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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-17 · Heft 29 (17.7.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 29 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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waren 86, Westfalen 45, Hannover, 45, Hessen 24, Brandenburg 44, Schlesien 43, Posen 54, Pommern 10, Elsaß 43, Westpreußen 35, Oesterreich 81, Rußland, Ungarn und Galizien 426. aus sonstigen europäischen Staaten 142. Wie man aus diesen Zahlen ersieht, stellten Rußland, Ungarn und Galizien einen hohen Prozentsatz, der infolge der massenhaften Ausweisungen in diesem Jahre ein noch höherer sein wird. Daß auch säst alle Berufsarten vertreten waren, dafür liefern folgende Angaben den besten Beweis. Es waren nach ihrer Angabe: 36 Arbeiter, 14 Anstreicher, 15 Buchbinder, 13 Bäcker, 9 Buchdrucker, 10 Bergmänner, 82 Kommis, 17 Cigarrenmacher, 8 Drechsler, 13 Goldarbeiter, 9 Gerber, 6 Glaser, 8 Handelsleute, 59 Hausirer, 8 Hutmacher, 10 Klempner, 18 Kirschner, 17 Kellner, 27Kaufleute, 65 Lehrer, 64 Metzger, 6 Maler, 10 Matrosen, 13 Rabbiner, 36 Schneider, 22 Schuhmacher, 9 Sattler. 8 Schriftsetzer, 8 Schreiber, 9 Tischler, 8 Tapezierer, 7 Uhrmacher, 4 Weber, 84 Diverse, 316 ohne Angabe, 34 Krüppel. Schon aus diesen Angaben könnten die Antisemitenhäuptlinge ersehen, daß die Juden auch Handwerker sind, daß sie keine Arbeit scheuen, sei es als Bergmann tief unter der Erde, oder als Maler und Anstreicher hoch auf dem Gerüste. Wir wünschen der segensreichen Thätigkeit des Central- Armen-Verbandes weiterhin den besten Erfolg. B. Ans Württemberg, 2. Juli. In Stuttgart, Ulm und Heilbronn haben sich Männer verschiedener Konfessionen und Parteien vereinigt und in den dortigen Blättern Aufrufe zu Gunsten unserer bedrängten Glaubensgenossen in Rußland erlassen. — Nach dem in dieser Woche ausgegebenen 60. Berichte über das israelitische Waisenhaus in Eßlingen pro 1. April 1890/91 befindet sich der Vorstand derselben, der durch feine philanthropische Thätigkeit sich auszeichnende Herr M. H. Goldschmidt in Stuttgart, in der glücklichen Lage, die besten Mittheilungen hierüber zu geben. Doch ist bedauerlicher Weife der opferwillige Sinn für die Anstalt in Abnahme begriffen, indem die Jahresbeiträge im steten Rückgänge begriffen sind und die Legate nur 822 Mk., also nur einen Bruchtherl der Summe des Vorjahrs betragen. Die Anstalt vereinnahmte an Zinsen 11,157 Mk., all Jahresbeiträgen 1681 Mk., darunter von Se. Majestät König Karl von Württemberg 175 Mk., an Spenden 8636 Mk.; die Ausgaben beliefen sich auf 25,432 Mk. Das Grundstücks-Vermögen hat eine Zunahme von 5813 Mk. und beträgt jetzt exkl. Immobilien und Mobilien 286,387.44 Mk. Die Anstalt zählt 33 Zöglinge, die von zwei Lehrern unterrichtet werden. Oesterreich - Angarn. * Wien, 10. Juli. Die letzte Verhandlung des Abgeordnetenhauses über den Unterrichtsetat wurde zumeist in sachlicher und vielfach anregender Weise geführt. Eine Ausnahme von diesem sachlichen Geiste der Debatte machte nur wieder Herr Lueger, welcher dem Hause eine ganz eigenartige Neuigkeit mittheilte, nämlich das Vorhandensein einer Art von Christenverfolgungen an den Volksschulen. Der Unterrichtsminister selbst hat sofort in schlagender