Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ar. 30. Berlin, 24. Inli 1891. eilung des Audenchums. Grn unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch - Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabtrkner Ludwig Philipp so n -Kann. Verlags-Expedition: iörrlin, Lernsaleurerflr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums",Berlin SWM Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikelr Das fehlt noch. Von A, T. - Wohin mit den russischen Juden. Von Dr. H. L. — Wissenschaft und Litteratnr: Die religiösen Bräuche des Judenthums. Von Dr. D. H. Mayer (Schluß). — Zur Erinnerung an Sir Moses Montefiore. Von Dr. Joseph Fiebermann. — trrdinand Lasalle's Tagebuch. II. — Feuilleton: Isaak auf dem Damm. Von lara Schott. — Echter Judenbaum. Von Ludwig August Frankl. — Littcrarifche Mittheilnugen. Der Gemeinvebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Lublin itz, Cöslin. Bielefeld, Mainz, Pirmasens, Leipzig. Stuttgart, Wien. London, Bukarest. Petersburg. Konstantinopel. New-Iork. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — MiSeeüen. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. Aas fehlt noch! Das fehlte noch, daß sich unter den Juden Stimmen hervorwagen, die mit Rücksicht auf die Antisemiten zur Prüfung unserer Lehre und unseres Lebens mahnen, damit wir beide mit Gesetz, Recht und Sitte der Völker in Einklang bringen. — Als ob Israel nach einer Wanderung von mehreren tausend Jahren erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch die Antisemiten auf den rechten Wegweiser aufmerksam gemacht werden müßte, damit es zum Verständniß seiner Lehre gebracht und es sein Leben nach den Anforderungen der Sitte, des Rechts, kurz aller Tugenden einrichten könne! — Die Wahrheit: „Lehrt mich der Feind, was ich soll", ist eine bedingte, denn es kommt eben auf den Feind an. — Wie sollen wir das aber anfangen? Unsere Gegner verdammen die Einen der Unsrigen ob des Talmuds und der Ritualien als kulturfeindlich zum Wassertode, und die Andern zum Scheiterhaufen, weil sie reformsüchtig, religionslos, nicht konservativ sind. Fort mit ihnen in jedem Fall! Das fehlt noch, daß die Stimmen ans des Feindes Lager Weckstimmen im eigenen Lager nach Revision des Judenthums auf den Dreifuß rufen! Als wenn die Grundmauern des Judenthums nicht mehr taugten, will man hier den Rückschritt, dort in hastiger Fahnenflucht Alles abwerfen, was mühselig und beladen macht, um ungehindert mitzuspeisen an der Herren Kulturtafel. Prüfen wir uns, und sehen wir den Feind näher an, auf daß wir uns nicht des Verraths an uns, der Schwäche und Charakterlosigkeit schuldig machen. Giebt es nicht Israeliten, die aus Ueberzeugung oder Pietät nach dem Ceremonialgesetz leben, und deren Wohlthätigkeitssinn, Taktgefühl und strenge Rechtlichkeit sie zur Zierde jeder gebildeten Gesellschaft macht? Und gilt nicht das Gleiche von Denjenigen, die den Kern des Judenthums Hochhalten und nur die geschichtliche Schale, als Beiwerk der zeitgemäßen Wandlung, fähig und zweckmäßig betrachten, die das Gleichniß und Symbol unter das Alles-Vergängliche zählen? Und der Feind? Wir brauchen ihn nicht nach allen zehn Geboten unter den Spiegel zu stellen. Sehen wir auf einen Priester im Talar, wie er den Glauben an den Einig-Einzigen, der die Allgüte ist, verbreitet — wie er im Namen dieses Allvaters es mit der Heiligkeit des Eides hält, — wie er anleitet, Gott über Alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben — wie er demüthig und bescheiden vor Gott wandelt — oder wie er vor dem „Wehe dem, der Unfrieden stiftet und Aergerniß bereitet" sich warnen läßt — und daher nicht wühlt gegen Fremde (?), weil geschrieben steht: „Du sollst den Fremden nicht drücken, sondern liebreich erkennen das Gemüth des Fremden"; oder sollen wir ein Exempel nehmen an einem anderen Antisemitenführer nach dem siebenten Gebot — und einen zu Fall Gebrachten mit der Entziehung von Kost, Wohnung und Kleidung bestrafen? — Die Nachahmung der Beispiele fehlte noch! Der Felsen, der das Judenthum tausende Jahre getragen, dessen Spitzen im Morgenlicht der Erkenntniß Gottes unb der Menschenliebe allen Völkern vorgeleuchtet, er steht zu fest, als daß die giftigen Schaumwogen der Antisemiten auch nur ein Sandkörnlein davon wegspülen dürften oder könnten. Wer dürfte da an Konzessionen denken! Wenn Mißgeschick über den Menschen hcreinbricht, soll er seine Kraft und seinen Wandel wohl prüfen, prüfen, ob er sich selbst und seiner Bestimmung treu geblieben ist. So untersucht man bei ausbrechendem Sturme seine Wohnung, ob irgend etwas schadhaft und dem Unwetter nachgeben könnte. So thaten laut der Bibel unsere Vorfahren, wie namentlich das Buch der Richter uns oft belehrt. Aber fort mit den falschen Wegweisern und den heuchlerischen Mahnrufen. Fest sollen wir stehen auf dem Felsen, auf den wir gestellt sind, um so fester, je schrecklicher die Bedrängnisse geplant sind. Reichen wir lins über nebensächliche Meinungsverschiedenheiten hinwegsehend die Hände, in der Gefahr uns aufrecht zu halten und die Roth zu lindern, und zeigen wir uns als Helden in der Festigkeit und Einmüthigkeit in unserer Religion, im Dulden und Lieben. So werden wir allen guten Menschen Achtung abgewinnen, — die Achtung der Anüsemiten aber? Was achten die denn des Guten, Wahren und Edlen? Dann wird auch der zu Ende des erleuchteten neunzehnten Jahrhunderts uns kredenzte Leidenskelch an uns vorübergehen und aufgehen wird die Sonne der Gerechtigkeit; die Nachtgespenster und Eulen werden sich in ihre Höhlen auf Nimmerwiederkehr verkriechen!