Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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zeit jüdisch-wissenschaftlichen Strebens unter dem seligen Rappaport und als Hörer unserer Universität habe er den selten reichen jüdischen Wissensschatz, den er sich schon in frühester Jugend erworben hatte, geläutert durch die Vergleichung mit den profanen Wissensgebieten. Die drei Grundsäulen der jüdischen Welt, Wissenschaft. Gottesdienst und Wohlthätigkeit, habe er wesentlich gefestigt, und die Schäden, welche die Sturm- und Drangperiode unserer Zeit denselben zugefügt, ausgebessert. Die Wissenschaft habe durch feine zahlreichen tiefen und gediegenen Werke eine wesentliche' Bereicherung erfahren. Der Gottesdienst sei durch die Schule, welche seine herrlichen Predigten machten, auf altem Geleise zu großer Höhe emporgestiegen, und seine Wohlthätigkeit aus Eigenem und durch Aneiserung der Glücksbegünstigten sichern ihm den Namen eines der ersten Wohlthäter unserer Nation. Die Feier beschloß ein Gebet und Chorgesang. Frankreich. * Paris, 11. Juli. Die Beziehungen Frankreichs zu Rußland erfahren, wie der hiesige Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" wissen will, durch die russischen Judenhetzen eine merkliche Lockerung. Dieselben zeigen das amtliche Rußland in einem so starken Gegensatz zu alleil frallzösischen Ueberlieferungen von Glaubensfreiheit und Gleichheit, daß der Eindruck nothgedrungen unvortheilhaft sein mußte. So sehr man zuerst sich auch bemühte, diese Dinge todtzuschweigen, so fühlte mail doch sehr kräftig den hierin zu Tage tretenden Unterschied zwischen französischer und russischer oder sagen wir westlicher und asiatischer Denkweise. Einflußreiche, über die Judenverfolgung höchst erbitterte jüdische Kreise arbeiten, wie sich sehr wohl erklären läßt, auch nicht mehr in Russenbegeisterung und würden keineswegs betrübt sein, wenn sie den Russen das ihren Glaubensgenossen zugefügte Leid einigermaßen vergelten könnten. Die wesentlich unter Mithilfe französischen Kapitals durchgeführte Umwandlung der russischen Anleihen, ihr hoher Kursstand und die dadurch erzielte Verbesserung der russischen Finanzlage hätten, so urtheilt man in hiesigen jüdischen Kreisen, die Russen abhalten sollen, den Juden in Rußland so mitzuspielen, wie sie es jetzt thun. Man geht noch weiter und behauptet, daß die Russen bestimmte Versprechungen, die sie anläßlich der letzten Umwandlung den Juden gemacht haben sollen, nicht gehalten haben. Eine geheime und ungeschriebene Bedingung der letzten Unrwalldlungsanleihe fei gewesen, daß man die Judeil in Rußland in Ruhe lassen solle. Wäre das wirklich zutreffend, so würde man zugestehen müssen, daß die Russen über Erfüllung von Versprechungen ganz eigenartige Ansichten haben. Thatsache ist jedenfalls, daß man in hiesigen ersten Finanzkreisen gegen Rußland sehr aufgebracht ist und seinen Unwillen in oben angegebener Weise erklärt. Endlich ist hervorzuhebeu, daß viele Franzosen, die als begeisterte Russenfreunde nach Rußland reisten, um das Land ihrer Verehrung kennen zu lernen, mit beträchtlichen Enttäuschungen zurückgekehrt sind. Auch wer dort mit hoher Auszeichnung ausgenommen wurde, ist nahe daran, aus einem Paulus ein Saulus zu werden. Rußland. * Petersburg, 9. Juli. Die „Nowoje Wremja" eröffnet einen Feldzug gegen die von Juden unterhaltenen Buchdruckereien, das Blatt beruft sich dabei auf den Censur-Ustaw, nach welchem Juden nut gestattet ist, Typographien ausschließlich zum Druck hebräischer Bücher zu eröffnen, und zwar nur in den jüdischen Ansiedelungsrayons und an den Orten, wo es das Ministerium des Innern für möglich und zweckentsprechend erachte, besondere jüdische Censoren zu haben. — Arnold White, der Bevollmächtigte des Barons Hirsch, hat sich ins Ausland begehen, nachdem er die Gebiete Rußlands, in denen Juden ansässig sind, bereist hatte. Bei seiner Mission handelte es sich, wie nunmehr feststeht, um Errichtung eines besonderen Komitees Seitens der russischen Regierung, welches gemeinsam mit den Bevollmächtigten des Barons Hirsch die Uebersiedelungen rußlandmüder Juden in überseeische Kolonien zu leiten hätte. Türkei. * KorrstantinopeL, 8. Juli. Gegenüber der Meldung des „Jewish Chronicle, daß,200 bis 300 jüdische Familien wöchentlich in Jerusalem einträfen und daß in Jerusalem Krankheit und Hungerst noth herrschten, wird der „Agence de Constantinople" von maßgebender Seite versichert, daß die Regierung nur den zu einer Wallfahrt nach Jerusalem sich begebenden Juden die Landung in Jaffa unh Beirut gestatte und daß dieselben innerhalb eines von der Behörde sestzusetzenden Zeitraumes Jerusalem wieder verlassen wüßten. Um der Gefahr der Entstehung und Verbreitung von Krankheiten noch mehr vorzubeugen, ist auch die Begründung eines Komitees beschlossen worden, das in erster Linie sich die Aufgabe stellen wird, die aus Rußland hier anlangenden Auswanderer zu verpflegen und ihre Beförderung in zweckmäßiger Weise zu dirigiren. 