Weise erwiedert, daß nach dem Zuge der Zeit weit eher das Gegentheil zu erwarten wäre. Me immer bei ähnlichen Fällen hat Herr Lueger auch diesmal unterlassen, bestimmte Thalsachen anzuführen. Es wäre dies um so nothwendiger gewesen, als andrerseits konkrete Fakten vorliegen, welche beweisen, daß die antisemitischen Hetzereien auf die Schuljugend vielfach verrohenden Einfluß geübt haben, wie unter Anderm der tragische Fall an einer Wiener Gewerbeschule beweist, wo ein jüdischer Schüler von einem anderen wegen seiner Konfession verhöhnt und, als er sich zur Wehre fetzte, ihm in einem Messerkampfe das Auge ausgestochen wurde. w. Wie«, 8. Juli. Jellineks 70. Geburtstag wurde in der würdigsten Weise gefeiert. Es wurden dem Manne die Ehren erwiesen, die ihm gebühren. Daß die Wiener israelitische Gemeinde selbst das that, was sie sollte, ist selbstverständlich, aber auch die andern jüdischen Gemeinden in Ost und West, in Süd und Nord, in der alten und in der neuen Welt haben bewiesen, daß sie Jellineks Wirksamkeit zu würdigen verstehen. Ich bedauere jedoch, konstatiren zu müssen, daß man, wie jenes geflügelte Wort lautet, Viele sah, die nicht da waren. Als Prediger Mannheimer im Jahre 1863 70 Jahre alt wurde, stellte der damalige Staatsminister Ritter v. Schmerling beim Kaiser den Antrag, dem Jubilar einen Orden zu verleihen. Der Kaiser lehnte diesen Antrag ab (das Aktenstück ist in Grätz' Monatsschrift, das mir jetzt nicht zur Hand ist, abgedruckt). Dev Kaiser gab keinen Grund für die Ablehnung an. Man nahm an, daß Mannheimer nachgetragen wurde, weil er im Reichstage zu Kremsier auf der Linken saß. Zu jener Zeit 1v *tt»- - ~ hatte auch ein Mann selbst in Hofkreisen Einfluß, der sich als Hort der Orthodoxie geberdete und gegen Mannheimer agitirte. Im Laufe der Zeit fand ein Umschwung der Meinungen und Ansichten statt. Als Oberrabbiner Dr. Zacharias Frankel, Direktor des Seminars in Breslau, 70 Jahre alt wurde, trug ich mündlich dem damaligen Unterrichtsminister Dr. Jirecek, mit dem ich allerdings zu jener Zeit schon seit Jahren befreundet war, die Bitte vor, dem genannten hochverdienten Manne eine Auszeichnung von Sr. Majestät zu erwirken.- Der Minister ging sofort auf meinen Wunsch ein. Er wäre bereit gewesen, einen Orden zu beantragen; aber ein derartiger Antrag mußte vom Ministerrath ausgehen; die Zeit jedoch drängte, und so stellte er den Antrag, Zacharias Frankel auf Grund der von mir angegebenen Motive den Titel Kaisers. Rath zu verleihen, und nach kurzer Zeit wurde Frankel zum Kaisers. Rath ernannt. Es ist nicht anzunehmen, daß der jetzige Unterrichtsminister Freiherr v. Gautsch einen Antrag gestellt hat, Dr. Jellinek eine Auszeichnung zu gewähren, aber man hätte anuehmen sollen, daß er an den Jubilar einige freundliche Zeilen richten werde, aber auch das geschah nicht. Als Mannheimer 70 Jahre alt wurde, ernannte ifyu der Gemeinderath auf Antrag des Herrn Wilhelm Frankel zum Bürger von Wien. Der damalige Bürgermeister von Wien, Dr. Zelinka, war Vormittags bei der Feier ttit Gotteshause und Abends beim Bankett anwesend. Jetzt wurde von keiner Seite der Antrag gestellt, Dr. Jellinek das Bürgerrecht zu verleihen, imb doch besteht der Stadtrath aus lauter Liberalen, und mehr als zwei Drittel der Gemeindeväter gehören der