Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
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monats, dem jüdischen Neujahr, ertönt der Weckruf des Schofar, eines Instruments, das schon durch seine Eigenartigkeit und Ungewöhnlichkeit das Herz des Hörers zu ergreifen und denselben zur Einkehr und zur Mwendung von den gewohnten Wegen anzuregen vermag. In derselben Richtung wirkt die Enthaltung von Speise und Trank an dem höchsten Feste des Israeliten, dem Versöhnungstage, das einzige Fasten, welches das mosaische Gesetz kennt. Nach diesen beiden Festen mit ernstem Charakter kommt die volle Daseinsfreude wieder zum Durchbruch au dem den Reigen schließenden Sukkothfest, dessen ganze Lieblichkeit sich allerdings nur dann erschließt, wenn außer dem Feststrauß, in welchem sich Vertreter der herrlichsten Pflanzenarten — Paradiesapfel (Frucht des Cedratbaums), Palme, Myrthe — mit der niedrigen Bachweide zum Preise des Schöpfers vereinigen, auch die mit den schönsten Früchten des heimischen Herbstes geschmückte Laubhütte, als Auge und Herz erfreuendes Synibol des göttlichen Schutzes und Segens, die festliche Stimmung erhöht. Es ist nur ein flüchtiges, skizzenhaftes Bild, welches ich vorstehend von den religiösen Bräuchen des Judcnthunrs zu geben vermochte. Aber soviel glaube ich doch gezeigt zu haben, daß wir uns derselben wahrlich nicht zu schämen brauchen. Im Gcgentheil, wir dürfe» stolz sein auf diese herrlichen Ausstrahlungen jüdischer Religiosität und jüdischen Geistes. Wie der Israelit sein Verhältniß zu seinem Gott, wie er alle menschliche Thätigkeit versteht, ist darin ausgedrttckt. Da finden wir nichts von Mystizismus, nichts von abergläubigen Wahnvorstellungen, sondern überall nur die Absicht und das Bestreben, den Menschen seinem Ziele, der Vervollkommnung, zuzusühren — ihn zu „heiligen", wie es die Schrift ausdrückt — und ihn nicht in der Oede des alltäglichen Lebens aufgehen zu lasten, sondern seinen Sinn wieder und wieder auf das Hohe, Ideale, Ewige zu richten. Und das sollte heute eine veraltete Maxime sein? Wenn zu irgend einer Zeit, so liegt in der unsrigen die Gefahr nahe, daß den Menschen der ideale Sinn verloren gehe: den Einen, weil ihnen ihre Reichthümer und eine hochentwickelte Kultur ein gegen früher unendlich gesteigertes Genußleben ermöglichen, den Andern, weil der immer schwieriger werdende Kampf ums Dasein und der eifrige Wettlauf nach Geld, Glanz und Stellung alle ihre Kräfte in Beschlag nehmen. In einer solchen Zeit ist es doppelt dringendes Bedürsniß, festzuhalten und in verstärktem Maße nutzbar zu machen, was frühere gemüthvollere und zufriedenere Geschlechter uns an idealen Gittern hinterlasscn haben. Für den Juden aber kommt als gewichtiges Moment hinzu, daß allein die Freude und das innige Behagen au seinem Judenthum, an Form und Inhalt desselben, ihn mit den äußern Nachtheilen und Beschwernissen, die ihm seine Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm einträgt, anszusöhnen vermag. Es niuß nun allerdings zugegeben ivcrden, daß die Art und Weise, wie namentlich die religiösen Formen nicht selten bisher gelehrt und geübt wurden, hariptsächlich dazu beigetragen hat, daß dieselben in weiten Kreisen in Verfall und Mißkredit gerathen sind. Die geistlose, lediglich auf den Buchstaben des Gesetzes oder das Herkonunen sich berufende Anleitung zur Vornahme religiöser Handlungen, ohne gleichzeitige Darlegung von Sinn und Bedeutung derselben, führte vielfach zu einer rein mechanischen, unwürdigen Auffaffung und Behandlung religiöser Dinge. Nichts aber ist deni modernen Geiste so zuwider, als solche äußere Werkheiligkeit. Darum müßte selbst dem altgläubigen Israeliten, welcher die religionsgesetzlichen Ge- und Verbote durchweg als Ausflüffe des göttlichen Willens ansieht und für den letzterer alleiniger und ansreichender Verpflichtungsgrund ist, der also für seine Person einer weiteren Begründung der religiösen Bräuche nicht bedarf, die Verbreitung der Erkenntniß hohe Befriedigung