9 Von Nah und Fern. ---- Von Seiten der B'nei b'riß-Logen sind in diesem Jahre 196 Kinder in die Ferienkolonieen geschickt und 35 Kinder in eine Halbkolonie ausgenommen worden. — Der Vorsitzende des Vereins der jüdischen Elementarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz, Herr Prediger Blumenfeld in Essen, begeht im Herbst das Fest seines 50jährigen Amtsjubiläums. — Eine in Kassel im Stadlbausaale veranstaltete Versammlung, in welcher Herr Licentiat Graebner aus Berlin über die antisemitische Bewegung sprechen sollte, wurde aufgelöst, nachdem die Sozialdemokraten bei der Büreauwahl den Vorsitz erlangt hatten. — In der Gefahr des Ertrinkens schwebte jüngst der Rabbiner der Gemeinde Marburg, Herr Dr. Munk. Derselbe gerieth unterhalb der städtischen Badeanstalt in eine bei dem jetzigen hohen Wasserstande besonders tiefe Stelle, ging unter und wäre ertrunken, wenn nicht sofort ein Soldat des 11. Jägerbataillons, der den Vorgang vom Ufer aus bemerkt hatte, in den Fluß gesprungen wäre und den bereits Bewußtlosen gerettet hätte. — Der Magistrat der Stadt Nürnberg hat laut „Gen.-Anz." den Stadtrath Kohn zum Standesbeamten gewählt. Dieser nahm die Stellung nicht an. — Der Privatdozent Dr. Felix Skutfch ist zum außerordentlichen Professor für Gynäkologie in der medizinischen Fakultät der Universität Jena ernannt worden. — Auf Anregung des Hamburger Lokal-Komitees für die russischen Juden hat die Hamburg-Amerikanische Packelfahrt-Aktien-Gesellschaft Schritte gethan, um den jüdischen Auswanderern nach Möglichkeit rituell zubereitete Verpflegung während der Fahrt nach Nordamerika, Argentinien rc. zu gewähren. — In St raßburg (Elsaß) hat sich unter dem Vorsitz des Oberrabbiners Weil und des Konsistorialpräsidenten Blum ein Provinzialkomitee für die russischen Juden gebildet. Irr beu andern elsässischen Grobgemeinden sind Lokalkomitees in der Bildung begriffen. — In Lixheim ist Herr Abraham Level, der älteste Mann in Lothringen, im Alter von 98 Jahren gestorben. — Aus Wien wird berichtet, daß die jüngste Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" koufiszirt worden ist. — Zum Dekan an der juridischen Fakultät der deutschen Universität in Prag wurde Herr Prof. Dr. Krasnopolski und an der medizinischen Fakultät derselben Universität Herr Pros. Dr. Arnold Pick gewählt. — Der geachtete L^vaer Bezirks-Oberrabiner Ambrosius Kohn ist am vorigen Samstag in Monor gestorben. Der Verblichene hat ein Alter von 57 Jahren erreicht und sein Hinscheiden wird von seiner Gemeinde, die in ihm einen ausgezeichneten Seelenhirten verlor, tief betrauert werden. — In Basel ist ein Hilfskomitee für die russischen Juden unter Vorsitz des Rabbiners Dr. Arthur Cohn begründet worden. — Herr H. Frees in London, der bereits ein hebräisches Gebetbuch zum Gebrauch für Blinde geschaffen hat, hat nunmehr ein Alphabet für Blinde zum Erlernen der hebräischen Schrift herausgegeben. — Der König von Rumänien hat Herrn Rabbiner Dr. Gast er in London für dessen Verdienste um die rumänische Litteratur die höchste Klasse des Ordens Benemerenti in Gold verliehen. — Der französische Oberstlieutenant der Marineartillerie, Herr Cerf, ist zum Obersten befördert worden. — Graf Jsaac von Camondo in Paris wurde an Stelle des verstorbenen Alexander Elisson zum türkischen Generalkonsul in Paris ernannt. — Wie die „Times" von unterrichter Seite erfährt, hat sich Rußland zur Begünstigung des Planes des Barons Hirsch, die Auswanderung der russischen Juden nach Argentinien, Syrien und Kleinasien zu leiten, entschlossen. — Der in Konstantinopel bestehende Verein „Dor'sche l'schon Zion" hat eine hebräische Bibliothek begründet. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.