Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227908--48109-3270611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
356 blutigen fünfzehnjährigen Knaben verzeihen kann. Für eine solche Art von Selbsthilfe hat in der ganzen Geschichte des Judenthums noch nie ein Sohn dieses Stammes plädirt'. Lassalle ist jetzt überhaupt in einer Periode der Gährung. Ein merkwürdiges Bekenntniß verzeichnet das Tagebuch vom 24. August i „In mir kämpfen jetzt zwei Extreme. Ich möchte in die Welt hinausstürmcn, dort mit eigener Hand mein Glück erringen, und wiederum giebt cs Augenblicke, in denen mir nichts wiinschcnswerther erscheint, als die friedliche Stille zu Hause in dem Kreise der altert Bekannten. Ebenso kämpfen in meinem Innern zwei andere Extreme, Soll ich klug, soll ich tugendhaft sein in meinem Leben? Soll ich den Mantel nach dem Wind hängen, den Großen schmeicheln, mir durch feine Jntriguen Vortheile und Ansehen erschleichen, oder soll ich, wie der trotzigste Republikaner, an der Wahrheit und Tugend halten, alles Andere nicht beachten und nur darauf ausgehen, dem Aristokratisnrris den Todesstoß zri versetzen? Aber nein, ich will, obwohl ich auch dazu Talent hätte, kein lächelnder feiger Hofschranze werden! Ich will den Völkern die Freiheit verkünden, und sollt' ich im Versuch untergehen. Ich schwöre cs bei dem Gott unter den Sternen, und Fluch mir, wenn ich je meinem Schwur untreu werde!!! „Alle Menschen, gleich geboren, Sind ein adliges Geschlecht." Und es wird und es muß noch dahin kommen!" Nun ist es ihm klar geworden: Er will Schriftsteller werden und zum Kampf für die Freiheit auffordern. Börne und Heine begeistern ihn jetzt. In kühnen Dithyramben spricht er seinen Haß gegen die Tyrannei, seine Liebe zum Volke aus. Er fühlt schon etwas wie Mannesstolz in seiner Brust sich regen. Da hält er furchtbare Musterung unter seinen Kameraden. Und einer von ihnen, Lesser oder Levison, muß das Bad ausgießen. Am 17. Februar 1841 schreibt er: „Heut Abend spielte ich mit L., der zu mir kam, Whist. Eine solche Ehrlosigkeit übersteigt .meine kühnsten Begriffe. Zn einem Menschen zu kommen, der mir gestern die Thür gewiesen hat! Das faffe ich nicht. Ein widriges Gefühl ergreift mich, wenn ich Leute, wie diesen und ähnliche betrachte. Denn ich sehe in ihnen die lebenden Grunde, warum das jüdische Volk so verachtet wurde. Solche Leute waren es, die es dahin brachten. Diese Niedrigkeit der Gesinnung, dieses Kriechende, diese Gemeinheit — pfui, welch abscheuliches Gemisch! Ich spreche mit L., erlaube ihm, mich zu besuchen, um Charaktere dieser Art studiren zu können. Der einzige schöne Zug ist die dem Juden angeborene Gutmüthigkeit, die er in hohem Grade besitzt." Ein Zug dieser Gutmiithigkeit lebt auch. noch in dem jungen Himmelsstürmer Lassalle. Sein Bekenntniß am ersten Peßachtage jenes Jahres ist geradezu ergreifend. Da heißt es: „Montag, 5. April, war der erste Peßachfeiertag, und ich ging, dem Willen meiner Eltern gemäß, in die jüdische Restauration zu Marcus, um daselbst dieses Erinuerungsfest zu begehen. Abends hörte ich den Zeider da, und das Andenken an die schönen verflossenen Tage kam lebhaft vor meine Seele. Ich sah uns Alle herumsitzen um den langen festlichen Tisch, obenan mein geliebter Vater, der mit seiner schönen sonoren Stimme vorsang, neben ihm die geliebte andächtige Mutter, ängstlich herumblickend, ob auch all die Ceremonien, die sie bei ihrem seligen Vater als Kind gesehen, streng befolgt würden. Unten aber Riekchen mit den lachenden rothen Wangen, heimlich kichernd über die ihr unverständlichen Gebräuche, emsig bemüht, das bittere Moraur geschwind wegzuwerfen und dann Lachs, Schnitzer, Orgler — alle, alle die großen Hagadas vorhaltend, das