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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-24 · Heft 30 (24.7.1891) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 30 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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Wohin mit den russischen Juden? Wer seit Monaten den Verlauf und Fortgang der russischen Judenausweisungen mit theilnahmvoller Aufmerksamkeit verfolgt — und wer stände dieser schmachvollen „Errungenschaft" des Jahrhunderts der Aufklärung und Toleranz gleichgiltig gegegüber — in dessen Innern regt sich der innige Wunsch, daß der entsetzlichen Noch nicht nur für den Augenblick gesteuert, sondern daß den aus der angestammten Heimath verjagten Unglücklichen endlich eine dauernde Ruhestätte geboten werde, an welcher sie, gesichert gegen plötzliche Angriffe einer fanatischen rohen Volksmenge, in Frieden ihre Hütten aufschlagen und den sorgenvollen Kampf ums Dasein in arbeitsamem, aber segenbringendem Schaffen führen können. - Unter den vielen, zum Theil widerspruchsvollen, ja selbst phantastischen Vorschlägen, welche sich mit der brennenden Frage der Ansiedelung der Juden in fremdem Lande beschäftigen, ragt eine gründliche, auf nationalökonomischer Grundlage aufgebaute Arbeit hervor, welche jüngst unter dem Titel: „Wohin mit den russischen Juden?" von Dr. M. I. Bodenheimer im Verlag des deutsch-' israelitischen Familienblatts „Die Menorah" erschienen ist. Der Herr Verfaffer tritt in dieser Schrift (deren Reinertrag, nebenbei bemerkt, für die russischen Juden bestimmt ist) auf Grund eingehender Studien und persönlicher Erkundigungen, sowie gestützt auf zuverlässige Berichte glaubwürdiger Schriftsteller für eine Kolonisation Syriens ein, jenes fruchtbaren, aber gegenwärtig verödeten, von der arabischen Wüste bis zu den Bergen Kleinasiens sich erstreckenden Küstenstrichs am Mittelländischen Meere, der im Osten durch den Stromlauf des Euphrat und die syrische Wüste begrenzt ist. Die kleine Broschüre ist klar durchdacht und in dem warmen Tone des für die gute Sache mit heiligen Eifer durchglühten Mannes gehalten; sie gipfelt in dem Nachweise (S. 14), daß die Vorbedingungen einer jenen Kolonisation in Syrien durchaus vorhanden sind, nämlich: 1. kulturfähiges, nicht angebautes Land von genügender Ausdehnung; 2. eine für die Entwickelung der Industrie und des Handels sehr geeignete Lage am Mittelländischen Meere; 3. gute klimatische Verhältniffe, Wenn der Herr Verfasser freilich zur Begründung seines Projektes u. A. betont, daß in Syrien keine Raffenantipathie gegen die jüdische Bevölkerung herrsche und eine allgemeine Verfolgung aus religiösen Rücksichten wegen des jahrhundertelangen Nebeneinanderwohnens der verschiedenen Konfessionen (griechisch- und römisch-katholische Christen, Muhammedaner und Juden) ausgeschlossen sei, so scheint er völlig jene von fanatischen Hetzern im Jahre 1840 ins Leben gerufene judenfeindliche Bewegung vergessen zu haben, welche, von Damaskus ausgehend, die ganze syrische Bevölkerung, und zwar die christliche sowohl als die muhammedanische ergriff und, nachdem sie manch blutiges Opfer geheischt, erst durch das energische und todesmuthige Eingreifen der von den europäischen Regierungen thatkräftig unterstützten jüdischen Gesandtschaft (unter Montefiore's und Cremieux' Führung) unterdrückt wurde. Alleindie bloße Möglichkeit einer allgemeinen Judenverfolgung, welche leider selbst in manchm westeuropäischen Ländern nach der heutigen Lage der Dinge als eine völlig undenkbare nicht bezeichnet werden kann, beeinträchtigt an und für sich nicht den Werth des Bodenheimer'schen Planes und die Richtigkeit seiner Ausführungen. Daher kann die kleine Schrift, der zur besseren Orientirung in bemerkenswerther Weise eine Landkarte Syriens beigefügt ist, recht angelegentlich zur Lektüre und Weiterverbreitung