Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MM-^WMBWPWDWM^ - S48 - WWWWWW Aufregung und Schreck noch immer nervös zitternden Gatfin und sprach: „Wir wollen das Geschehene nicht mehr berühren. Dein zerstörtes Aussehen und Deine Thronen sagen mir, welche Empfindungen auf Dich einstürmen. Ich weiß, daß Du nun einsiehst, daß . wir Juden keine Ursache haben, uns unsrer Abstammung zu schämen und das Benehmen und Auftreten der Andersgläubigen uns zum Vorbilde zu nehmen. Diese Erkenntniß hast Du, habe zum Thejl auch ich durch das geopferte Glück unseres Kindes erkauft. Ich sehe nun ein, daß Gottes Wege unerforschlich sind, wie er selbst unevgründlich ist. Durch Irrungen führt er zur Wahrheit, durch düstere Schatten finstern Unglaubens zum Hellen Licht wahrer Erkenntniß. Wir waren auf abschüffige Bahn gerathen und trieben dem Verderben unseres Seelenheils entgegen. Der allmächtige Gott aber hat sich unser erbarmt und durch das über unsere einzige Tochter hereingebrochene Unheil uns belehrt, daß wir Juden keinen Augenblick vergessen dürfen, daß wir Juden, daß wir Kinder einer Nation sind, die der civilisirten Welt die Grundsäulen der Civilisation: die zehn Gebote, gegeben hat, und daß es uns nicht zur Ehre gereicht, wenn wir unsere Erstgeburt, unsere glorreiche Vergangenheit, für ein Gericht Linsen: für einen herablassenden Händedruck eines Andersgläubigen preisgeben. — Ich weiß, liebes Hannchen, daß Du Alles bereust und daß Du Dich damit einverstanden erklären wirst, unser Kind sofort zu uns abzuholen und einen Rechtsanwalt mit der Scheidungsklage zu beauftragen." Madame Jsraelski hatte nichts zu erwiedern; aber in ihren thränenden Augen, die ihr reuiges Herz verriethen, las ihr Gatte die Gedanken ihrer Seele: sie war jetzt mit Allem einverstanden. — Hastigen Schrittes verließ Herr Jsraelski das Zimmer, um sich zu seiner Tochter zu begeben, — und nach Verlauf einer knappen Stunde lagen Mutter und Tochter sich in den Armen. III. Sechs Jahre waren seit dieser Zeit verflossen. In den Straßen Hamburgs lag noch tiefer Schnee und auf dem Jungfernsfieg und dem Altenwall wogte das geschäftige Leben und Treiben der fleißigen Bürger dieser alten Handelsstadt. Auf der Börse und in den Kaffees aber erzählte man sich Wunder von der schönen Berliner Krankenpflegerin, die schon seit Mottaten die Kosten für eiüen im jüdischen Krankenhaus untergebrachten christlichen Herrn trägt und ihn mit der größten Sorgfalt pflegt. — Auch in den Abendgesellschaften beschäftigte man sich viel mit der Person der schönen Krankenpflegerin und ihres Schützlings, ohne jedoch etwas Näheres und Bestimmtes über die Berhältniffe und Beziehungen des Paares zu einander zu wissen. Nur in der Familie des Bankiers X, wo die schöne Krankenpflegerin, wie sie allgemein genannt wurde, öfters vorzusprechen pflegte, schien man über die geheimnißvolle Berlinerin und ihre Berhältniffe genau informirt gewesen zu sein; aber die Familie des Bankiers X hüllte, sich in tiefes Schweigen und ließ die von Neugierigen in dieser Angelegenheit an sie gerichteten Fragen unbeantwortet. Unsern geehrten Lesern aber dürfte es nicht schwer fallen, in der schönen Berliner Krankenpflegerin Amalie Jsraelski zu erkennen, die, seitdem sie zu ihren Eltern zurückgekehrt war, ihrem Vorsatze treu, ihr Leben in den Dienst der Leidenden gestellt hatte. Wo Noth eingezogen und Hilfe erforderlich war, wo beklommene Herzen schwere Seufzer ausstießen und betrübte Gemüther ihre Seelenqual durch Thränen verriethen, wo Verzweifelte in ihrem Schmerze aufschrieen und unschuldig Leidende in stiller Resignation