Lachen zu verbergen über einen Witz, der eben geriffen. Da trifft sie ein Zornblick aus den überall spähenden Augen der geliebten Mutter. und schnell verbreitet sich wieder Ernst und Andacht über ihre Stirn. Uebrigens habe ich sehr interessante Bekanntschaften gemacht da bei Marcus: Ich habe einen gewissen Dr. Mayer, einen sehr geistreichen und verständigen Mann, kennen gelernt. Wir gehen zusammen zur Promenade und ergehen uns dabei in ernsten geistigen Gesprächen. Das war etwas, das mir lange noth that, und das ich leider gezwungen lange entbehrte. Denn meine hiesigen Freunde sind für geistige Genüffe fast unzugänglich. Er hat mich wiederum mit einem jungen, sehr poesiereichen Dichter Namens Wolfsohn') bekannt gemacht, der unter dem Namen Carl Maien schreibt und schon einzelnes Ausgezeichnete geliefert hat. O, wie unendlich wohl befinde ich mich unter ihnen, wo ich verstanden, nicht zurttckgedrüngt werde, wo mein edleres Gefühl nicht verbranntes Hirn gescholten wird! Auch Maien hat diese Anfeindungen zu ertragen gehabt. Er setzte sie bei mir voraus und tröstete mich. Beide Männer, Beide sagen sic, wie ich, was mir längst des Herzens Stimme sagte, daß ich nicht zum Kaufmann tauge. Sie und nur das Echo meines eigenen Herzens. Aber was ich für Träumerei hielt, als es nur noch in meinem Innern lebte, es gewinnt Wirklichkeit in dem Mund solcher Männer. Fester und immer fester wird der Gedanke in mir, zu studiren, meinem höheren Bewußtsein, einem edleren Zweck Geist, Kräfte, Streben zu widmen, wenn's sein muß, zu opfern. Noch stehe ich am Scheideweg, noch kann ich zurück. Wehe, wehe, wenn ich einst den unendlichen Jammer zu tragen habe Uber ein verfehltes Dasein! Wehe, wehe mir, wenn mich dann allzu spät, doch um so bitterere Reue ergreift, zerfleischt mit ihren Skorpionenbissen! Wenn die Stimme: Gott legte edle Kraft für einen edlen Zweck in dich, du hast sie verfaulen lassen, laut wird! Gott, Gott, sage mir, was soll ich thun!" Auch am nächsten Tag kommt er nochmals auf W. Wolfsohu zurück. „Carl Maieu hat einen schönen edlen Zweck, er ist ein Kämpe für das Judenthum. Er ist in der Poesie, was Gabriel Rießer in der Prosa. In diesem Sinn hat er ein Taschenbuch „Jeschurun" herausgegeben, in dem sich besonders „Der böhmische Dorfjude" durch seine lebhafte naturgetreue Darstellung und die „Briefe" rc. durch ihre Wahrheit auszeichnen." Dann vergeht eine lange Zeit. Die letzte Eintragung in dem Tagebuch führt uns die überaus interessante Szene vor, da Lassalle von seinem Vater endlich nach langen Kämpfen die Erlaubniß erhält, studiren zu dürfen. „Mein Vater sagte mir, wie er gehofft, ich würde ihm die Last abnehmen, die jetzt so drückend auf seinen Schultern zu liegen anfange. Er, der kampfesmüde Mann, der sich sehnte, seine Tage in Ruhe hinzubringeri, müßte, wenn ich in meineni Entschluß beharrte, von Neuem zu arbeiten, zu ringen anfangen, um Riekcheir und Ferdinand zu ernähren. O Gott, das wog schwer in der Wagschale! Doch weil ich nicht anders konnte, weil ich, obwohl ich schmerzlich rang, dennoch erklärte, ich müsse meiner Neigung, ineinem unverkennbaren Berufe folgen, war mein Vater fast versucht, zu glauben, ich wäre lieblos. Er fragte mich, was ich studiren wollte. „Das größte umfassendste Studium der Welt," entgegnete ich, „das Studium, das am engsten mit den heiligsten Jntereffen der Menschheit verknüpft ist: das Studium der Geschichte." Mein Vater fragte, ob ich glaubte, daß ich ein Dichter sei. „Nein," antwortete ich, „aber ich will mich der publizistischen Sache widmen. Jetzt," sagte ich, „jetzt ist die Zeit, in der mau um ') Wohl kein Anderer als Wilhelm Wolfsohn, der Dichter von „Nur eine Seele", dieser studirte damals in Leipzig Philologie.