke trafen ein als sichtbare Zeichen der Liebe und Hochachtung für den greisen Oberrabbi in Württemberg. <B Stuttgart, 17. Juli. Das aus dem Kabinet Sr. Majestät des Königs von Württemberg an Herrn Kirchenrath Dr. von Wassermann gerichtete Schreiben lautet folgendermaßen: Euer Hochwohlgeboren werden am 15. d. M. das 80. Lebensjahr zurücklegen unter der freudigen Theilnahme der israelitischen Gemeinde in Stuttgart und Ihrer zahlreichen sonstigen Freunde und Verehrer. Auch Se. Majestät dev König nehmen aufrichtigen Antheil an dieser Feier und haben mir allergnädigst aufgetragen, Ihnen die Allerhöchsten Glück- und Segenswünsche zu übermitteln. Seine Majestät lassen Euer Hochwohlgeboren zugleich Allerhöchst Ihre dankbare Anerkennung für Ihr segensreiches pflichteifriges Wirken aussprechen und hoffen, daß Ihnen noch lange beschieden sein möge, solches in ungetrübter Kraft und Rüstigkeit fortzusetzen. Indem ich des mir ertheilten Allerhöchsten Auftrags mich entledige, erlaube ich mir zugleich, meinerseits die herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtsfeste hier Leizufügen. Schloß Friedrichshasen, den 11. Juli 1891. Mit ausgezeichneter Hochachtung Der Kabinets-Chef Grresinger. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 17. Juli. Nachdem Groß-Wien nun thatsächlich besteht, d. h. die Vororte Wiens sind bereits der großen Kommune eingefügt, so handelt es sich jetzt darum, die jüdischen Gemeinden in den Vororten Fünf- und Sechshaus, Hernals re. der Wiener israelitischen Kultusgemeinde einzuverleiben. Es haben diesbezüglich jüngst Verhandlungen bei der Statthaltern stattgefunden, welchen dann Verhandlungen zwischen den Delegirten der einzelnen jüdischen Gemeinden mit der Hauptgemeinde folgten. Als Referent dieser Angelegenheit bei der Statthalterei fungirte der Statthaltereirath Freiherr v. Marx. Die Delegirten waren erstaunt über die Vertrautheit des Referenten mit dem Gegenstände selbst bezüglich der Details. Die Sache war jedoch bald aufgeklärt. Herr Baron v. Marx studirte nämlich mit großem Fleiß die betreffenden Werke von G. Wolf. — Nächstens werden es 25 Jahre sein, seitdem Herr Dr. M. Güdeman hier als Rabbiner und Prediger fungirt. Der Vorstand der Gemeinde, sowie die Verehrer und Freunde Güdemans wollten demselben eine ihm gebührende Ovation bereiten. Er lehnte sie jedoch auf das Entschiedenste ab. G Wien, 18. Juli. Ein gelegentlicher Korrespondent aus der Donaustadt schreibt uns: In allen israeliti chen Kreisen unserer Monarchie sieht man mit berechtigtem Interesse der Neukonstituirung der Kultusgemeinden entgegen. Die Behörden haben bereits die meisten Statuten geprüft und in mehreren Enqueten durchberathen und verbessert. Die weltlichen Funktionäre der israelitischen Kultusgemeinden erwarten nahezu täglich die Genehmigung der seit Monaten voxgelegten Statuten.