Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-17 · Heft 29 (17.7.1891) · p. Seite 347

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 29 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227907--48095-3270596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

347 gewandten Geldsummen vermochten nicht, sein Herz aufs Neue für die unglückliche Amalie zu erwärmen. Er haßte seine Frau und verachtete ihren Vater, noch mehr aber ihre Mutter, für die er keinen anderen Namen hatte, als „dummes Judenweib". Wie sollte, wie konnte er auch seine Gattin und die Ihrigen achten und lieben? Hatten sie auch Alles, was an das Judenthum erinnert, abgelegt und verworfen, so gehörten sie doch noch immer der semitischen Rasse an, deren Kennzeichen selbst das Taufwafser nicht abzuspülen vermag. Wohl hatte er sich in einem leichtsinnigen Moment von dem schönen Gesicht der lieblichen Amalie hinreißen lassen, um ihre Hand anzuhalten; nun aber ist er zu der Ueberzeugung gekommen, daß mehr als ihre feuersprühenden Allgen ihres Vaters Geld die Licbesflamme in seinem Herzen angefacht hatte. Nun hatte er das Geld durchgebracht, den ihn an das Haus Jsraelski fesselnden Magnet aus den Händen verloren, was Wunder, daß er seine Gattin aller Reize bar, in ihr nichts als ein „Judenweib" sah, um welches er sich von seinen Standesgenofsen verhöhnt und verachtet glaubte. O, unglückliche Amalie! Wie edel war doch ihr Herz, wie rein und selbstlos ihre Liebe zu Emil, dem sie, obwohl sie von der Religion ihrer Väter keine Ahnung hatte, wie die meisten jüdischen Frauen ihren Männern mit Leib und Seele ergeben sind, in unverbrüchlicher Liebe und Treue anhing. Noch jetzt, wenngleich sie schon so manche Thräne um ihr fehlgeschlagenes Glück, um ihr verlorenes Paradies geweint, war sie fest entschlossen, alle Schmach und alle Demüthigungen seitens ihres Mannes über sich ergehen gn lassen und von ihm, dem Irregeleiteten, wie sie ihn vor sich selbst zu vertheidigen suchte, nicht zu lassen, vielmehr alle Mittel anzuwenden, um ihn von seinen Vorurtheilen und Jrrthümern zu befreien. Diesem ihrem Vorsatze treu, ertrug sie an der Seite ihres Gatten die furchtbarsten Qualen und Kränkungen und klagte Niemanden! ihr Leid, obwohl ihr Herz blutete und ihre Seele von Wehmuth erfüllt war. Allein sie hatte ihre Kräfte überschätzt und vergessen, daß sie jenem Geschlecht angehörte, dessen Glieder Göttinen gleichen, wenn sie lieben, Teufeln und allen Gespenstern der Hölle aber, wenn sie eifersüchtig sind — und sie hatte allen Grund, eifersüchtig zu sein. Außer den schlagenden Beweisen seiner Abneigung gegen sie, die sie so häufig erhielt, mußte sie nämlich noch die ihre letzte Widerstandskraft erschütternde Erfahrung machen, daß er sein Herz einer gefeierten Schauspielerin zugewandt hatte. Kein Wunder daher, daß sie alle Hoffnung, er könne sich noch bessern, aufgab und den festen Entschluß faßte, sich von ihm zu trennen. Sie überlegte nicht lange und richtete an ihre Eltern, vor denen sie ihr Leid, so lange es anging, geheim zu halten suchte, folgende Zeilen: „Auf der Lippe kein Fluch und im Aug' keine Zähre, Verwünsche ich nicht den, der mich elend gemacht; Denn arm ist das Herz, das, erdrückt von der Schwere Des Kummers, nur bitterlich jammert und klagt." „Ja, liebe Eltern, ich bin elend, elend durch einen Mann, der mich nicht nur nicht geliebt, sondern mich haßt und mich als Jüdin auch verachtet. O, thörichtes Menschenherz! Ich träumte von Glück und Wonne, ich glaubte, die duftenden Rosen der Liebe würden' unser Eheleben schmücken, unser Haus in ein Paradies umwandeln, und vergaß, daß wir nur Menschen sind, die ohne Erbarmen aus dem Paradiese vertrieben werden. Vergebens waren meine zärtlichen Worte, vergebens mein Bitten und Flehen, meine Thränen und Seufzer: das giftige Unkraut des Antisemitismus umrankte nach und nach sein Herz, bis der Frost des eisigen Haffes die Blüthen der Liebe zu seinem Weibe erstarrte und knickte, mein Auge in