Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Jungens. Ja, es sind wahrhaftig auch alte Kerls dabei — dann wird mir miserabel, denn Isaak ist auch Vater. Gott last' mir die Kinder gesund! Und dann denk ich, ehe ich so ’n Rumtreiber hätte werden sollen, i's bester, daß ich keine Cente habe. Was glaubst de nu, was ich mit de sauberen Herrchen thue? Ich lauf' se nach und ruf so laut ich kann: „Putzen, mein Herr, abbürsten, reinmachen!" Und wenn ich se dann abbürste oder die Stiefel reinmache, kann ich mich nicht bezwingen, um ihnen nicht einen Stoß mit der großen Bürste zu geben, obgleich se Kunden sind, die ein Dübbelje bezahlen. Später kommen dann die Arbeiter, die auf Arbeit gehen, brave, anständige Menschen, die nach der heiligen Schrift leben, denn es heißt, im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brod verdienen. Wenn ich se denn so mit ihre Handwerkszeuge gehen seh, dann denk ich: da gehen se, schwitzen thun se, aber Brod verdienen — das ist noch die Frage. Aber Isaak hat mehr Respekt vor die Menschen als vor die anderen, die aus „de Res" kommen. Wenn so'n Arbeitsmann geputzt sein will, mach ich ihn blitzblank für drei Cent. Grade so schön wie andere für ein Dübbelje. Für'n Arbeitsmann muß man was über haben. — Dann kommen de Damen. Das sind meine Konkurrenten — se putzen doch auch! Aber ich bin nicht ängstlich, ich lach' mich aus, denn oftmals machen se's noch schmutziger, als es schon ist, und dann verdiene ich wieder von wegen de schmutzigen Füße, die die Leute kriegen. Wenn die Wagen kommen, sagt Isaak: Achtung vor der Stadt lind Obrigkeit. Wenn se auch ihre Arbeit nur halb machen — Isaak nimmt seine Mütze ab vor de Herren, die de Wagen gestellt. — Inzwischen sehe ich mich um, ob nicht Jemand mit dem Omnibus nach dem Rheinbahnhof will. Seh' ich einen Fremden oder auch ein Bauern aus der Warmor- oder Kalverstraße anstürmen, dann laß ich meinen Putzkasten am Monument, oder bring ihn ins Kommandantenhaus und lauf zu ihm hin: „Nach dem Rheinbahnhof, Herrchen? Da ist der Omnibus, eil Dich nur nicht, Du kommst schon noch hin!" und dann lauf ich mit ihm und schreie: „Helo, he, Kondukteur, hier ist ein Paffagier, der muß noch mit." Das ist 'ne Spekulation von mir, denn se geben mer ein Dübbelje oder ein paar Cente für meine Mühe. S' passirt aber auch, daß sie sagen, geh weg, Jude. Aber es ist nicht arg, ich denke dann immer, die Menschen können nichts für ihre Erziehung. Bor einer kurzen Zeit kommt mal des Morgens ganz eilig ein Herr mit einem Päckchen in der Hand. „Tragen, mein Herr?" frage ich, „für ein paar Cent tragen?" Da sagt der Mann mit einer Stimme wie ein Eisbär: „Lauf zum Teufel, Jude!" Sehr ungebildet von ihm, nicht war? Weißt de, was ich gethan Hab'? Hab' ihm nachgerufen: „Hei! Ho!" Da hat er sich umgesehen; da Hab ich auf meine Mütze gezeigt, als ob auf seinem Hut was wäre. Da hat er ihn abgenommen, um zu sehen, was daran sei. Nu Hab ich gerufen: „So gehört es sich, Herrchen, wenn Se meinen Dienst nicht nöthig haben, känn se doch höflich sein, Ihren Hut abnehmen und sagen, danke Jude." O weh. o weh, hat der mich angesehen! Und Isaak gab ihm noch umsonst 'ne Anstandslehre! — So gegen acht Uhr kommen die Pferdebahnwagen und Omnibusse auf den Damm, dann beginnt für mich das Geschäft. Ich nehme meine Schuhbank in eine Hand und in die andere ein Pappkästchen mit Pferdebahnbillets und schreie: „Kärtchen, mein Herr, Omnibus- und Tramwaykärtchen?" Bei mein Gesund, Hab' ich doch nicht gedacht, daß ich noch im Leben werde Antheil haben an