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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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pgppplp^^ 55. Lahrgang. Nr. 30. ^}-£|+ Lerlm. 24. Lnli 1891. Weilage zur „Atlgemeinen Zeitung des IuöenLHunis". Korrespondenzen und Machrichten. Deutschland. 52 Berlin, 21. Juli. Wie man uns aus Stettin mittheilt, wohin jetzt in erster Reihe der Strom der russischen Auswanderer geleitet ist, herrscht dort großer Mangel an Kleidungsstücken, Wäsche, Schuhwerk re. für Männer, Frauen und Kinder. Dank der Opferwittigkeit der dortigen Bevölkerung und mehrerer Gemeinden in der Provinz und auch in der Ferne, Dank der Unterstützung von Seiten des Centralkomitees sind seit zwei Monaten Kleider rc. in beträchtlicher Menge zngegangen, aber der Vorrath ist fast gänzlich erschöpft, da das Komitee bereits gegen 2500 Personen unterstützt hat. Es wäre daher eine große Wohlthat, wenn demselben von auswärts neuerdings Kleider, Wäsche und Schuhe gesandt würden, da es schon wiederholt genöthigt war, weil es keine alten Kleider mehr besaß, neue anzukaufen. GD Berlin, 20. Juli. Mehr und mehr tritt das Bestreben der antisemitischen Partei zu Tage, die am 29. Juni in Xanten geschehene Ermordung eines Knaben zu judcnhetzerischen Zwecken auszubeuten. Das Märchen vom rituellen Morde wird wieder hervorgesucht; die antisemitischen Führer halten ihr Publikum in Folge der mehr als zehn Jahre von ihnen unausgesetzt betriebenen Verhetzungs- und Verdummungstheorie für so weit heruntergekommen, daß sie ihm die albernsten Fabeln vorzusetzen wagen. Bisher lautete das Märchen bekanntlich, daß die Juden zum Genüsse ihres Osterbrodes Christenblut brauchten. Das war für einen Mord, der im Juni stattfand, nicht verwendbar, und flugs ersann teuflische Erfindungskunst ein neues Blutritual. „In Jerusalem" — so wird von antisemitischer Seite in der Umgegend von Xanten verbreitet — „bauen die Juden einen neuen Tempel, und hierzu brauchen sie Christenblut." Das ist die neueste Variante der Vlutlüge. Vergebens bemühen sich die Behörden, Licht in die Sache zu bringen, das Volk ist einmal erregt und glaubt den Einflüsterungen der bezahlten Hetzer. Geflissentliche Lügen der antisemitischen Zeitungen über bereits erfolgte Verhaftungen voll Juden mehren die Erregung. Jüdischerseits geschieht natürlich Alles, um den Behörden bei der Aufhellung der dunklen Blutthat behilflich zu sein. * Berlin, 20. Juli. Das Pamphlet des famosen Rektors Ahlwardt: „Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthum", hat seine Schicksale. Die „Vaterländische Verlagsanstalt" (Oberwinder) in Berlin macht bekannt, daß sie sich mit dem Vertrieb einer etwaigen zweiten Auflage uicht befassen könne, „da der Verfasser seinen vertragsmäßig eingegangenen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist". Etwas dunkel freilich, aber jedenfalls kein Kompliment für Herrn Ahlwardt, bemerkt dazu ein hiesiges Blatt. Daß die Lügen dieses Buches keine längeren Beine haben, als die anderen antisemitischen Erfindungen, beweist folgende Zuschrift, die Hr. Licent. Gräbner an die Lib. Korr, geschickt hat: „In einer kürzlich veröffentlichten Broschüre des Rektors Ahlwardt findet sich die folgende, von den antisemitischen Blättern weiter verbreitete Notiz: „Im September vorigen Jahres kam ein Herr Schildner zu mir und zeigte mir an, daß ein Pastor Gräbner aus Kolberg nach Berlin käme. Derselbe sei bereit, bei den Antisemiten einzutreten, wenn ihm ein Reichstags- oder Landtagsmandat und eine feste Stellung zugesichert werden könnte. Ob dies der jetzige Vorsitzende des Judenschutzvereins ist und ob Herr Schildner offiziell mit dieser Sache betraut war, weiß ich allerdings nicht." Da mit dem genannten Pastor Gräbner nur ich gemeint sein kann, so erkläre ich die angebliche Miltheilung des Schildner in ihrem ganzen Umfange für erfunden. Ich habe übrigens zu dem Schildner, der vor mehreren Jahren mit Hinterlassung bedeutender Schulden aus Kolberg verschwand, niemals irgend welche Beziehungen unterhalten. Wenn ich mich nicht direkt an die antisemitischen Zeitungen wende, sondern diesen Weg der Berichtigung beschreite, so geschieht es im Hinblick auf den Unfug, welchen die antisemitische Presse mit einem von einem gesinnungsverwandten Wiener Blatte gefälschten, mir zugeschriebenen Briefe getrieben hat. Die antisemitischen Blätter brachten nämlich die seiner Zeit zugesandte Berichtigung erst auf wiederholte Aufforderung und mit hämischen Randglossen versehen. Das Wiener Blatt, welches die Fälschung zuerst in die Welt setzte, gesteht durch beharrliches Schweigen dieselbe ein. — Noch dieser Tage machte der „Leipz. Tagesanzeiger", ein Organ Liebermanu'scher Richtung, den Versuch, aus dem gefälschten Briefe Kapital zu schlagen." 