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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-17 · Heft 29 (17.7.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 29 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Iahrgattg. Ar. 29. Wetlage Dev Gerneirrbebote. *""»•17«1891 Sur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 4£ Berlin, 13. Juli. Der Dirigent des Synagogenchores in der Lindenstraßensynag 0 ge, Herr William Wolf, ist beauftragt worden, für den Gottesdienst in diesem Tempel einen aus Damen und Herren bestehenden Gesangschor zu engagiren. Wir begrüßen es mit Genngthuung, daß diesem seiner Zeit in diesen Blättern zuerst ausgesprochenen Gedanken die That so schnell gefolgt ist, und hoffen, daß die neue Institution ihre segensreiche Wirkung auf Würde und Weihe des Gottesdienstes nicht verfehlen werde. * Berlin, 14. Juli. Der hiesige Architekten-Verein hat unter liebenswürdiger Führung der Herren Architekten Cremer und Wolffenstein am 10. d. M. den zwar noch nicht fertigen, aber Raum- und Farbenwirkung bereits voll zeigenden Neubau der Synagoge in der Lindenstraße in allen Theilen besichtigt. Die „Post" erhält darüber von einem Fachmann folgenden Bericht: Als den Siegern einer im Architekten-Verein ausgeschriebenen Konkurrenz ist den Herren der Bau übertragen worden, aber von dem Konkurrenzentwurf selber ist, wie in so vielen Fällen, auch hier nicht allzu viel übrig geblieben. Statt eines Langschiffraumes des Gotteshauses ist mit Rücksicht auf eine weniger den unteren Raum beengende Emporenanordnung ein Centralraum geschaffen worden — architektonisch jedenfalls reizvoller, für die Bauausführung' aber auch sicherlich schwieriger. Die eigenthümlichen Grundstücksverhältnisse — bei einer Tiefe von fast 77 in hat die Straßenfront nur 28,44 rn, zu der dann allerdings mehr nach hinten auf der rechten Seite eine Verbreiterung von 12,74 m hinzukommt, während auf der linken Seite das Nachbargrundstück um 4.85 m einspringt — haben es mit sich gebracht, daß die Durchführung einer strengen Axialität, wie sie jedem Monumentalbau eigen, einfach unmöglich war', und es kam nun für die Architekten vor Allem darauf an, all die Raumdissonanzen gewissermaßen durch eine geschickte Figuration — hier also Ornamentik — so zu mildern, daß sie nicht gerade unangenehm auffallen; wenn man will: ein „mogeln" im guten Sinne, das in der That durch seinen Zweck, wenn auch nicht geheiligt, so doch wenigstens geadelt wird. Für den ungeputzten Feinziegelbau ist eine Förmensprache gewählt, welche man als frühgothisch bezeichnen möchte in der Ornamentalion, nur daß die Entwickelung der Höhen-Verhältnisse dieser Stilperiode nicht entspricht, vielmehr stark modern reuaissancistisch gehalten ist. An der Straße steht ein Vorbau mit Wohnungen für Synagogen-Beamte im Erdgeschoß, und in den oberen Stockwerken mit Sälen und Zimmern für den Religionsunterricht und die Vorstandssitzungen. Durch ein mächtiges Mittelportal, das durch zwei Geschosse reicht, sieht man die eigentliche Synagoge hinten liegen, während in den Seitenflügeln des Hofes die breiten feuersicheren Treppen für die Emporen-Besucherinnen angeordnet sind. In der Hauptfront dreiaxig, ist die Synagoge im Innern vieraxig, so daß also im Innern die Mittelaxe sich verschiebt auf den Mauerpfeiler zwischen der äußeren Mittel- und Rechts-Axe — ein Moment, das, obschon hier mit meisterhafter Virtuosität vorgetragen, doch sehr seine bedenklichen Seiten hat. Der Fachmann der„Post" versteigt sich nun zu folgender Tirade: „Wenn das Judenthum wohl noch zäher und starrer als die katholische Kirche daran festhält, im Besitz der einen „Wahrheit" allein zu sein, so hätte man doch, bei seinem notorischen Reichthum zpmal auch erwarten dürfen, daß es gerade mit der Stätte seiner Gottesanbetung auch räumlich „wahr" sein wolle, daß nicht das Aeußere Anderes verheißt, als das Innere in Wirklichkeit bringt! Warum denn überhaupt noch diese Einzwängung in eingebaute Grundstücke, die verständlich war zu einer Zeit, in der der Jude überhaupt das Licht der Oeffentlichkeit scheute, während er doch heutzutage von dieser Scheu keine Spur zu zeigen pflegt! Die „Kosten" eines freien Platzes als eigentliches Agens dafür anzuführen, würde aber Leuten doch nicht gut anstehen, die unter ihren Glaubensgenossen solche zählen, die Königreiche einfach „kaufen" könnten. Nur Mangel an Opferwilligkeit kann hier vorliegen." — Wäre der Architekt