Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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•343 Mimdtheilen einen Fruchtknoten an, in dessen Innern ein erst vor Kurzem dem Ei entschlüpftes Weibchen lagert. Was es befähigt, die gänzlich geschloffene Wiege seiner tatsächlich schöneren Ehehälfte zu finden, d. h. gerade nur solche Fruchtknoten, in denen die Weibchen enthalten sind, läßt sich nicht sagen. Haben sie sich gefunden, so geht das Männchen bald zu Grunde, das Weibchen dagegen verläßt den Fruchtknoten und strebt dem Licht zu. Es hat ein mühsames Werk zu verrichten, wenn es das. verwirklichen soll, es muß sich nämlich durch den engen Schlund, den die blühende Feige oben bildet, hindurcharbeiten, es ist aber auch für diese Arbeit dadurch befähigt, daß seine Flügel nicht entfaltet sind, denn mit solchen käme es nicht durch. Ist sein Bemühen von dem erwünschten Erfolge gekrönt, so breiten sich seine eingeschrumpften Flügel nach und nach aus und es kann auf eine andere Feige fliegen. Die Gärtner binden darum solche wilde Feigen an dem zahmen Feigenbaunr auf, damit das Weibchen von dort auf eine solche fliege. Hier auf der zahmen Feige angelangt, nruß dasselbe die im Vergleich zu seiner Kleinheit bedeutende Arbeitsleistung im umgekehrten Sinn verrichten, es muß von oben wieder durch den Schlund (ostiolum) in das Innere der Feige eindringen. Wenn wir das Leben dieses Paares betrachten, so sehen wir, daß hier eine Uinkehrung der Verhältnisse stattgefunden, wie sie der Dichter schildert, denn hier muß das Weib „erlisten, erraffen und wagen", wohl nicht um das Glück, wohl aber doch um sein Heini „zu erjagen". Das Weibchen nimmt in die neue Wohnung aus der alten den Pollenstaub der Staubgefäßblüthen mit und streift ihn beim Herumwandern in der ersteren an den Narben der Stempelblüthen ab, was nothwendig vorgehen muß, wenn aus der Blüthe eine Frucht werden soll. Das Insekt verfolgt jedoch in der Feige einen egoistischen Zweck, es will sich nämlich einen paffenden Ort aussuchen, um sein Ei abzulegen; wir wiffen ja, wo das Männchen das Weibchen gefunden hat — in dem Fruchtknoten einer solchen Stempelblüthe — dieser wird angestochen und das Ei hineingelegt. In dem Bau des Fruchtknotens kann man sogar eine Anpassung an dieses Angestochenwerden und an die Aufbewahrung des Eies sehen, doch würde die Auseinandersetzung dieser anatomischen Verhältnisse mich hier zu weit von meinem Thenra entfernen. Das Weibchen stirbt nach der Eiablageab und fällt einem anderen Feigenbewohnec zum Opfer, oder wird einfach vom Winde weggetragen, wenn die Feige ihre süße Frucht entfaltet. So befruchtete Feigen nennt man kaprifizirte, sie kommen dem Insekt zu Hilfe, indem sie sich niemals so fest schließen, wie die nicht kaprifizirten, an diesem Umstande kann man eben jene erkennen. Wenden wir uns nach der Schilderung dieser für ein Insekt gewiß abwechslungsreichen Lebensgeschichte wieder der Feige im Orient zu, so ist noch bemerken, daß sie daselbst meist zwei, oft sogar drei jährliche Ernten liefert, weshalb beim Feigenbaum die Verpflichtung des Stehenlaffens der Ecken für die Armen wegfiel. Duschak entnehme ich die poetische Schilderung des Feigenbaumes in Kehamas Fluch von Santhei: „An einer schönen Stelle war ihr Halt; ein sonnig offenes Plätzchen tief im Wald, in dessen Mitte ein alter Banian stand, der weit sich streckte über's ebne Land. Von fünfzig Säulen wird er wohl gestützt, und durch gar manchen langen Zweig geschützt, der bodenwärts von seinen Aesten hing, und in dem fetten Erdreich sich verfing, wohl auch bis zu den untern Aesten drang, und mit den bärtigen Fasern sie umschlang. Wohl manche sah man sich im Winde wiegen, auch viel jüngere, die noch nicht sich biegen, und unbewegt und grad herunter