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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 Bei de Partikuliere ist's ganz anders. So'n Begräbniß ist vornehm, langsam fahren se, de Leichenbitter laufen gravitätisch mit gebeugte Häupter. Denkst de, aus Mitleid? Keine Spur! sie rechnen aus, wie viel Trinkgeld se im Sterbehaus kriegen werden." Isaak guckt so auch mal in de Kutschen, die nachfahren. Und weißt de, was er da sieht? Ich werd's dir sagen. In den meisten Kutschen sitzen bürgerliche Leute, auf deren Gesichtern steht: Da ist wieder einer aus seinem Leiden. Ach ja! die armen Leute dürfen dem Tod in die Augen sehen. Bei den Reichen grade umgekehrt! Die machen ängstliche Gesichter, weinen, denn se haben was zu verspielen, und denken, am waih, am waih, die Reihe kann auch bald an mich kommen. Siehst' de, das haben wir armen Leute doch den Reichen voraus — 'S fällt uns nicht schwer, zu scheiden aus unfern leeren Wänden. Nu ist's bald elf Uhr, dann kommen de Auswärtigen, das ist fette Brühe für Isaak, da fällt wohl mal was extra ab. Wie? Nu ja, der Bauer ist nur ein halber Mensch, und wenn de den nicht zu fassen weißt, wen willst de denn? — Kürzlich kommt ein Bauer, so ein rechter, mit offenem Mund zu mir hin. „Putzen, schön machen, abbürsten?" ruf' ich. „Nein Jude," sagt er. „Verlier' Dein Athem," sage ich. Da fängt er schrecklich an zu lachen, ich lach' auch. Heißte Bauer! Er geht ein paar Mal den Damm auf und nieder, kommt dann wieder zu mir und sagt: „Kannst De mir sagen, wo von Gend & Loos wohnt?" „Ob ich's sagen kann? Warum nicht, warum soll ich's nicht sagen können?" „Nu," sagt er, „sag's denn?" „Wenn Du mir ein Kwartje giebst. Für was hörst de was. Kannst mich doch auch was verdienen laffen für meine Zeitversäumniß. Ich Hab' auch Frau und Kinder." Fängt der Lümmel wieder an zu lachen und sagt: „Ich werd' Dir ein Dübbelje geben." „Ein Kwartje," sag' ich. „Ein Dübbelje" er. „Ich kann nicht für 'n Dübbelje, Bauer, wahrhaftig, es kost' mir eingekauft mehr." Endlich geht er über seine Tasche und giebt mir ein Kwartje. Gott soll ihm sein Athem behalten laffen! Ich steck' mein Kwartje in de Westentasche und sag': „Dreh Dich nur um, Alter, denn De stehst grade vor's Geschäft von Gend & Loos." 's war bei mein Leben zwei Kwartjes Werth, um zu sehen, was der Bauer für'n Gesicht gemacht hat. Au weh, hat der geschimpft. Nebbich, wenn er hätte lesen könnest, wär's ihm nicht paffirt. Spaß, hat er mich ausgescholten! Und ich? Weißt de, was ich gethan Hab'? Ich Hab' mir mit's Kwartje das Ohr zugehalten und Hab' nischt geantwortet. Warum sollt' ich auch. Wir haben doch alle Beide unseren Willen gehabt. Zwischen elf und zwölf Uhr Hab' ich immer viel zu thun, da kommen die Kunden, die sich putzen laffen, um zur Börse zu gehen. Wenn de Börse um ein Uhr geöffnet wird, nehme ich meinen Kasten und geh' zur Börse, 's ist ein schönes Gebäude. De Außenseite - de meinst Wunder was, aber von hinten? Au weh, wie die Arche Noah! In de Zeitungen schreiben se, binnen Kurzem soll 'ne neue Börse kommen, d. h. wenn se Geld genug haben. Wie 'ne Dummheit von de Amsterdamer, se verdienen doch Geld auf de alte. Sie sollen nur vorsichtig sein! 's ist bester, daß von der alten Börse was in ihre Börse kommt, als daß erst aus ihrer Börse eine neue Börse kommen muß. 