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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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357 die heiligsten Zwecke der Menschheit kämpft. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts war die Welt in Ketten dumpfen Aberglaubens gehalten. Da erhob sich, durch die Macht der Geister angeregt, eine materielle Gewalt, die blutig das Bestehende in Trümmer stürzt. Der erste AuDbruch war schrecklich und mußte es sein. Seitdem hat jener Kampf ununterbrochen gewährt. Er wurde geführt nicht durch die rohe physische Macht, sondern durch die Macht des Geistes. In jedem Lande, unter jeder Nation erheben sich Männer, die mit dem Wort kämpften, fielen oder siegten. Der Kampf uni die edelsten Zwecke, er wird auf die edelste Weise geführt. Freilich muß später durch die Physische Gewalt die Wahrheit unterstützt werden, denn sie wollen es nicht anders, die Leute auf den Thronen. Nun, so laßt uns die Völker nicht aufregen, nein, erleuchten, aufklären." Mein Vater schwieg lange, dann sagte er: „Mein Sohn, ich verkenne nicht die Wahrheit, die in Deiner Rede liegt, aber warum willst Du gerade zum Märtyrer werden? Du, unsere einzige Hoffnung, Stütze. Die Freiheit muß errungen werden, aber sie wird's. auch ohne Dich. Bleib bei uns, mach Du unser Glück aus, wirf Dich nicht in jenen Kampf. Selbst wenn Du in ihm siegst, gehen wir doch unter. Wir lebten nur für Dich. Vergilt uns. Du allein, Du änderst's nicht. Laß Leute kämpfen, die nichts zu verlieren haben, an deren Geschick nicht das Herz der Eltern hängt." Warum soll ich gerade zum Märtyrer werden? Warum? Weil Gott mir die Stimme in die Brust gelegt, die mich aufruft zum Kampf, weil Gott mir die Kraft gegeben, ich fühle es, die mich befähigt zum Kampf! Weil ich für einen edlen Zweck kämpfen und leiden kann! Weil ich Gott um die Kraft, die er mir zu bestimmtem Zweck gegeben, nicht betrügen will! Weil ich, mit einem Wort, nicht anders kann!" „Weil ich nicht anders kann!" Welch ein Wort! Hier erkennen wir ex ungue leonem. Das ist Ferdinand Laffalle, der kühne Kämpfer für Volksrecht und Freiheit! Mir das Judcnthum hat Lassalle während seines Lebens allerdings leider nichts gethan. Die Begeisterung des Jünglings verrauchte nur zu bald und machte einer gewiffen Gleichgiltigkeit, wo nicht gar einer stillen Abneigung Platz. Aber das Judenthum steht darum doch nicht grollend an seinem Grabe. Es hat solcher Männer viele aus seinein Schooße hervorgehen gesehen, die aus dem engen Kreis der Glaubensgemeinde heraustraten und in die vordersten Reihen der Kämpfer für die Sache der Menschheit sich stellten. Als Ferdinand Lassalle starb und auf dem jüdischen Friedhof zu Breslau begraben wurde, da rief ihm die alte Glaubensgemeinde durch den Mund des unvergeßlichen Joel die erhebenden Worte nach: Netulloli sehnat haobed; süß ist der Schlaf des Mannes, der für die Arbeit gekämpft! 6. K. 9 FEUILLETON -«*- Isaak auf dem Barnm. _ Eine Skizze aus dem Holländischen von Clara Schott. Wer kennt Isaak nicht? Jeder Amsterdamer hat ihn mindestens hundertmal in seinem Leben gesehen, denn seit Jahren steht Isaak mit seiner Schuhbank auf dem Damm am Monument. Des Morgens früh, bis es dunkel wird, kann man ihn finden, stets bereit, den Vorübergehenden die Stiefel zu reinigen, Aufträge zu besorgen, Päckchen zu tragen u. s. w. Für diejenigen, die ihn nicht kennen, diene Folgendes: Isaak ist ein Mann von ungefähr 50 Jahren, von mittlerer Gestalt, mit einem etwas krummen Rücken und einem Gesicht, das sofort verrüth, zu welcher Nation er gehört. Ein paar pechschwarze Augen funkeln fröhlich unter den dunklen Wimpern, und um seinen breiten Mund spielt gewöhnlich