Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Wohlwollen gegenüber. Dagegen scheinen bei einigen Personen, welche im Rathe des Herrschers eine gewichtige Stimme besitzen, neuerdings russische Einflüsse sich geltend gemacht und allerhand Bedenken gegen eine organisirte Einwanderung wach gerufen zu haben. Ein allerhöchstex Erlaß, welcher diese Frage regelt, wird schon in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung gelangen. Amerika. * New-Aork, 1l. Juli. Aus verschiedenen Theilen der Vereinigten Staaten liegen Nachrichteil über theils beabsichtigte, theils angeblich bereits abgeschlossene Ankäufe ausgedehnter Ländereien seitens der Verwaltung des bekannten Baron Hirsch-Fonds vor, auf denen von je 50 bis 300 aus Rußland vertriebene jüdische Familien angesiedelt werden sollen. Die letzten und anscheinend authentischen Meldungen, dieser Art kommen, nach der N.-A. Hand.-Ztg., aus den Staaten Connecticut und New-Jerfey; sowohl in der Nähe der Städte Hartford und New-Haveu, Conn., als unweit Highstown, N. I., sollen ausgedehnte Farmländereien in Bälde mit den Familien russischer Muß-Emigranten besiedelt werden. Letztere sollen sich hauptsächlich dem Landban widmen, aber auch gleichzeitig Gelegenheit erhalten, in den zahlreichen nahegelegenen Fabriken Beschäftigung zu finden. Wir nehmen von diesen Meldungen Notiz, ohne eine Gewähr für dieselben zu übernehmen, weil derartige Nachrichten in letzter Zeit vielfach verbreitet wurden, ohne daß sie sich nachher bewahrheitet hätten. New-Uork, 20. Juli. 28 russische Juden, welche am Sonnabend hier eintrafen, wurden auf Anordnung der Negierung zurückgehalten, bis festgestellt ist, auf welche Weise sie das Passagegeld erhalten haben oder ob ihnen durch hervorragende jüdische Philanthropen gerathen wurde, sich irr Amerika ein Heim 31t suchen. Man erwartet, daß man sie nach Hause zurückschicken wird, da die Vereinigten Staaten sich weigern, ihre Häfen vertriebenen russischen Juden zu öffnen. — Der hiesige russische Konsul hat die Einwanderungsbehörde um ein Verzeichniß der russischen Juden gebeten, welche seit dem 1. Januar d. I. in den Vereinigten Staaten angekommen sind. Wie er sagt, haben viele Juden ihn gebeten, sie nach Rußland zurückzusenden (?). Man glaubt, daß die ausgewanderten russischen Juden mit ihrer Lage unzufrieden sind, weil ihre Glaubensgenossen in den Vereinigten Staaten ihren Versprechungen nicht nachgekommen sind. (Die Nachrichten werden hoffentlich nicht lange auf ihr Dementi zu warten brauchen. Red.) U Von Nah und Fern. — Der in weiten Kreisen bekannte und geachtete Friedhofsinspektor Herr Gustav Lichtenstein feiert am Sonnabend den 25. Juli das Fest seiner silbernen Hochzeit.— Gegenüber dem vielfach berechtigten, und auch von uns geäußerten Mißtrauen gegen die sog. Schneeballkolekten zu Gunsten der russischen Juden nehmen wir gern davon Notiz, daß der vorläufige Ertrag einer dieser Kollekten mit ungefähr 2000 M. von Frau Marianne Hammersteiu Hierselbst an den Schatzmeister des Eentralkonütees abgeliefert worden ist.— Dr. Fabian, der bisherige Kreis-Physikns des Kreises Heiligenbeil/ ist zum Po lizei- Stadt-Physikus in Königsberg i. Pr. ernannt worden. — Aus Küstrin wird der „Berl. Ztg." mitgetheilt, „daß ein Offizier seine dienstliche Stellung dazu mißbraucht habe, um einen jüdischen Soldaten gröblich zu beschimpfen." Das Blatt theilt genaue Einzelheiten darüber mit, und es ist anznuehmen, daß der Fall zur Kenntniß des Herrn Kriegsministers kommen werde. — Der Polizeipräsident von Frankfurt a. M. hat Herrn Otto Höchberg als Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde bestätigt und ans den ihm vorgeschlagenen 9 Herren die Herren Earl Herzberg, M. A. Wolffund F e r d i n a n d S ch w a r z s ch ild zu Mitgliedern des Ausschusses ernannt, -f Freiherr von Scharffenberg auf Kalkofen im Kreise EschweH Majoratsherr und preußischer Husaren-Rittmeister der Reserve, spendetlß kürzlich zum Synagogen bau in Wannfried den Betrag von 900 AH welche er dem Vorsteher der Synagogengemeinde übersandte, nachdem eß mit Letzterem, einem schlichten Handelsmann,- Tags vorher gelegentlich über den Bau eines Gotteshauses gesprochen. Da die jüdische GemeinH in Wannfried klein und nicht besonders leistungsfähig ist, so ist dH Geschenk mit ganz besonderer Freude ausgenommen worden. — Bei dH Reichstagswahl in Kassel-Melsungen ist der antisemitische Kandidcck Förster durchgefullen. Es findet eine Stichwahl zwischen dem liberales