Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 345 -—— Ludwig Chrsnegk. Ein trefflicher Mensch, ein wackerer Künstler ist mit Ludwig Ehronegk am 7. d. M. dahingegangen. An der Verwirklichung der künstlerischen Ideale, die das Meininger Hoftheater auf seine Fahne schrieb, hat er neben dem Herzog selbst den thätigsten Antheil gehabt. So wird sein Name fortleben in der deutschen Theatergeschichte. Für uns als Juden hat aber sein Wirken noch eine besondere und keineswegs zu unterschätzende Bedeutung. Es ist ein beredter Protest gegen die niederträchtige Anklage, daß der Jude auch im Kunstleben jene Tendenzen nur zur Geltung bringe, die das stille, emsige Schaffen deutschen Geistes zerstören. Ehronegk war ein würdiger Vertreter deutscher Kunst. Er war ein kleiner Mann mit großer Intelligenz und erstaunlicher Arbeitskraft, der sich vom Komiker der Possenbühne durch ernste Arbeit zu einem tüchtigen Künstler, zu einem der ersten Dramaturgen der deutschen Bühne emporgearbeitet hat. So gereicht sein Leben auch dem Judenthum, dem er treu angehörte, zur Ehre. Gern würde ich den geneigten Lesern die Biographie des Heimgegangenen erzählen. Aber ich besitze eine Art Autobiographie, die Ehronegk einst in einer fröhlichen Stunde für mich niedergeschrieben, und ich ziehe es vor, diese hier zu veröffentlichen. „Ludwig Ehronegk, geboren in Brandenburg a. H. den з. November 1837, Jude, bis zum 13. Jahre in Berlin erzogen. Meine Eltern zogen nach Berlin, als ich drei Monat alt war (nebbich); nach dem 13. Jahre besuchte ich das Gymnasium in Potsdam und ging mit dem 18. Jahre zur Bühne. Mein erstes Engagement war in Berlin in Krolls Theater, welches unter Leitung E. A. Görners stand, der auch mein Lehrer war, dann ging ich zu Hermann v. Bequignolles, welcher die Theater in Liegnitz und Görlitz leitete, kehrte aber bald nach Berlin zurück an das Wallner-Theater, dann an das Friedrich-Wilhelmstädtische, von dort zu Maurice nach Hamburg, dann nach Pest, später nach Leipzig und Breslau; seit 1866 bin ich in Meiningen, seit etwa 5 Jahren leite ich die Regie dort. Besondere Kennzeichen fehlen. So, hier haben Sie das Beefsteak, lieber Freund, seien Sie so gütig, die Sauce und die Hinderniffe dazu zu geben." Ludwig Ehronegk war ein bescheidener Mann. Er erwähnt in dieser Autobiographie nicht, daß ihm das hohe Glück beschieden gewesen, die Gunst, ja die Freundschaft des edlen und kunstsinnigen Herzogs von Meiningen und seiner Gattin sich zu erringen und daß diese Gunst sein Leben mit Ehren und Auszeichnungen geschmückt hat. Ehronegk ist als Geheimer Jntendanzrath gestorben. Sein Leichenbegängniß war auf Wunsch des Herzogs ein feierliches. Schon vorher hatte derselbe 6 Plätze auf dem israelitischen Friedhof in Meiningen zu einem Denkmal für Ehronegk angekauft. Die Beerdigung fand auf seine Kosten statt. Das Arrangement derselben hatte der Oberhofmarschall übernommen. Bor dem Theater, der Stätte seines Wirkens, brannten die umflorten Lampen, unzählige Lorbeer- und Orchideenkränze schmückten den Sarg. Ein Schauspieler trug die zahlreichen Orden voran, dann folgten die Leidtragenden, hierauf die Vertreter des Herzogs, die Minister, Regierungsräthe, Hofchargen и. s. w., dann die Geistlichkeit und endlich eine große Schaar von Freunden und Verehrern des Dahingeschiedenen. Die Kapelle des Hoftheaters spielte-Trauerweisen, der Gesangverein sang das Scheidelied. Dann trat der herzogliche Landesrabbiner Dr. M. Dessauer vor die offene Bahre und hielt eine Grabrede, die auf Wunsch der Freifrau v. Heldburg dem abwesenden Herzog durch den Oberhofmarschall nach München nachgeschickt wurde. Herr Rabbiner Dr. M. Dessauer war so freundlich, mir diese Grabrede zuzusenden, und ich bin überzeugt, daß dieselbe auch die geschätzten Leser lebhaft interessiren wird. Sie ist die beste Charakteristik des Berstorbenen, und ich lasse sie daher hier im Wortlaut folgen: Tiefbetrübte Leidtragende! Hochgeehrte Trauerversammlung! Wir können kein zutreffenderes