einen Thränenqucll umwandelte und mein Herz in tausend Stücke brach. Doch wüßte ich, daß er mich hasse, in mir das Weib hasse, wie 'es häufig im Leben vorkommt, so würde ich mich nicht grämen und würde auch mein Leid nicht klagen; denn Liebe und Haß, beide wurzeln in der menschlichen Natur, beiden ist der Mensch wie ein Sklave ergeben. Ich würde ohne Resignation, mit echter Frauenwürde mich meinem Schicksal unterordnen und mein blutendes Herz durch ein fröhliches Gesicht zu verbergen suchen. Allein er verachtet mich, weil Ihr meine Eltern, weil wir Juden sind, weil wir den Schöpfer des Alls im Geiste verehren — und das kann ich nicht ertragen. Von einem Manne, den ich mit der ganzen Gluth meines Herzens geliebt, mich und die Meinigen verachtet zu wissen, empört meinen Frauenstolz, ertödtet in meiner Brust alle besseren Gefühle, die ich noch bis jetzt für ihn gehegt, und macht mir seine Nähe zur gefürchteten Hölle. Ich will nun von ihm lassen, lassen von der Sünde, die mit ihren Reizen mich gefangen hielt. Ich fühle mich gedrückt und beengt in einer Umgebung, wo man zwischen Mensch und Mensch eine Scheidewand errichtet. Aber auch in meinem Herzen ist die Liebe zu jenen Leidenden, Verfolgten und Unterdrückten erwacht, deren Loos auch mir, ebenso unverschuldet wie es ihnen auferlegt, zu Theil wurde. Gleich meinen armen Glaubensgenossen wurde auch mir, so lange ich die Hände, die mich nachher gleich einer Rose zerknicken sollten, mit Gold rollen füllte, Liebe und Treue geheuchelt. Ich wurde wie sie gehaßt, weil ich wie sie selbstlos geliebt, wie sie verachtet, weil sie verachtet, weil ich wie sie bescheiden aber auch wie sie kurzsichtig war, das Gute, Schöne und Edle nicht in der nächsten Nähe zu erblicken. Nun habe ich mein Vergehen erkannt, so will ich's auch büßen. Ich will zu Euch zurückkehren, die Erinnerung an mein erträumtes Glück in der Tiefe ineines Herzens vergraben, meine Kräfte und ' jungen Jahre aber in den Dienst der leidenden Menschheit stellen: ich will Wunden verbinden, Thränen stillen und gebrochene Herzen aufzurichten und zu trösten suchen. In der Nähe von Trostsuchenden und Hilfebedürftigen wird neu aufgerichtct werden Eure unglückliche auf Eure Hilfe harrende Tochter Amalie." Frau Jsraelski brach ohnmächtig zusammen, als sie den Brief ihrer Tochter gelesen hatte. Eine solche Katastrophe hätte sie nicht erwartet, obwohl die brutale Behandlung ihrer Tochter seitens ihres geliebten Schwiegersohnes ihr keineswegs ein Geheimniß war. Angst und Gewiffensbisse, sie selbst Hütte das traurige Geschick ihres Kindes verschuldet, bemächtigten sich ihrer Seele und raubten ihr einige Minuten die Besinnung. Wie sollte sie jetzt ihrem Manne, der von Anfang an dieser Verbindung kein gutes Ende prophezeit, dessen Einwilligung sie nur durch die verschiedensten Mittel gleißnerischer Ueberredungskunst zu erwirken verstanden hatte, ins Antlitz schauen? Wenn er nun sie als die Urheberin aller Leiden und Qualen der Tochter bezeichnete, ihr die Schuld dieser zu Stande gekommenen unglücklichen Heirath aufbürdete, durfte sie es noch wagen, hatte sie noch das Recht, sich zu entschuldigen? Aber ihre Ohnmacht ging schnell vorüber und ihr Befürchten, ihr Gatte würde sie mit Vorwürfen überhäufen, war ganz unbegründet. Wohl dachte Herr Jsraelski, als er den Brief durchflog, einen Moment darüber nach, was seine Gattin Alles angestiftet, welches Unheil sie durch ihre Abneigung gegen Juden und Judenthum und durch ihre Assimilationssucht über ihr eigenes Kind heraufbeschworen hatte; allein, gerecht und schlicht wie er war, sprach er auch sich selbst von Schuld nicht frei. Er hätte — sagte er sich in seinem Innern — als Gatte und Vater die Pflicht gehabt, eine Verbindung, von der er sich nichts Gutes versprach, mit aller Gewalt zu verhindern. Einige Minuten stand Herr Jsraelski nachsinnend und überlegend, was er nun beginnen sollte; dann aber wandte er sich zu seiner vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.