eine Aktiengesellschaft und Aktienscheine verkaufen werde. In de Wartehäuschen, Kiosken nennen se de Dinger, verkaufen se auch Kartjes, und wie se damit begannen, dacht ich: Isaak, das ist kein Schacher für dich, se werden die Dinger für'n Dübbelje verkaufen und dann bist de geschochten. Aber de Direktion ist menschlich gewesen und verkauft sie auch mit'n Cent Verdienst. Gott soll sie leben lasten davor in Gesundheit. Wenn ich dann an de Tramway stehe, seh ich, was da für verschiedene Leute raus-und reingehen. Allerlei Sorten von Menschen. Damen, Herren, Kinder, Reisende von der Bahn, und dann eine ganze' Menge von de eommis voyageurs und Stadtreisende nennen se de Leute, glaub' ich. Fein sehen se aus, mit grauem Ueberzieher, schönen Hosen, bunten Halstüchern und blitzenden Hüten. Hochfein, hörst de? Und ein Gesicht, auf das zu lesen steht: Werde ich heute Handgeld kriegen oder nicht? Ich sag' es selbst — siehst de, da bin ich nun eigenartig darin, ich bin froh, daß meine Sorge nicht weiter geht, als auf ein paar Gulden den Tag, aber Gott bewahre mich davor, daß ich so'n feinen Hut und Ueberzieher tragen müßte, und dazu ein Kistchen unter dem Arme, eben so groß wie meine Schuhbank. Trag ich doch lieber meine Schuhbank und bin mein eigner Herr, als daß Ich für'n Andern schachern gehe! Ja, noch besser, wenn ich was verliere, ist's für mich, und brauch' Keinem dafür zu danken, als unserm lieben Herrgott. Aber die? — Nu, se kennen sich nicht helfen, sie müssen auch leben, und darum wünsch' ich se Masel und Broche. Kommen se Abends zurück und haben was verkauft, thun se groß, daß es nicht zum Anhören ist! Haben se nischt verkauft, verkriechen se sich wie de Eulen. — Um halb neun Uhr kommen die Herren über den Damm, die auf de Büreaus gehen. Viele sind dabei wie geleckt. Mit Glacehandschuhe und Zigärrchen im Mund. — Aber die Meisten, ... au weh mir! Isaak hält' gern eine neue Jacke, aber für solche Jacken dankt er. Gewöhnlich glattes, grünes Tuch mit einem armseligen Schimmer. Daß kein Pfennig an se zu verdienen ist, kannst de denken. Die. Cente für's Putzen verdienen se selbst, und doch sind se Herren! Weißt de, mit den Leuten tauscht Isaak auch nicht. So'n ganzen Tag mit der Nase in ein Buch, oder in de Papiere auf ein dunkles Kontor — danke — dann lieber auf den Damm in unserem lieben Herrgotts freier Luft. Wenn's schönes Wetter ist, kannst du nischt Befferes haben, und wenn's regnet, nu, dann ist bei Gend & Loos ein großes Thor, wo man sich unterstellen kann. — Es muß schon schlimm kommen, wenn ich inzwischen noch nicht mein Frühstück verdient habe. Dann gehe ich in den Schaftkeller neben dem großen Zigarrenladen, da bekommt man Alles koscher und gut. Dort lass' ich mir ein Brödchen und eine Taffe Kaffee geben, und ehe du dich's versiehst, spült Isaak sein Frühstück runter, denn Zeit ist auch für ihn Geld. Verstehst de? Nun wird es langsam zehn Uhr, dann ist es häßlich auf dem Damm, dann kommen die Begräbniffe herüber. Nebbich! — Bei mein Leben, wenn de so oft und so lange Zeit, wie ich hier stehe, da wärst, könnst de de Klaffen gut unterscheiden. Denn es sind zwei Sorten von Begräbniffen, weißt de? Erstens von de Sterbekaffe und zweitens von de Partikuliere. Die von der Kaffe begraben werden, mit denen rennen se über den Damm, gerade, als ob se sich trauen lassen, oder als ob se sagen: „schnell nur, nach dir fahren wir noch zwei andere!" Und wie sie angezogen sind — mit ein' Wort: schofel, und Ge- ' sichter machen sie, wo de von ablesen kannst: angemiethetes Werk.