ein gutmüthigcs Lächeln, wobei er seine Nasenflügel aufbläst. Sein Haar ist an den Schläfen schon ergraut, unter der Mütze quellen aber doch noch schwarze Locken hervor. Die Jacke, die Isaak trägt, ist von unbestimmter Farbe; in der Sonne geblich, im Schatten grün. Wenn es sehr warm ist, zieht er eine blaugestreifte Blouse an, die sehr geflickt, aber sauber ist. Weiße breite Hosenträger halten Pantalons, die einstnials schwarz gewesen, nun aber röthlich schimmern und deren Nähte zu rufen scheinen: „Wir haben einstmals vornehmere Beine bekleidet." — Jeder, der Isaak kennt, weiß, daß er ein ehrlicher Schuhputzer ist, fröhlich, stets aufgeräumt, Optimist von reinstem Waffer, gewandt und mit Gcistesgahen auSgestattet, die seinem Volke eigen. Eigentlich ist er Philosoph, ohne es selbst zu wissen, und ein Beobachter, der in seiner Naivität stets den Nagel auf den Kopf trifft. Ich habe lange seine Eigenheiten studirt und bin zur Ueberzeugung gelangt, daß cs wohl der Mühe werth ist, ihn urtheilcn zu hören über das, was er auf dem Damm beobachtet hat. Schenk auch du ihm einige Augenblicke, lieber Leser, ich lasse Isaak nun selbst zu dir sprechen: Da steh' ich nu wieder, Gott scg'n dich, 'L ist keine Kleinigkeit; siebenunddreißig Jahre lang komme ich nun alle Tage auf den Damm. Soll ich gesund bleiben noch siebenunddrcißig Jahre! Wie oft haben die Leute schon gesagt: „Isaak bist Du denn verheiratet mit dem Damm? Warum stehst Du nicht lieber an der Bahn? Es ist doch da mehr zu verdienen." Stuß! ich weiß es bester! Wozu brauch' ich wo anders hinzugehn? Js mir doch der Damm lieb geworden, is er doch meine ganze Existenz. Hab' ich doch schon als zwölfjähriger Junge meinen Schuhputzkasten auf dem Damm stehen gehabt, um zu putzen, was zu putzen ist, und denn Hab' ich Brod zu verdienen für meine Frauleben und für meine geliebten Kinder, Gott lass' sic gesund sein! Ich Hab auf'n Damm allezeit meine Kost verdient und Gott sei Dank noch mehr! Mit de Polizei Hab' ich nie was zu thun gehabt, ehrlich währt am längsten. Auf Betrügereien sitzt kein Pfennig Verdienst, hörst de? Was das betrifft, kannst du mir gestohlen werden — aber doch sollst de gesund bleiben, bis hundert Jahr! Siehst de, ich bin nur ein armer Kerl, der nicht viel gelernt hat. Lesen? Nu ja! wenns gedruckt ist. Schreiben? für den, der's lesen kann. Aber doch Hab' ich so bei mir selbst gcstudirt und aus meinem eigeneil Kopf gedacht, lvenn ich an der Schuhbank beim Monument steh' und nichts zu thun habe: Isaak, Mann, du kennst den Damm, du weißt, was zu verkaufen ist und was hier vorgeht den ganzen lieben Tag, alles siehst de. Wissen denn die Amsterdamer, was der Damm eigentlich ist? Sie rennen darüber weg, Zeit ist Geld. Denkst de, daß sich einer umsieht? I bewahre! Nur Isaak thut das. 's Morgens um halb sechs bin ich da. Gott soll euch alle bewahren vor so'n leeren Magen, wie ich gewöhnlich mitbringe. Nu! 's ist gesund, sagen de Doktoren, ein bischen zu warten vor's Frühstück. Dann setz' ich meine Bank ins Monumentbecken. Das Monument ist 'ne schöne Pfefferbüchse, die mitten auf dem Damm steht. Jungfrau Eintracht steht oben. Hab' ich schon oft gedacht: sind die Menschen meschugge? Setzen de Eintracht auf'n Monument, das durch die Zwietracht gekommen. Wie 'ne Meschugas. Nu, ich hab's nicht bauen lassen; mein Sorg'! Weißt de, was ich so durch de Bank am frühen Morgen zuerst sehe? De Nachtschwärmer. Pfui, wie sehen die aus! Blos blaue Ringe um die Augen nnd stöhnen und ächzen thun se. Wo se die Nacht gewesen, brauchst de erst nicht zu fragen. Wenn ich se dann so hin und her wanken sehe, denkt Isaak an seine Familie, au seine lieben

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