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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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daß viele gelehrte Gesellschaften ihn zu ihrem ordentlichen und Ehrenmitglied ernannten — eine Zeit lang war er Oriental Linguist and Hebrem Lecturer beim Herzog von Sussex, dem Onkel der Königin Victoria. Später erwählte ihn Sir Moses Montefiore zu seinem ständigen Sekretär und Reisebegleiter und übergab ihm nachher das Rektorat des Theological College, der von ihm gegründeten jüdischen Hochschule, welche Ehrenstelle der allgemein gefeierte Gelehrte bis zum Jahre 1885 bekleidete. Bei meiner Ueberfahrt von Brüssel über Ostende-Dover nach Brighton traf ich auf dem Dampfboot mit dem damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, unserem nun in Gott ruhenden Kaiser Friedrich III. zusammen, mit welchem ich gemeinschaftlich u. A. die Vorlesungen über Politik und Geschichte bei Professor Dahlmann in Bonn gehört hatte und der sich damals auf der Brautfahrt befand. Kurze Zeit nachher las man in den Zeitungen die Verlobung Sr. König!. Hoheit mit der Princeß Royal of England — ein Ereigniß, das ganz England und Deutschland mit Jubel und Freude begrüßte. Nach der Uebernahme der von Sir Moses Herrn Dr. Loewe aügebotenen Ehrenstelle kam ich als Jnstitutslehrer von Brighton nach Ramsgate zu Reverend I. H. Myers, der ebenfalls ein Knabenpensionat leitete und zugleich als erster Kantor in der Synagoge beschäftigt war. Mit diesem wurde ich auch an eineni Samstag Nachmittag von Sir Moses zur Tafel geladen. Die Unterhaltung wurde nur in englischer Sprache geführt, obwohl Lady Judith auch Deutsch verstand. Wir saßen ziemlich lange bei Tafel, und als es Abend geworden war, fingen wir an, zusammen S'miros (Sabbatlieder) zu singen. Viele Jahre waren über diesen schönen Abend dahingegangen: Sir Moses hatte siebenmal Jerusalem besucht, das letzte Mal im Jahre 1875, und acht Jahre später, als der edle Menschenfreund ein Alter erreicht hatte, wie es nur wenigen Menschen zu Theil ward, übersandte ich am 6. November 1883 einen Glückwunsch zu seinem neunundneunzigsten Geburtstage. Darauf hin erhielt ich eine sinnig abgefaßte Antwort, welche mit den unvergeßlichen Worten schloß: Mil dem aufrichtigsten Wunsche, daß der Himinel Ihnen und all' den lieben Ihrigen alles erdenkliche Gute verleihen möge und uns allesammt bald das hohe Glück zutheil werde, die Welt durch die Anerkennung des einzigen ewigen Gottes und die Beobachtung feiner heiligen Gesetze gesegnet zu sehen, verbleibe ich mit vieler Hochachtung Ihr ganz ergebener Moses Montefiore. Merkwürdigerweise traf ich am 7. November 1883, einen Tag vor dem Eintritt Montefiores in sein hundertstes Lebensjahr, zum zweitenmal mit dem Kronprinzen des deutschen Reiches zusammen. Derselbe war damals in Frankfurt, nahm mit seiner erlauchten Gemahlin außer anderen Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Freien Reichsstadt auch die Kunstgewerbeausstellung in Augenschein und unterhielt sich bei dieser Gelegenheit in der gemüthlichsten und leutseligsten Art und Weise mit mir über die Vorlesungen, welche Profeffor Dahlmann vor 30 Jahren im größten Hörsaal zu Bonn vor einem zahlreichen Kreise von Zuhörern gehalten hatte. Unter Anderem richtete er die Frage an mich, ob ich mich noch erinnere, wie behutsam Prof. Dahlmann auf dem Katheder die — Kerzen geputzt habe. In demselben Jahre erschienen in allen Zeitungen des In- und Auslandes mehr oder minder ausführliche Lebensbeschreibungen von Sir Moses mit und ohne Illustrationen; am ausführlichsten und vollständigsten erschien mir eine Sonderbeilage zum „Jewish Chronicle", verfaßt von Mr. Israel Davis. Eine so ansprechende bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Lebensbeschreibung des großen Menschenfreundes war mir bis dahin noch nicht zu