empfohlen werden, und es wäre dringend zu wünschen, daß namentlich die einflußreichen, finanziell leistungsfähigen Personen den Vorschlägen des Verfassers, welche sich nicht auf allgemeine Darlegungen beschränkt haben, sondern in kurzen Grundzügen bereits einen detaillirten Kolonisationsentwurf enthalten, ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Wenn dann auch int Einzelnen noch manche Abänderungen des Kolonisationsentwurfs als erforderlich sich Herausstellen werden, so ist doch — und jeder Leser der Broschüre wird mir, wie ich vermuthe, zustimmen — gegründete Hoffnung vorhanden, daß die Idee der Besiedlung Syriens durch die russischen Juden eine greifbare Gestalt annehmen und daß so den Vertriebenen eine neue Heimathstätte geschaffen werde. Or. 8. L. U Me religiösen Brauche des Iudenthums. Von Regierungsrath Dr. D. H. Mayer in Karlsruhe. (Schluß.') Indem ich im klebrigen von einem näheren Eingehen auf die täglichen Gebete, die häuslichen und synagogalen Morgen- und Abendandachten, wie sie ähnlich auch bei andern Bekenntnissen eingeführt sind, an dieser Stelle absehe, möchte ich hier nur noch zweier Symbole gedenken, die mit jenen Andachten in Verbindung stehen: der Gebetriemen und Schaufäden. Die ersteren sollen jeden Morgen Kopf, Herz und Hand zu gottgefälligem Thun weihen, die letzteren jederzeit an Gottes Gebote erinnern. Diese beiden Gebräuche machen allerdings heutzutage nicht nur äußerlich einen ziemlich fremdartigen Eindruck, sondern es entspricht auch unserm modernen Empfinden nicht recht, durch so drastische äußere Zeichen, welche sich nicht sowohl an unser Herz, als an den reflektirenden Verstand wenden, uns in unserm religiösen Thun und Lassen bestimmen zu lassen. Daher erklärt es sich wohl auch, daß die bezeichneten Ceremonien, obgleich sie auf mosaischem Gesetz beruhen, außerhalb der strenggläubigen Kreise ziemlich allgemein keiner besonderen Werthschätzung sich erfreuen und bereits stark in Abnahme gekommen sind?) Letzteres ist auch der Fall mit manchen Einzelheiten des früheren religiösen Ceremoniells bei den wichtigsten Ereignissen des Lebens den Eheschließungen und Sterbefällen. Bei Trauungen spielt heutzutage nur noch der Becher Weins, welcher als sinnige Andeutung der Gemeinsamkeit ihres künftigen Lebens den Brautleuten gereicht wird, sowie der Ring, durch welchen der Bräutigam sich die Braut symbolisch verbindet, eine Rolle. Von der jüdischen Sitte aber, wie sie für die Behandlung der Gestorbenen noch heute maßgebend ist, darf man getrost sagen, daß sie auf den Prinzipien liebevollster Pietät und opferbereiten Gemeinsinns bemht, und indem sie Arm und Reich in demselben einfachen linnenen Gewand, in dem gleichen schmucklosen Schrein zur letzten Ruhe bettet, der Erhabenheit des Todes über Alles, was auf Erden den Menschen vom Menschen scheidet, in sinnfälliger und ergreifender Weise Ausdruck giebt. Nachdem in dem Bisherigen die hauptsächlichsten religiösen Bräuche, welche sich an den gewöhnlichen Verlauf und die besondern Vorkommnisse des täglichen Lebens knüpfen, in Betracht gezogen und auf ihren geistigen Gehalt geprüft worden sind, erübrigt nunmehr noch ein Ueberblick über die äußeren Formen bei der religiösen Feier der ausgezeichneten Tage des Jahres, der Sabbathe und Festzeiten. Unter denjenigen Bestandtheiien des heutigen Kulturlebens, welche die Menschheit dem jüdischen Volke verdankt, ist unstreitig einer der ') Berichtigung. Im letzten Absätze der in voriger Nummer erschienenen Fortsetzung ist Zeile 2 „leicht zur Verthierung führende" und Zeile 11 „die Hungrigen" zu lesen. *) Anders die <ebenso wie die Thephillim die drei Abschnitte des Schema enthaltende) Mesusa. durch deren Anbringung an den Thürpfosten des jüdischen Hauses dieses als Stätte wahrer Gottesverehrung gekennzeichnet und geweiht werden soll. mbi

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