's ist zwar meine Sache nicht, aber Isaak sagt gern, was er denkt. Nu ist's zwei Uhr. Um diese Zeit kommen de Spekulanten, die in Effekten machen. Au weh, wie'n Geschäft! Wer Vater und Mutter geschlagen hat. ist noch zu gut dafür, in Papier zu handeln, die auf und nieder gehen. Wie 'n Geschäft! Wie im Fieber laufen de Menschen und gucken mit ängstlichen Augen in de Luft. Und das nennen se „bequem" Geld verdienen! Stuß, 's ist ein sauer Stück Brod. Isaak tauscht nicht mit die Leute. Wenn ich mein Tagewerk vollbracht Hab' und Nachts in meinem Keller zu Bett lieg', geb' ich mein Mameleben noch ein' Nachtkuß, deck' Sampi, der sich immer aufdeckt, noch zu und denn: gute Nacht! Dann schlaft Isaak wie 'ne Ratte in einem Zuge durch, bis er wieder 'raus muß. Aber die Effektenmenschen? Zitternd bringen se de Nacht durch. Der Eine kann nicht schlafen, wenn de Papiere steigen, der Andere liegt wach, wenn se fallen. B'hüt soll man werden. Für mich sind se natürlich de besten Kunden. Weißt de warum? Se sind eigentlich Spieler und abergläubisch, 's ist wahr, was ich hier sag'; bei mein Leben, abergläubisch! — Ich Hab' so meine feste Kundschaft, 's sind auch Leute von meiner Nation dabei. Auf die geh' ich zu, wenn se auf de Börse geh'n, und sag': „Gott laß Se gesund, mein Herr, 'ne gute Börse werde Se haben. Denken Se dran, daß es Isaak gesagt hat!" Kommen se denn zurück, denn seh' ich, was für'n Gesicht se machen. Ist es lang — nu, denn haben se verloren, und ich halt' mein' Mund. Sehen se sich aber lächelnd um, nehm'n se ihr Zigarrenetui heraus — denn läuft Isaak schnell hin, mimmt ein Zündhölzchen und sagt: „Bitte, mein Herr, anstecken! — Hab' ich's nicht gesagt, Se werden gute Geschäfte machen? Ja, ja, Isaak weiß das wohl!" Dann gehn se über ihr Portemonnaie und geben ein oder zwei Kwartjes. Warum? Nu, weil Isaak den andern Tag wieder 'n gutes Geschäft wünschen soll. Weißt de, für'n guten Wunsch sind se dankbar, und för'n Fluch sind se ängstlicher, als vor zehn Dragoner. Nach der Börsenzeit ist's beste Geschäft vorbei. Ab und zu putze ich noch dem Einen oder 'm Andern de Stiefel, aber mein Hauptfach ist nu, de Omnibusscheine. Hin und wieder besorge ich auch einen Weg vor Leute aus de Nachbarschaft. Hab' ich Zeit, wenn de Wache abgelöst wird, dann setz' ich mich ans Monument und seh' zu. Das langweilt Isaak nie, das heitert ihn auf, denn wenn ich de Bauernlümmels in Soldatenkleider seh', denn muß ich lachen, ob ich will oder nicht. De Offiziere sind propre Leute, da ist nichts drauf zu sagen, aber die Andern — au weh, au weh, wie 'ne Sorte! Und wenn Isaak noch so melancholisch ist, sieht er de Wache abtreten, muß er lachen. Ich Hab' schon oft gedacht, 's ist doch komisch, daß die anderthalb Soldaten vor'm Palais auf dem Damm die Hauptwache von Amsterdam bilden soll. Nu, 's ist vielleicht grade genug, um's Palais zu bewachen, und das wird's wohl auch sein! 's ist ein schönes Gebäude, und's wär' schade, wenn se's fortschleppten. Ob se's gut bewachen? Nu probir's mal, über die kleinen Steinchen, die vor'm Palais gepflastert sind, zu laufen! Sofort kommt ein Kriegsmann auf dich zu, hält dir's Bajonett vor'n Leib und ruft: „Hallo! marsch! runter von de kleinen Steinchen!" Ich Hab mich halb narrisch gelacht, was denn eigentlich für Rares dran ist, daß man nicht drauf laufen darf. Ich Hab' dran gerochen, gefühlt, ja sogar dran geleckt — aber nichts Besonderes bemerkt, 's sind ganz gewöhnliche Steinchen, wie alle andern auch! Wenn ich noch so'n Bischen sitzen bleib', seh' ich noch manches, das ich erzählen könnt' — wenn ich wollt, und Mancher möcht' sich wundem, wenn er wüßte, was Isaak weiß! Da hast de unter Andern

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