Gesicht gekommen; ich war deshalb der Ansicht, daß ich all denen, welche das englische Werk im Original nicht lesen konnten, durch die Uebertragung desselben in meine Muttersprache einen Dienst erzeigen würde, um ihnen das getreue Lebensbild eines Mannes vorzuführen, der, wie Dr. Rülf sich ausdrückte, „hilfbereit und unverzagt stets Gut und Leben für sein Volk gewagt, der ohne Furcht vor Fürsten hintrat, so selbstlos wie kein Zweiter", eines Mannes, der im eisigkalten Winter des Jahres 1846 nach St. Petersburg fuhr und dem Zar Nikolaus seine GlaubenSgenoflen zum Schutz anempfahl, „den sie wirklich haben sollten, wenn sie ihm ähnlich würden", der im Jahre 1872 dem Zaren Alexander II., dem Befreier der Leibeigenen, bei der zweihundertjährigen Geburtstagsfeier Peters des Großen eine Glückwunschadreffe überreichte und bei dieser Gelegenheit die gnädigsten Versicherungen des kaiserlichen Schutzes wiederholt erhielt, wie dies auch schriftlich von Zar Alexander III. gleich nach seiner Krönung in einer Antwort auf einen Glückwunsch Montefiores nochmals bestätigt wurde. Mit den neuesten Vorgängen in Rußland stehen diese Versicherungen allerdings in unlösbarem Widerspruch. In diesem „Lebensbild" sollte auf die unzähligen Akte beispielloser Wohlthätigkeit (wenn auch nur annähernd) hingewiesen werden, welche Sir Moses Montefiore im Laufe seines langen Lebens fast tagtäglich ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zur Ausführung brachte, wovon ich hier nur ein einziges Beispiel anführen will. Im Juli 1860 hatte die „Times" eine Schilderung des Elends der Christen in Syrien gebracht, welche von den Drusen des Libanon angegriffen worden waren. Sir Moses eröffnete eine Sammlung sofort zu Gunsten derselben, mit 200 Pfd. Sterl., welche 22,500 Pfd. gleich 450,000 Mark ergab. Er wurde in diesem Liebeswerk von Lord Stratford de Redcliffe, Sir Culling-Eardley u. A. unterstützt. Um die erwähnte Uebersetzung veröffentlichen zu können, wandte ich mich an verschiedene Verlagsbuchhandlungen und Zeitungsredaktionen des In- und Auslandes, erhielt aber von allen einen Korb, bis endlich in der letzten Stunde die „Jüdische Preffe" dieselbe veröffentlichte und dann einen Sonderabdruck veranstaltete. Der Preis des Büchleins mit den wohl getroffenen Bildnissen von Sir Moses und Lady Judith war ein äußerst billiger, damit dasselbe Eingang in die weitesten Kreise finden könnte. Es fand auch von vornherein Anklang und Beifall, Gönner und Freunde. An der Spitze der Letzteren stand u. A. Herr Schuldirektor Dr. Katzenstein in Hamburg, welcher fast 1000 Exemplare in den dortigen Schulen zur Vertheilung bringen ließ; dieselbe Anzahl wurde von der Sortimentsbuchhandlung Bensheimer in Mannheim abgesetzt. Der berühmte Ingenieur Adolph Sutro in San Francisco, der Erbauer des großen'Tunnels durch die Silberminen von Nevada, ließ im dortigen Waisenhause an einem Purim-Abend nebst anderen kleinen Geschenken 50 Stück an die Waisenkinder vertheilen, damit das „Andenken an den Gerechten auch ihnen zum Segen gereiche", wie er in Wirklichkeit dem Büchelchen selbst zu Theil wurde. Viele Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur erbaten sich die Biographie für ihre Bibliothek. Auch übersandte ich in angenehmer Rückerinnerung an die obenerwähnte huldvolle Unterredung mit dem Kronprinzen an denselben ein Exemplar des Büchleins mit der Bitte, ein zweites der Frau Kronprinzessin überreichen zu dürfen, und erhielt darauf folgende Zuschrift: Berlin, 27. Oktober 1884. Ihre Kaiser!, und Kgl. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin haben die vorgelegte Schrift gern entgegengenommen und mich beauftragt, Ihnen für die freundliche Ueberreichung derselben in Höchstihrem Namen verbindlich zu danken. v. Sommerfeld, Oberstlieutenant und persönlicher Adjutant.

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