brüteten, dort erschien Trost spendend und Hilfe leistend, wie ein Wunderengel der Vorzeit, Amalie Jsraelski. Aber nicht in der Metropole des deutschen Reiches allein entfaltete sie ihre wohlthätige Wirksamkeit; sie stand auch in Verbindung mit den Leitern von Wohlthätigkeits-Jnstitutionen verschiedener Städte des In- und Auslandes, in denen sie nicht nur als Krankenpflegerin sich praktisch nützlich machte, sondern welche sie auch, wenn es noch that, durch größere Geldsummen, die ihr von ihrem Vater bereitwillig überwiesen wurden, unterstützte und förderte. — Aber so viel Trost sie auch für Andere hatte, so sehr es ihr auch gelungen war, die Thränen von Unglücklichen und Leidenden zu trocknen, für sich selbst konnte sie keinen Trost, für ihr blutend Herz keinen erquickenden Balsam finden. In ihrer Seele wohnte Trübsinn und in ihrem Herzen Trauer und Wehmuth. Aber das Maß ihrer Leiden war noch nicht voll — ihr stand noch ein schwerer Kampf bevor! Von einer in New-Aork wohnenden befreundeten Familie war ihr die Nachricht zugegangen, daß ihr früherer Gatte, der, nachdem ihre Ehe vom Gericht aufgelöst wurde, sich mit jener berühmten Schauspielerin vermählt hatte, aber schon kurze Zeit darauf sich von ihr betrogen und außerdem noch von allen seinen früheren Bekannten und Freunden verlaffen und verachtet sah, aus Schande nach Amerika übergesiedelt war, dort in einem trostlosen Zustande, an Leib und Seele krank, auf offener Straße aufgefunden worden sei. Diese Nachricht drohte sie niederzuschmettern. Das Gefühl süßer Genugthuung für erlittene Kränkungen und schmerzlichen Mitleids mit einem Unglücklichen kämpften in ihrer Brust einen fürchterlichen Kampf. Schon glaubte sie diesem harten Kampfe unterliegen zu müffen und jener überirdischen Macht, die ihren früheren Gatten für seine Treulosigkeit mit ihren gerechten Strafen heimgesucht, auch sein ferneres Schicksal anheimzugeben. Plötzlich aber durchzuckte ein Heller, lichter Gedanke ihr Inneres: sie müsse sich edler und größer zeigen als ihr gerechter Haß! Sie gelobte, den Mann zu retten, der ihr alle Freuden des Lebens geraubt, der sie und ihr erträumtes Eheglück dem fanatischen Haß zu ihrem Volke hingeopfert hatte. Und sie blieb auch diesem ihrem Vorsatze treu. Auf ihre Kosten wurde er von New-Pork nach Hamburg geschickt, wo sie ihn in das jüdische Krankenhaus unterbrachte und selbst ihn sorgfältig pflegte. Seitdem waren nun drei Monate verstrichen. Die bedauerns- und zugleich bewundernswerthe Amalie hatte während dieser Zeit nichts unversucht gelaffen, weder Kosten noch Mühe gescheut, um ihren früheren Gatten dem Leben zu erhalten; allein vergebens. Es war eine kalte Februarnacht und über den Straßen Hamburgs lagerte ein grauer, undurchsichtiger Nebel, der auch die letzten Spuren des geschäftigen Lebens der Großstadt mit seinem Dunkel verhüllte. Tiefe Ruhe und nächtliche Stille herrschte bereits seit einigen Stunden im jüdischen Krankenhaus. Nur in einem der Krankenzimmer wird die Stille durch das Stöhnen eines Sterbenden und das leise Schluchzen einer Frauenstimme unterbrochen: Amalie weint am Sterbebett ihres frühem, jetzt mit dem Tode ringenden Gatten. „Amalie," sprach der Sterbende mit gebrochener Stimme, ihr die Hand zum Abschied langsam reichend, „Amalie, kann ... Euer Gott.. der Rache.. auch so ver ... zeihen, wie dse Kinder.. seines auserwählten Volkes . . . immer. . . ihren-Feinden... ver — zeihen .., so bete-bete — für mich zu . . diesem Gotte.. der Rache..-denn ich habe geirrt.. und ge—büßt." Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktton: Max Bauchwitz in Berlin.