333 Litblirritz, 19. Juli. Am 3. d. M. wurde hier eine Persönlichkeit zu Grabe geleitet, welche Jahre hindurch nach verschiedenen Richtungen hin eine maßgebende und tonangebende gewesen ist. Herr Wilhelm Königs berge r, welcher sowohl als Stadtrath als auch als Vorsteher der Synagogen-Gemeinde sich bleibende Verdienste erworben hat. Er war überdies ein guter Mensch, in Freud mib Leid vielfach rathend und thatend, und sein Heimgang ist ein großer Verlust für Alle, di.e ihn kannten. So gestaltete sich feine Beerdigung zu einem traurig bedeutsamen Ereignisse, wie es nur höchst selten bei uns zu schauen war. Sein Andenken wird stets unvergeßlich sein. O Cöslin, im Juli. Am Sonntag beu 12. und Montag den 13. d. M. tagte in Cös lin die erste Konferenz der jüdischen Beamten aus dem Regierungsbezirk Cöslin. Fast alle Beamten des Bezirkes waren, soweit nicht zwingende Gründe sie fernhielten, erschienen. Die Fehlenden hatten ihr Nichterscheinen brieflich entschuldigt. Die anwesenden Herren des Vorstandes und des Repräsentanten-Kolleginms der Cösliner Gemeinde begrüßten die erschienenen Beamten herzlich und nahmen mit regem Interesse an den Verhandlungen der Konferenz Theil. Der zeitige Vorsitzende Herr Prediger Bauer-Cöslin eröffnet die Versammlung, stellt tu ausführlichen Worten die Tendenzen des Vereines fest und ertheilt sodann Herrn Roberg-Schlawe das Wort zu seinem Vortrage: „Lehrplan für einklassige Schulen." Am Montag den 13. Juli erfreuten die Herrn Rabbiner Dr. Hahn-Stolp und Dr. Goldschmidt-Kolberg die Anwesenden durch ihr Erscheinen. Nach langer Debatte wurde dem Anträge der Herren Dr. Hahn und Goldschmidt, betreffend die Abänderuug der ersten provisorisch abgefaßten Statuten, Folge geleistet. Die Herren Rabbiner treten dem Vereine nun nicht wie ursprünglich bestimmt als Ehrenmitglieder, sondern als wirkliche Zahlende Mitglieder bei. Mit der Abfassung der veränderten Statuten wird der neugewählte zeitige Vorstand, bestehend aus den Herren: Dr. Hahn-Stolp (Vorsitzender), Prediger Bauer-Cöslin (Stellvertretender Vorsitzender) unb Prediger Meher-Bütow (Schriftführer), beauftragt. Als nächster Versammlungsort wurde Schlawe bestimmt. -JV- Bielefeld, 19. Juli. Daß die antisemitische Partei zu ihren Anhängern neben einigen „Irregeleiteten" zum weitaus größten Theile sehr zweifelhafte Charaktere zählt, ist eine bekannte, schon oft nachgewiesene Thatsache. Ich bin heilte im Stande, Ihnen wieder eine dieser antisemitischen „Größen" in ihrer sittlichen „Makellosigkeit" näher zu kennzeichnen. Vor kurzer Zeit ging durch die antisemitische Presse ein den „Deutsch-sozialen Blättern" entnommener Bericht, in welchem behauptet wurde, ein Missionär P. M. sei in dem Charlottenburger Auswandererschuppen von dort anwesenden Mitgliedern des Unterstützungskomitees thütlich angegriffen und mit dem Tode bedroht worden, lediglich weil er den russischen Emigranten Bekehrungspredigten gehalten habe. An der ganzen Sache war natürlich fein wahres Wort. Nicht weil er Bekehrungspredigten hielt, sondern weil er wohlthätige Damen des Komitees mit gemeinen Redensarten belästigte, war der Missionär M. aus dem Auswandererschuppeu verwiesen worden. Das Komiteemitglied in Charlottenburg, gegen das sich vornehmlich die Angriffe der Antisemitenpresse richteten, hat dies sofort klargestellt. Ich will dem noch hinzufügen, daß jener saubere Missionär ein sittlich durchaus verkommenes Subjekt ist, der sich die haarsträubendsten Dinge zu Schulden kommen ließ, und aus dessen Vergangenheit sich unzählige „pikante" Episoden erzählen ließen, wenn nicht die Rücksicht aus die Leser dies verböte. Für die Richtigkeit dieser Thatsache kanu ich hochstehende christlich-soziale Zeugen beibringen, deren Glaubwürdigkeit am allerwenigsten voll beu Antisemiten bezweifelt werden kann. Und trotzdem hat man diesen Mallu als Mijsionär behalten!

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