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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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355 Ebenso erhielt ich von Herrn Oberbibliothekar Schaarschmidt in Bonn ein Schreiben, welches mir den Dank der dortigen Universitätsbibliothek aussprach „für das ihr geneigtest übersandte Geschenk, dessen Werth sie ebensowohl würdigt, als die pietätsvolle Gesinnung, mit welcher das Begleitschreiben abgefaßt ist." Die erste Auflage von 5060 Exemplaren war bald vergriffen; die zweite mit derselben Anzahl von Exemplaren wurde auch in kurzer Zeit abgesetzt. Nach Montefiores Tode beschloß ich, dieses Lebensbild durch andere Stimmen über den seltenen Mann zu ergänzen, und sammelte, was mir an Adressen, Fest- und Gedächtnißreden, Gedichten u. s. w. von allgemeiner Bedeutung zu sein schien, zu einem internationalen Montefiore-Album. Davon erschien im Jahre 1888 der erste Band bei Mahlau und Waldschmidt in Frankfurt a. M., und die Verlagshandlung hatte keine Kosten gescheut, um ein Prachtwerk, wie es des großen Menschenfreundes würdig war, herzustellen. Mit einem Lichtdruck von Sir Moses Montefiore und verschiedenen Abbildungen im Texte geschmückt, enthält das Werk neben der mehrerwähnten Lebensbeschreibung Aufsätze, Abhandlungen und Gedichte in deutscher, englischer, französischer, italienischer und hebräischer Sprache, und wurde von der Presse des In- und Auslandes in anerkennender Weise besprochen. Ein Exemplar überreichte ich auch unserem damaligen Oberbürgermeister, dem jetzigen Finanzminister Dr. Miguel, welcher mir darauf unter dem 12. Januar 1890 schrieb: Mit großem Interesse habe ich von Ihrer Biographie des großen Humanisten und Vertreters der Unterdrückten und Heimgesuchten, Sir Moses Montefiore, Kenntniß genommen. Es ist ein großes Verdienst, solche seltenen Männer in ihrem Wesen und Leben zu schildern, den Einen zur Mahnung, den Anderen zur Nachahmung, Allen zur Erhebung. Mit den, besten Dank für Ihre freundliche Mittheilung Ihr ergebenster I. Miguel. Den vielen Freunden, welche mich dabei durch Beiträge unterstützten, fühle ich mich zu lebhaftem Danke verbunden. Aber aus der Menge der Zusendungen erwuchs mir auch noch eine weitere Pflicht. Die Fülle des Stoffes ließ sich in einem Bande nicht bewältigen, und doch kam so vieles, was der Veröffentlichung ebenfalls werth erschien. Aus diesem Grunde plante ich dieHerausgabe eines zweiten Bandes, dessen Vorbereitung mich zur Zeit beschäftigt. Möge er denselben Anklang, dieselbe freundliche Aufnahme finden, wie es beim ersten Bande der Fall war! 9 Ferdinand Fassalle's Tagebuch. ii. Die beiden letzten Hefte von „Nord und Süd" brachten den Schluß des interessanten Tagebuchs, das der junge Lassalle auf dem Gvmnasium zu Breslau und auf der Handelsschule in Leipzig geführt hat. Ueber die erste Periode habe ich bereits in Nr. 15 referirt; es bleibt uns also nur noch übrig, Laffalle nach Leipzig zu begleiten und zu betrachten, wie er sich in dieser Zeit zunehmender Reife zum Judenthum gestellt hat. Dieses Verhältniß ist ein höchst merkwürdiges. Leidenschaftlicher noch als zuvor regt sich in ihm der kampfesmuthige Jude: er möchte seinem Volke mit dem Schwert in der Hand die Rechte erkämpfen, die diesem noch immer vorenthalten werden. In dieser Stimmung bleibt er bis zum Schluß des Tagebuchs. Nichts ist interessanter, als zu beobachten, wie sich langsam aus dem verbummelten Handelsschüler der kampfesfrohe Agitator für die heiligsten