Schriftwort unserem Nachruf voransetzen, als das, welches Jonathan zu seinem Bundesgenossen David gesprochen: •rotrifc '2 Sam. 1, 20: „Du wirst vermißt werden, weil Dein Platz leer bleiben wird!" I. Ja, Ludwig Ehronegk wird vermißt werden auf dem Platz, wohin das große und wohlverdiente Vertrauen unseres gnädigsten Herrn, der Schöpfergenius seiner Kunst, ihn gestellt. Du wirst, theurer Entschlafener, vermißt werden an dem Platz, den Du so ganz, so voll, so würdig ausgefüllt, und von welchem aus Du, dem edlen kunstsinnigen Meister gleich, den jungen Talenten Beifall spendetest und die kühn aufstrebenden Kräfte zum ruhmvollen Siegeslauf ermuntertest. Noch in den Jahren der besten Manneskraft und mitten in der rüstigsten und rührigsten Bethätigung seiner Schaffenslust erlahmten plötzlich seine Geistesschwingen. Sein Antlitz, in welches die ernsteste Pflichterfüllung und das eifrigste Wirken und Walten Furchen gegraben halten, war fahl und blaß geworden, die Kraft geschwächt; nur seine Berufssreudigkeit war nicht erlahmt, nicht geschwächt die Fähigkeit, immer noch jeder Richtung und Regung seiner Kunst zu lauschen und die Kräfte und Talente für seine erlesene Musterschaar aufzuspüren, um die geniale Meininger Schöpfung, deren anfängliche Tadler später die Lobredner und Jünger geworden, die Schöpfung einer durch seltene Erfolge weltbekannt gewordenen Musterbühne mehr zu einer Lehrals einer Vergnügungsstätte auszugestalten. Nicht unerwartet und doch allzu schnell ist er all' seinen Lieben, Geschwistern und Verwandten, den hohen Gönnern und treuen Mitarbeitern entrissen worden. Nun soll Ihnen, den Genossen und Jüngern, nicht mehr lächeln sein Gesicht, Sie nicht mehr unterweisen sein wichtig Wort. Der Leitstern, der Sie begleitet auf Ihren stolzen Ruhmeswegen, ist erloschen, doch nicht glanzlos untergegangen. Todt ist Ihr Führer, doch der Tod ist nur ein Menschenwort, denn Tod ist weder hier noch dort. Er ist ein Uebergang, darin stimmt, wohlverstanden, die Religion mit der Wissenschaft überein, ein Eingehen in ein anderes Dasein, eine Verwandlung des menschlichen Wesens. Im Reiche der spinnenden und webenden Thierwelt giebt es/ wie bekannt, Wesen, die, sobald sie ihre völlige Größe erlangt haben, in einen anderen Zustand übergehen, sich in andere Wesen verwandeln. Ehronegk hat auch so, durch höchste Gunst und Gnade unterstützt, unb durch erstaunliche Leistungen auf dem Gebiet der dramatischen Kunst, eine ansehnliche Höhe erstiegen und wandelte sein Wesen. Er hat das ihm vorgezeichnete herrliche Kunstgewebe verständnißvoll ausgesponnen und ist verschieden, verschieden aber, um fortzuleben für alle Zeit. Ihm flicht wohl die Nachwelt Kränze, hier stirbt nicht der Zauber mit dem Künstler ab, da die Schöpfung, an der er so ruhmreich mitgearbeitet, keine Schöpfung des Augenblicks gewesen. II. .Xi jipoked moschoweka! „Du wirst vermißt werden an Deinem Platze im Familien- und Freundeskreise", denn der Entschlafene war der treueste, hingebendste Bruder, Verwandte und Freund. So streng auch im Berufsleben, nicht aus Härte, Leidenschaft oder Egoismus, sondern aus Rechtlichkeits- und Pflichtgefühl, da sein Blick auf das schöne Ziel, auf das Ganze, dem der Einzelne sich unterzuordnen hat, gerichtet gewesen; so streng einerseits, so milde, gemüthlich, launig und herzlich soll er in Verwandtschaftsunb Gesellschaftskreisen verkehrt haben; voll rührender Kindesliebe, besonders voll Pietät und Liebe zu seiner ein Jahrzehnt den Vater überlebenden Mutter, der Einzigen, die ihres Lieblings Neigung zum Schauspiel verstanden und nicht widerstanden hatte, als er aus der gesicherten Stellung tu einem wohlbekannten Berliner Kaufhause austrat, um dem unbezwinglichen Drange zur Kunst zu folgen, der Kunst, die Ehrung und Auszeichnung, Glanz und Kranz dem verleiht, der sich ihr als Kunst widmet, und zu dem irdischen Glanze, der seinen Namen bestrahlt, zu den zahlreichen Würden, Orden, Lorbeeren und Ehren, die ihm von Fürsten, Großen und Kunst-