gewähren, daß diese Ceremonien schon vom Standpunkte irdischer Vernunft und Erfahrung aus als zur Veredlung des Menschen geeignet und deshalb als schätzbare Errungenschaften des jüdisch-religiösen Gesetzes erscheinen. Hinzu kommt, die nicht wegznleugnende Thatfache, daß jene altfromme, unentwegte Gläubigkeit im Ab-, nicht im Zunehmen begriffen ist, daß sie dem Anprall der modernen Zeitströmung vielfach nicht standhält. Ist nun die alte Uebung nur auf den Glauben an den göttlichen Charakter der betreffenden ritualgesetzlichen Anordnungen gegründet, so wird mit diesem Glauben meist auch das Positive solcher Satzungen über Bord geworfen, ohne weitere Prüfung, ob daffelbe an sich gut und zweckmäßig sei. Noch weniger aber als Strenggläubigkeit können Gewohnheit und sog. Pietät, mit welch' letzteren: Ausdruck man gewöhnlich die freiwilligste oder nothgedrungene Rücksichtnahme auf Familie, Umgebung rc. bezeichnet, als dauerhafte' Stützen eines den ritualgesetzlichen Vorschriften entsprechenden Verhaltens in Betracht kommen. Jede Acnderung der Lebensverhältniste, unter Umständen der bloße Wechsel des Aufenthaltsortes, kann hier einen vollständigen Umschwung herbeiführen. Es erscheint daher für alle Fülle und von jedem religiösen Standpunkte aus als unabweisbares Bedürsniß, daß der religiöse Unterricht das so wichtige Gebiet der Ceremonien mit größerer Sorgfalt als seither ins Auge fasse und der Jugend ein besieres Verständniß für dastelbe eröffne. Zu bedauern ist der Mangel eines guten Lehrbuchs für den fraglichen Gegenstand. Das einzige mir bekannte Werk dieser Art, der bereits erwähnte „Horeb" von Hirsch, eignet sich schon wegen seines bedeutenden Umfanges und der Aufnahme allzuvieler Details nicht als Schulbuch. Ein solches, welches sich auf die Darstellung der wichtigsten Bräuche zu beschränken hätte, muß daher erst geschaffen werden. Am ehesten dürfte im Wege der öffentlichen Ausschreibung von Preisen für die beste und bezw. zweitbeste diesen Stoff behandelnde Arbeit ein günstiges Resultat zu erzielen sein. Ich wäre gern bereit, im Verein mit Männern, welchen die Sache in gleicher Weise am Herzen liegt, ein derartiges Vorgehen in die Wege zu leiten.') Meine Hoffnung geht übrigens nicht so weit, daß ich es irgendwie für möglich hielte, diejenigen Kreise, welche bereits außerhalb stehen, für das altjüdische Familienleben wieder zu gewinnen. Man muß sich vielmehr genügen lasten, dastelbe in seinem immerhin noch sehr ausgedehnten, gegenwärtigen Herrschaftsbereiche zu befestigen und in höherem Maße als bisher darauf hin,»arbeiten, daß dadurch wahrhaft religiöse Bildung und sittliche Vervollkommnung gefördert werden. Wenn aber auch nur das Eine erreicht würde, daß diejenigen Israeliten, welche sich in ihrer Lebensweise durch rituelle Vorschriften nicht beengen lassen wollen, die Zurückhaltung ihrer anders gesinnten Glaubensgenosten würdigen und mit Achtung auf die von diesen beobachteten Ceremonien blicken lernen, sowie daß die richtige Einsicht in Wesen und Bedeutung derselben besonders auch in nichtjüdischen Kreisen größere Verbreitung finde, so wäre dies allein schon des Schweißes der Edeln werth. >) Ich halte es nicht für unmöglich, ein für Orthodoxe wie für Nichtorthodoxe gleich brauchbares Buch zn schaffen. Sollte dies nicht gelingen, so müßte für jede Richtung das ihr zusagende beste Werk ausgewählt werden. Der sogar dem Hirsch'fchen Buche gegenüber von orthodoxer Seite früher erhobene Vorwurf, daß durch Beifügung menschlich erdachter Motive die Autorität des Gesetzes beeinträchtigt und der Lossagung von demselben Vorschub geleistet werde, ist sicher unbegründet, Lehrt doch die Erfahrung, daß Vorschriften, deren Zweck und Bedeutung nicht mehr erkennbar find, selbst wenn dieselben — wie beispielsweise das Verbot des Tragens von aus Wolle und Flachs gewebten Kleidungsstücken (Sebaatnos) und des Beseitigens der Ecken des Haupthaars und Bartes — der mosaischen Gesetzgebung angehören auch von Kouservativern wenig mehr beachtet werden.