und dem sozialdemokratischen Kandidaten statt. Wie verlautet, werden die Antisemiten sich bei der Stichwahl der Abstimmung enthalten, und so dem Sozialdemokraten zum Siege verhelfen. — Ueber einen bemerkenswerten Vorgang, der allerdings noch der Bestätigung bedarf, meldet ein hiesiges Blatt aus Leipzig. Danach soll wegen Beleidigung von Beamten des Auswärtigen Amtes durch die Broschüre „Eine jüdischdeutsche Gesandtschaft" neuerdings auch gegen den Antisemiten Theodor Fritsch als Verleger, sowie gegen die Drucker Anklage erhoben worden sein. — Auch die neueste Schrift von Paasch, betitelt: „Ein offener Brief an W Reichskanzler von Caprivi" (vergl. Korrespondenz aus Leipzig in dieser Nummer) ist auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft in Leipzig polizeilich beschlagnahmt worden. — Der Hochstapler Isaak Rauchmann, der, wie wir seiner Zeit berichteten, unter dem angenommenen Namen „Ritter Heller von Hellerborn" bei wohlhabenden Israeliten beträchtliche Schwindeleien verübt hatte und dieserhalb von dem Schöffengericht in Mainz zu einer Gefängnißstrafe von drei Monaten verurtheilt worden war, hatte gegen dieses Urtheil appellirt. Von dem Landgericht wurde das Urtheil auf siebenWochen Gefängniß ermäßigt. Nach Verbüßung dieser Strafe wird der Schwindler der Staatsanwaltschaft in Hamburg zu weiterer Bestrafung ausgeliefert werden. — Herr Rabbiner Dr. Grünebaum in Ansbach beging am 12. Juli die Feier seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums. -- Bei dem in Ulm bestehenden Komitee für die aus Rußland Ausgewiesenen metbete sich dieser Tage auch ein aus Samara bei Kasan mit seiner Familie vertriebener evangeli scher Lehrer, der sich unter großen Entbehrungen bis Ulm durchgeschlagen hatte. Zwei seiner Kinder waren unterwegs den Strapazen erlegen. Da seine Angaben über barbarische Behandlung von Seiten der russischen Behörden durch Konsulatszeugnisse bestätigt wurden, sorgte das Komitee für seine Weiterbeförderung in die Schweiz, wo er Aussicht auf eine Anstellung hat. — Die in voriger Nummer gemeldete Konfiskation der vom Abgeordneten Rabbiner Dr. Bloch in Wien herausgegebenen „Oesterreichischen Wochenschrift" erfolgte wegen — Beleidigung des Zaren. — Im Dorfe Senningbei Korneuburg drang eine betrunkene antisemitische Rotte in das Geschäft eines Juden ein. Da der Besitzer nicht anwesend war, wurde dessen christlicher Gehilfe mißhandelt, die Wohnung verunreinigt und eine Anzahl Gegenstände, namentlich Flaschen mit Liqueur gestohlen. — In der am 20. d. M. stattgehabten konstituirenden Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus wurde Baron Arthur von Suttner zum Präsidenten gewählt. Der Verein zählt bereit 1100 Mitglieder. — Die Max Bewer'sche Broschüre „Bismarck und Rothschild" ist in Wien mit Beschlag belegt worden. Die Beschlagnahme erfolgte wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten gegen Religionsgenossenschaften und wegen Ersch ütter un g des Eigenthums. — In Pilsen ist an Stelle des nach Lemberg berufenen Dr. Caro Herr Dr. Fischer aus Raab zum Rabbiner gewählt worden. — Das russische Justiz-Ministerium bestimmte, daß jüdische, zum Christenthum übergetretene Rechtsanwaltsgehilfen erst drei Jahre nach ihrem Uebertritt in den Vollbesitz der neuen Standesrechte treten. — Mit dem 27. Juli läuft die dreimonatliche Frist ab, welche den in Petersburg sich aufhalt endenJuden Zwecks Abwickelung ihrer dortigen Geschäfte gewährt wurde; alsdann müssen dieselben die Residenz verlassen und sofort in ihre eigentliche Heimath übersiedeln. — Auf eine Einladung Bonghis versammelten sich jüngst zu Rom in den Sälen des Preßvereins mehrere hervorragende Persönlichkeiten, um einen Ausschuß zur Unterstützung der verfolgten Juden zu bilden. Der Ausschuß konstituirte sich unter dem Vorsitze Bonghis, des Herzogs von Sermoneta und des Senators Allieri. — Der Khedive von Aegypten hat den Steueroberinspektor in Alexandria, Mr. P. Towrest, den Titel eines Bey verliehen. Eine Deputation machte Mr. Towrest ihre Aufwartung und überreichte ihm in Anerkennung der großen Verdienste, die er sich erworben, ein Schwert mit einem kostbaren Griffe. Towrest Bey, der Jude ist, ist Beamter der ägyptischen Regierung, und seine Dienste sind überaus geschätzt. Er war an der Niederdrückung des Aufstandes und bei der Wiederherstellung der Ruhe in Alexandrien zur Zeit des Bombardements dieser Stadt hervorragend betheiligt. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.