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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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353 Manche unter uns denken freilich anders. Namentlich bei denjenigen Juden, welche zu höherer Bildung und Lebensstellllng gelangt sind, herrscht vielfach die Ansicht vor, daß, nachdem durch die .nwderne Gesetzgebung die rechtliche Sonderstellung der Israeliten beseitigt ist, von diesen erwartet werden dürfe, daß sie, wenn auch nicht das Judenthum geradezu abschwören, so doch alle Besonderheiten deffelben, welche sie von den übrigen Volksgenossen unterscheiden, als nicht mehr zeitgemäß ablegen. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte hat indeffcn zur Genüge gezeigt, daß auf diesem Wege nicht einmal äußere Vortheile erreicht werden. Die antisemitische Bewegung hat keinen Unterschied gemacht zwischen Juden, die es blos dem Namen nach und solchen, die es aus Ucberzeugung sind, ja die in der Assinlilation Fortgeschrittensten wurden als Eindringlinge mit verstärktem Haffe bedacht. Es ist aber überhaupt kein wahrer Gewinn für das Volksganze darin zu erblicken, wenn einzelne Theile deffelben, denen die historische Entwickelung ein cigcnthümlich ausgeprägtes Seelenleben zu eigen gemacht, diese ihre Individualität einer äußerlichen Gleichförmigkeit zuliebe aufgeben, statt dieselbe als werthvolles Kulturelement der Gesammthcit zu erhalten. So können wir Juden der Menschheit und unserm Vaterland keinen größeren Dienst erweisen, als indem wir das von unfern Ahnen überkommene geistige Erbe, welches uns niemals in Widerstreit bringt mit den allgemein bürgerlichen Pflichten, in Treue pflegen und als wohlbewährte und dauerhafte Rüstung in dem edlen Ringen nach den höchsten Zielen auf unsere Nachkommen übertragen. Mögen Andere in ihrer Weise das Gemeinwohl zu fördern streben: — .... Wir wollen halten und dauern, fest uns halten und fest der schönen Güter Besitzthum. ..Dies ist unser, so laßt uns sagen und so'cs behaupten! d Zur Erinnerung an Sir Moses Msntefiore. Von Dr. Joseph Fiebermann in Frankfurt a. M. Es war an einem schönen Vormittag im Spätherbst 1838, als eine elegante Equipage vor der Aachener Synagoge auf dem Hirschgrabcn stehen blieb. Es sammelte sich bald eine große Menge von Personen, um die unerwartet eingetroffcnen fremden Gäste in der Nähe zu betrachten und anzustaunen. Dieselben schienen ganz hervorragende Persönlichkeiten zu sein, was man nicht nur an dem vornehmen Aeußcrn der hohen Reisenden, sondern auch an den schmucken Rappen, den fcingekleideten Livreebedientcn und an dem ans der Innenseite des Wagenschlags angebrachten ritterlichen Wappen mit der hebräischen Ueberschrist „Jerusalem" leicht erkennen konnte. Die Neugierde des immer zahlreicher anwachsenden Publikums wurde auch bald befriedigt; denn nur selten hatten Aachens Mauern eine stattlichere Persönlichkeit beherbergt, als den Mann, der jetzt aus dem Wagen stieg. Es war Sir Moses Montefiore, welcher mit seiner edlen und hochherzigen Gemahlin Lady Judith, seiner heldcnmüthigen und steten Reisebegleitern«, die Synagoge besuchte, in welcher damals noch der Gottesdienst in der altherkömmlichen Art und Weise abgehalten wurde. Bald hatte sich auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde zur Begrüßung der hohen Gäste eingefunden, an dessen Spitze Herr Jsaac Levy stand, eine hohe Gestalt, die aber von Sir Moses noch weit überragt wurde. Nachdem der Letztere sich nach allen Einzelheiten der jüdischen Gemeinde genau erkundigt hatte, ließ er ein Andenken an seinen Besuch zurück, indem er die Mittel zur Einrichtung der Gasbeleuchtung und zur Anschaffung eines dazu gehörigen Kronleuchters für die Synagoge gewahrte. Ich war damals ein achtjähriger Knabe und hatte keine Ahnung davon, daß ich später noch einmal auf englischen! Boden in Ramsgate mit dem „Fürsten in Israel" und seiner edlen Gemahlin zusammen- 1 treffen würde. 