der „Post" weniger befangen gewesen, so hätte er sich jene Fragen selbst leicht beantworten können. Die Juden sind eben nicht so reich, wie ihre Gegner glauben, und die Bankiers, die Königreiche kaufen, existiren nur in der antisemitischen Phantasie. An Opferwilligkeit hat es aber bei uns nie gefehlt. Freilich, hätte man die Synagoge nicht eingezwängt, sondern aus einen freien Platz gestellt, so hätte die „Post" sehr klar bewiesen, wie vordringlich die Juden sind. Kehren wir nun zu den sachlichen Ausführungen über den Synagogenraum selber zurück. Man betritt zunächst die gewölbte Vor-Synagoge, über welcher sich hier in zwei Etagen Emporen befinden, während die beiden seitlichen Emporen nur eine Treppe hoch angeordnet sind. Der sehr stattliche, im ungleichseitigen Achteck konstruirte Mittelraum wird einestheils durch Seitenlicht, so weit es die Nachbargrenzen zuließen, erhellt, andererseits durch ein kreisrundes Zenithlicht von 6 Meter Durchmesser. Die acht tragenden Säulen von dunkelrothem Main-Sandstein (zum Theil bis auf über 10 kg pro Quadratcentimeter belastet!) lassen je zwei und zwei weitergespannte Gurtbogenöffnungen zwischen sich, für das Allerheiligste und die Orgel-Empore, sowie für die zuvor genannten Frauen-Emporen, und tragen zugleich ein schönes Sterngewölbe in kräftiger Tönung mit reichen Gold-Ornamenten. Der Raum wirkt vortrefflich in seiner Gesammtausbildung und verdient auch darin besondere Anerkennung, daß die Farbigkeit in den reich ornamentirten Fensterflächen nicht geradezu lichtabsperrend wirkt, wie z. B. in der hiesigen Nikolai-Kirche, wo allsonntäglich die sieben Kronleuchter des Mittelschiffs mit mehreren Hunderten von Gasflammen die Luft verschlechtern, die Athmung der Kirchenbefucher erschweren. Besondere Erwähnung verdient noch die dadurch sehr erschwerte Dach-Konstruktion, daß an der einen Nachbarseite kein Platz für ein zum Widerlager hinreichendes Mauerwerk war. Herr Ingenieur Cremer ist es auch gewesen, der eine diese Schwierigkeit meisterhaft überwindende eiserne Konstruktion ersonnen hat. Der Bau, welcher erst im März v. I. begonnen werden konnte, soll bereits Ende September iu Benutzung genommen werden. * Berlin, 14. Juli. Der „Reichsanzeiger" vom gestrigen Tage bringt folgende Mittheilung: Die orientalische n Sammlungen der königlichenMuseen haben der Hingebung eines hiesigen Privatmannes, des Herrn Rudolf Mosse, eine werthvolle Bereicherung zu verdanken, die um so wichtiger ist, als der betreffende Zweig der morgenländischen Alterthumskunde bisher sowohl bei uns als in anderen europäischen Museen nur schwach vertreten war. Die Geschichte Arabiens vor dem Auftreten des Islam lag bis vor Kurzem noch ganz im Dunkeln, und erst seit in neuerer Zeit, vor Allem durch Herrn Dr. Glasers ebenso kühne als erfolgreiche Reisen, aus der Südhälfte des Landes zahlreiche Inschriften bekannt geworden sind, beginnt sich allmälig das Dunkel zu lichten, und es ergiebt sich, daß auch hier etnft im Alterthum eine vergleichsweise hohe Kultur geblüht hat. Es ist Herrn Dr. Glaser gelungen, 33 dieser Jnschriftensteine und drei Köpfe aus Alabaster, die von Grabsteinen stammen, nach Europa zu schaffen, und sie sind es, die Herr Rudolf Mosse erworben und den Kölnglichen Museen als Geschenk übergeben hat mit der ausgesprochenen Absicht, durch diese Gabe die orientalischen Studien in Deutschland auch nach der Seite der Alterthumskunde Arabiens hin zu fördern. Die Inschriften finb in der eigenthümlichen südarabischen Schrift geschrieben (die der abessinischen ähnlich ist) und gehören nach Herrn Dr. Glaser zumeist in das erste Jahrtausend v. Chr., während andere auch aus nachchristlicher Zeit stammen. Sie sind meist religiösen Inhalts, doch fehlt es auch nicht an solchen, die geschichtliche Ereignisse berichten; unter den letzteren befindet sich das Hauptstück der Sammluilg, eine Inschrift von 23 Zeilen, die den Bündnißvertrag dreier Könige, des Königs Alhan von Saba, des Königs Gedarot von Habaschat und des Königs Ghailall von Hadhramant, enthält. Das Geschenk hat die Allerhöchste Genehmigung erhalten und wird zur Zeit in den vorderasiatischen Sälen im Erdgeschosse des neuen Museums aufgestellt. O Berlin, 15. Juli. Die „Kreuz-Zeitung" arbeitet jetzt nur noch mit „Ritual-Massenmorden". Sie läßt sich aus Konstantinopel — §elegraphtren, daß in Mustapha Pascha die Leiche eines achtjährigen

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