hängen, wie Stalaktiten, die sich in die Höhlen drängen. Der Boden drunter war geglättet schön, kein Unkraut und kein Dorn darauf zu sehen, und durch den hohen schattigen Blätterdom drängt sich des goldnen Sonnenlichtes Strom. So tempelähnlich war der schöne Baum, daß, wenn ein frommes Herz trat in den Raum, es, wie die Aeste nach dem Himmel streben, zum Himmel mußte sein Gebet erheben." Die Mandel (Egos) kommt als der blühende Stab Arons und unter den Früchten, die als im gelobten Lande wachsend angeführt werden, vor. Sie ist das Zeichen der Hohenpriesterwürde, weil sie am frühesten reift, symbolisch also die früh erwachende Verstandesthätigkeit anzeigt. Der Mandelbaum hat mit einigen andern zu den Rosenblüthlern gehörigen Arten die Eigenschaft gemein, daß die Blüthen vor den Blättern erscheinen, wegen des eigenthümlichen Gepräges, das ein sonst kahler, aber dennoch in voller Blüthe stehender Mandelbaum zeigt, versinnlicht er auch die Hoffnung. „Dem Hoffnungstraum von schönerer Zeit, Der auf des Elends Stirn erglüht, Die Mandelblüthe ist geweiht, Die au dem kahlen Zweige blüht." Auf die ornamentale Verwendung der Blüthenforinen wnrde ebenfalls schon damals Bedacht genommen, so bestand die Anordnung, drei mandelblüthenförmige Kelche mit Knopf und Blume an jedem Arnre des heiligen Leuchters anzubringen. Auch die Rose gehört zur biblischen Flora, einige Kommentatoren deuten Scliusclian für Rose, bei Besprechung der Lilie habe ich schon angedeutet, warum diese Uebersetzung vorzuziehen ist. Die Rose heißt wered, daher der Mädchenname Ildods gleich Rosa. Die Rose soll erst nach der Rückkehr der Juden aus Babylonien in größerem Maßstabe in Palästina kultivirt worden sein. Auch Jericho war als Rosenstadt bekannt (Sirach 24, 18). Heute wächst auf den Ruinen Jerichos der Oleander, und es ist nicht unmöglich, daß die Bezeichnung Rosenstock auch auf diese Pflanze angewendet wurde. Die Jerichorose, Auastatica hierochuntica gleich Euclydium syriacum, gehört überhaupt nicht zu den Rosenblüthlern, sondern zu den Hahnenfußgewächsen. Sie ist eine Pflanze von unscheinbarem Aussehen, die sich viele Jahre in ganz welkem Zustande aufbewahren läßt unb dann wieder anflebt, wenn man sie ins Wasser talicht. Bei dieser großen Widerstandsfähigkeit kann es nicht Wunder nehmen, daß sie vom Sturme entwurzelt meilenweit in die Wüste hineingetragen wird und dann gelegentlich dennoch wieder aufblüht. Aus diesem Grunde hat sich die Sage vielfach mit ihr beschäftigt. Als Sinnbild der Leiden und Unterdrückung der Stämme Israels wird sie von L. A. Frankl schön besungen: „Du Rose in der Wüste, Bon keinem Thau geküßte. Von jedem Strahl versehet, Im heißen Sand geboren Und ungegrüßt verloren. Mir bist du lieb und werth! TagS schmachtest du im Strahle, Nachts singen die Schakale In Schlaf dich, armes Kind! Bei solchen wilden, grimmen, Entsetzenvollen Stimmen Wiegt dich der Wüste Wind. Der Stämme' dacht ich sinnend, Die ihren Zug beginnend, Fort ans Mizraims Schmach Durch diese Wüste kamen, Besitz vom Lande nahnie», Das ihnen Gott versprach. Wann wird er sie vereinen? Dürr und vertrocknet scheinen Der Stämme Blätter auch; Doch tief in ihrem Marke, Da lebt der ewig starke. Der Auferstehungshauch." Wie die Rose zur Ornamentik verwendet wurde, zeigt uns die Anordnung Salomos an allen mit Cederntafeln bedeckten Wänden des Tempels, außer Cherubim noch Palmen und aufbrechende Rosen einzuschneiden. Eben solches Schnitzwerk zierte die aus Olivenholz angefertigten Flügelthüren am Eingang in das Allerheiligste, ebenso wie die aus Cypreffenholz angefertigten Thüren ins Heiligthum. Nach dem Buch der Könige (1, 7) waren an den Knäufen der vor dem Tempel stehenden Säulen Jachin und Boas geschnitzte Lilien zu sehen. Ferner hatte der Rand des auf