liberalen Partei an, und vom Wiener Bürgermeister hörte und sah man nichts. Man sah nach Andere, die fehlten. Bei Mannheimers 70. Geburtstag war das Breslauer Seminar durch eine Deputation vertreten. Dieses Mal war kein Vertreter desselben hier. Ebenso fehlte die Rabbinerschule in Budapest. Wohl aber habeil diese Körperschaften, wie die Anstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, Adressen geschickt. Hoffen wir, daß an Jellineks 80. Geburtstage Niemand fehlen wird. B. S. Wien, 11. Juli. Zum Artikel über die I e l l i n e k f e i e r ist noch nachzutragen, daß sich ullter den ersten der vor die Thora Gerufenen Herr Emanuel Baumgarten befand, welcher die Gründung einer Jellinek st iftung anregte. Darauf widmete Herr David Ritter voll Gutmann demselben Zweck 1000 Gülden. Die Jellinekstiftung steht in keinem Zusammenhang mit. dem schon Jahre alteil Projekt der Gründung einer Rabbinerschule, wie irrthümlich gemeldet worden. Die Jellinekstiftung verfolgt vielmehr einen ähnlichen Zweck, wie die zu des seligen Mannheimers 70. Geburtstag gegründete Stiftung. * Königgrätz, 3. Juli. Die Gedenkfeier des 25. Jahrestages der Schlacht bei Königgrätz gestaltete sich zu einem erhebenden Todtenfeste. Dem Programm entsprechend, wurde die Feier an mehreren Punkten des ausgedehnten Schlachtfeldes gleichzeitig begangen. Die eigentliche militärische Hauptfeier fand Vormittags bei dem Mausoleum statt, welches don dem ehemaligen Besitzer der Herrschaft Smiritz, dem verstorbenen Baron Johann Liebig, für die im Jahre 1866 gefallenen Krieger bei Lipa errichtet wurde. Im Uebrigen war die Feier eine nach Konfessionen getrennte. Die Protestanten begaben sich nach Probluz, wo der ehrwürdige Pfarrer Nagy in einer ergreifenden Rede auf die herrliche Ernte hinwies, die diese blutige Saat zum Heile der Völker getragen, und den Frieden pries, der unter der Obhut der edlen, nun verbündeten Monarchen den Völkern gesichert fei. Die israelitischen Mannschaften der hiesigen Garnison waren in den schöllen hiesigen Tempel dirigirt worden, wo sich ein zahlreiches Auditorium tyeilweise aus weiter Ferne einfand. Pünktlich 10 Uhr bestieg der Herr Feldrabbiner Dr. K i s ch aus Prag die Kanzel und hielt anknüpfend an den Text aus Ezechiel: „Werden diese Gebeine wieder aufleben" eine begeisterte Rede, worin er die Selbstverleugnullg unseres Kaisers als Friedensfürsten pries. Nur eine Möglichkeit gebe es, daß der vom Balsam des Friedens geheilte Schmerz erwache, wenn gegenüber dem Friedensbund ein fremder Machthaber ohne Gefühl für das Glück seiner eigenen Unterthanen, ohne Rührung für ein Meer von Thränen, ohne Menschlichkeit und wahre Liebe mit dem Schwerte an die Pforten unseres Reiches pochen sollte. Dann werden wir aber Alle begeistert in den Kamps gehen, nicht für Eroberungen, sondern für den Frieden. a. Prag, 3. Juli. Am letzten Sabbath fand hier wie in vielen Gemeinden eine Jellinekfeier 'statt. Dieselbe wurde in Anwesenheit mehrerer hiesiger Rabbiner und des Vorstandes in der Meiselsynagoge begangen. Die wahrhaft vorzügliche Festrede hielt der Rabbiner Dr. Kisch, der hervorhob, daß Prag auch einen Theil des Ruhmes, Jellinek den Seinen zu nennen, für sich in Anspruch nehme. Hier in der Glanz-

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