1 Zwei Jahre nachher, im Jahre 1840, sandte die Wilnaer Gej meinde eine Dankadresse an Sir Moses Montefiore — wegen seiner ij Bemühungen zur Errettung seiner unglücklichen mit dem Tode bej drohten Glaubensgenossen in Damaskus. Verfertiger dieser Adresse n in hebräischer Quadratschrift war Herr Hirsch Bunimowitsch, gebürtig j aus Wolosin, wohnhaft in Wilna, eine angesehene Persönlichkeit der j dortigen Gemeinde. Unter den unzähligen Dankadressen, welche Sir; Moses zu jener Zeit von so vielen Gemeinden der Diaspora erhielt, . i erregte die Wilnaer wegen ihrer besonders schönen Ausführung seine höchste Bewunderung. Derselbe ließ darauf in Wilna anfragen, ob der Schreiber der Adresse etwa geneigt wäre, für ihn eine Sefer jj Thora (Gesetzesrolle) anzufertigen. Der Verfertiger der Adresse, ob- -\ wohl damals noch kein geübter Thoraschreiber, übernahm dennoch die | schwierige Arbeit und befriedigte den edlen Philanthropen mit der-; selben in einen: solchen Grade, daß er alljährlich den Auftrag erhielt, :fj eine Pergamcntrolle zu schreiben, und im Laufe der Jahre deren 27 « anfertigte. Bei Gelegenheit der ersten Rückkehr aus St. Petersburg j im Jahre 1846 hielt Sir Moses sich einige Wochen in Wilna auf ] und beauftragte nochmals persönlich den genannten Herrn, für ihn j dort eine Sefer Thora zu schreiben. Dies war bereits die vierte, die er anfertigen sollte, und Sir Moses schrieb in Wilna eigenhändig die I] Anfangsworte zu dieser Thorarolle. Nach dem Ableben des Herrn j Hirsch Bunimowitsch wurde dessen Sohn Elias, jetzt in Frankfurt!' a. M. wohnhaft, mit weiteren Aufträgen von Sir Moses beehrt und fertigte für denselben bis zu seinem Hinscheiden im Jahre 1885 neun Pergamentrollen an. Die vielen schriftlichen Anerkennungen von Seiten Montefiores geben Zeugniß davon, in welch hohem Grade Sir Moses auch von den Arbeiten dieses berühmten und meisterhaften Thoraschreibers befriedigt war. Zuin hundertjährigen Geburtstag Montefiores im Jahre 1883 wurde Herr Elias Bunimowitsch als Delegirter der Wilnaer Gemeinde nach Ramsgate gesandt. Eine eben fertig gewordene Thorarolle nahm er gleich mit, um sie persönlich Sir Moses zu überreichen. Bei dieser Gelegenheit drückte der greise Philanthrop demselben seine j Bewunderung und seinen Beifall aus über die vortreffliche und | künstlerische Anfertigung dieser Gesetzesrolle, den herzlichen Wunsch; hinzufügend, daß der Ueberbringer noch lange Jahre für ihn arbeiten möge. Nach Beendigung meiner akademischen Studien in Bonn brachte ich ein Jahr in Brüssel zu, um eine größere Gewandtheit in der französischen Umgangssprache mir anzueignen, und ich hegte damals auch schon den Wunsch, im Englischen mich weiter auszubilden, womöglich an der Quelle, wozu sich mir bald eine paffende Gelegenheit darbieten sollte. — Am Ende des in Briissel verlebten Jahres kam nämlich der berühmte Gelehrte Dr. Louis Loewe zum Gebrauche einer Badekur nach Aachen. Er kain häufig in das Haus meiner Eltern und fragte dieselben, ob ich nicht geneigt wäre, eine Lehrerstelle in seinem zu Brighton gelegenen Pensionat anzunehmen. Meine Eltern waren für dieses günstig erscheinende Anerbieten wohl eingenommen, und ich zögerte auch nicht lange mit meiner Einwilligung. Herr Dr. Loewe, ein ausgezeichneter Redner und eine herzgewinnende liebenswürdige Persönlichkeit, hatte damals schon durch seine Gelehrsamkeit einen großen Ruf sich erworben — namentlich durch die Herausgabe eines englisch-türkisch-cirkassischen Wörterbuches und durch die gründliche Kenntniß der Hieroglyphen, worin er es mit Champollion, de Sacy und Lepsius aufnehmen konnte. Kein Wunder,

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