Menschenrechte entwickelt. In dieser Beziehung ist das Tagebuch ein höchst wichtiger Beitrag zur Biographie Laffalles. Im Mai 1840 tritt er mit seinem Vater eine Reise nach Berlin an. Dort entscheidet sich seine Zukunft. Er selbst schreibt: „Ich übergehe meinen Aufenthalt zu Berlin, der reich an Vergnügungen aller Art war. Ich führe nicht die Sehenswürdigkeiten auf, die ich in Augenschein genommen. Ich sage blos, daß ich noch keine so seligen Tage verlebt habe, wie diese in Berlin. Ich flog von Amüsement zu Amüsement, von einem Theater ins andere. Wichtig ist, daß Joel Meier, ein ungemein reicher und sehr renommirter, als ausnehmend klug bekannter Seidenfabrikant den Vater permovirte, mich nach Leipzig zu geben." Der hier genannte Joel Wolf Meyer war der Vater des Herrn Justizraths S. Meyer, des ersten Vorstehers unserer Gemeinde. Kaum ist Laffalle in Leipzig angelangt, treffen ihn die Schreckensnachrichten von Damaskus, wo man damals die Juden eines „rituellen Mordes" beschuldigte. Seine Empörung kennt keine Grenzen. Und mit tiefer Bitterkeit ruft er aus: „O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens in Wuth verwandeln. Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Wahr fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: ,Die Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können? Also sogar die Christen wundem sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sich die Schweizer einst erhoben, größer? Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn die Juden in jener Stadt aufftänden, sie von allen Ecken anzündeten, den Pulverthurm in die Luft sprengten und sich mit ihren Peinigern tödteten? Feiges Volk, du verdienst kein besseres Loos! Der getretene Wurm krümmt sich, du aber bückst dich nur tiefer! Du weißt nicht zu sterben, zu vernichten, du weißt nicht, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskrampf noch zu zerfleischen! Du bist zum Knecht geboren!" Laffalle wird hier aus Liebe zu seinem Volk ungerecht gegen dasselbe. Aber ein Kern von Wahrheit liegt doch in seinen harten Vorwürfen. Als ein Erbe der Pietät und Familienliebe seines Stammes zeigt sich Laffalle überall in seinen Bekenntnissen. So schreibt er am 6. Juli in sein Tagebuch: „Ach, ich weiß nicht, wie mir ist. Mich überfällt eine solche Bangigkeit nach Vater, Mutter und Schwester, daß ich jedesmal, wenn ich an meine liebe Heimath denke, in Thränen ausbrechen muß. Ach, mein Vater, kenntest du die Wehmuth, die mein Herz beschleicht, das Sehnen, das mich ergreift, du würdest gestatten, daß ich nach Breslau komme! Ich würde dich, Geliebter, meine Mutter, meine Schwester, meinen Freund sehen. Hier wird die Luft immer schwüler, ich befinde mich gar nicht mehr wohl. Anfeindungen aller Art dringen auf mich ein. Niemand, dem ich in Liebe an die Brust sinken kann. Ach, meine Eltern, wohl sind die Worte meines Vaters wahr, als ich Breslau zu verlassen wünschte: ich würde mich noch oft dahin zurücksehnen." Mit heller Begeisterung erfüllt ihn in jener Zeit die Lektüre des „Nathan". „Ich las heut Lessings Meisterstück, „Nathan den Weisen". Was ich dabei fühlte, als ich von solchem Meister so meisterlich mein Volk vertheidigen sah, läßt sich denken. Und ob ich es gleich hundert und aberhundert Mal gelesen." Und zehn Tage später, als neue Hiobsposten aus Damaskus, Rhodus und Lemberg kommen, versteigt er sich in seinem kindischen Zorn zu einer Aeußerung des Haffes, die man eben nur dem heiß-

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