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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-17 · Heft 29 (17.7.1891) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 29 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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Ueker die Niederschrift der mündlichen Nederliefernng. Ein Vortrag von Dr. S. Gelbhaus, Rabbiner in Prag. (Schluß.) Durch die Erleichterungsmaßregeln gewannen die mildern Judenchristen unter den Heiden immer größeren Anhang. Dieses konnte den Rabbaniten nicht gelingen, weil sie das Gesetz der Beschneidung nicht aufgeben durften. Bei ihrem strengen Festhalten um jüdischen Gesetz und bei ihrem dem Geiste jener Zeit entsprechenden weltentsagenden Lebenswandel gewannen die Judenchristen auch einen großen Einfluß selbst auf das rabbanitisch gesinnte Volk, welches ihnen schaarenweis zuströmte. Die Rabbinen sahen diesem Umsichgreifen des Judenchristenthums mit großer Besorgniß entgegen. Wie bedeutend die Zahl der zum Christenthum übergegangenen Juden gewesen sein muß, sehen wir aus einem jene Zeitströmung charakterisirenden Spruch in Aboda Sara S. 17: „Die Stimme zweier Töchter schreit und ruft hienieden: Gieb, gieb! und wer sind sie? Das Minäerthum und die Fremdherrschaft." Durch diese Wandlung der Verhältniffe wurden die Rabbinen sehr bestürzt, und die Unterschiede, die zwischen ihnen und dem Minäerthum herrschten, gestalteten sich zu einer ungeheuren Kluft. Wie ein Wehgeschrei des Rabbinismus ertönt der Warnungsruf deffelben aus jener Zeit, in der er der eisernen Gewalt der Fremdherrschaft und dem erstarkten Christenthum zu erliegen droht. „Entferne vom Minäerthum deine Wege und nähere dich nicht der Pforte der Fremdherrschaft." (Das.) Die Rabbinen fühlten zu sehr die titfen Wunden, welche ihnen das sich im Innern von ihnen lossagende und nur im Aeußern mit ihnen zusammenhängende Christenthum schlug. Sie rafften alle ihre Kräfte zusammen, um das Eindringen des Minäerthums in die jüdischen Volksmassen abzuwehren. Sie riethen entschieden von dem allzu intimen Umgang mit denselben ab und untersagten, die in jener Zeit gebräuchlichen Wunderkuren von ihnen zu empfangen (das.). Man beschränkte sich rabbinischerseits vorläufig auf diese Vorsichtsmaßregeln gegen die Minäer, schloß sie aber noch nicht von dem Verbände des Judenthums aus, weil die Rabbinen ihre Rückkehr in den Mutterschooß der Synagoge erwarteten. Auch wurde ein Gebet für dieselben verfaßt, welches lautete: O daß doch die Verirrten wieder zur Einsicht gelangen! (Megila 17.) Ein Beweis, daß die Rabbinen entschieden hofften, die Entfernten würden sich wieder nähern. Aber die Minäer waren entschlossen, den einmal gewonnenen Einfluß durchaus zu behaupten und trachteten, die Maßregeln der Rabbinen zu vereiteln. Obwohl sie noch immer an der Beobachtung des Gesetzes festhielten, so fingen sie doch an, die rabbinische Deutungsmethode der heiligen Schrift in Frage zu stellen, wohl wiffend, daß, wenn sie diese ihre Grundlage erschütterten, ihre feste Burg, die Halacha, erbeben und zusammenstürzen müßte. Sie machten anfänglich geräuschlos einige Ausfälle gegen die Schrifterklärungen der Rabbinen, und als ihnen diese geglückt waren, wuchs alich ihr Selbstbewußtsein. So entfernten sie sich halb bewußt und halb unbewußt immer mehr vom Rabbinismus, und die Kluft zwischen beiden Parteien dehnte sich immer weiter aus. Mittlerweile brach der Krieg unter Bar Kochba aus. Die dogmatischen Fragen und Streitigkeiten traten in den Hintergrund, der alle Gemüther beherrschenden politischen Revolution Platz machend. Das jüdische Volk raffte seine letzten Kräfte zusammen, um das verhaßte Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Das ganze streitfähige Israel trat unter Waffen. Selbst die den Juden von jeher feindlich gesinnten Samaritaner vergaßen jetzt der alten Fehde und schloffen sich den Empörern im Verzweiflungskampf gegen Hadrian an. (Liber Josua Samaritauorum C. 48). Nur die Judenchristen hielten sich prinzipiell vom Kriege fern; sie wollten nicht gemeinsame Sache mit der damaligen Revolution machen. Sie fühlten zu sehr, daß ihr Jntereffe nicht mehr mit dem der Rabbinen Hand in Hand gehe. Sie erblickten in dem Ausspruche Jesu: „Wenn Ihr sehen werdet die Gräuel der Verwüstung rc., da fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist." (Math. 24, 15, Markus 13, 14) eine Weissagung und einen Befehl, daß sie sich nicht . an dem Bar Kochbakriege betheiligen sollten. Nachdem Hadrian den Aufstand niedergeworfen hatte, verbot er den Juden, Jerusalem zu betreten. Die Judenchristen, welche von den Römern als Juden betrachtet wurden, waren von diesem Verbote nicht ausgeschloffen. Um aber der Strenge dieses Ediktes zu entgehen, wählten die Minäer einen Bischof aus der Mitte der Heidenchristen und stellten ihn an die Spitze ihrer Gemeinde zu Jerusalem. (Lusebius, bistoria «oelosias IV. 5.) Sie selbst in ihrer großen Mehrheit blieben noch bei der Beobachtung der jüdischen Ceremonialgesetze. Auf diese Weise erhielten sie von den Römern die Erlaubniß, in Jerusalem zu wohnen. Nun war der völlige Bruch zwischen Judenthum und Christenthum unvermeidlich; der Rabbinismus war an seiner empfindlichsten Stelle getroffen: an der religiös-dogmatischen und, was noch für ihn verhängnißvoller wurde, an der nationalen. Denn durch den Umstand, daß den Christen das Wohnen in Jerusalem, an welches doch das Judenthum mit allen seinen nationalen und religiösen Lebensfasern geknüpft war, gestattet wurde, gewann das Christenthum ein geistiges Uebergewicht über den Rabbinismus. Die Rabbinen sahen dieses ein und machten die äußersten Anstrengungen, so viel zu retten, als noch zu retten möglich war. R. Akiba, der geistige Führer der Revolution, tritt daher mit großer Energie gegen das Minäerthum auf. Er verbietet auf's Strengste das Lesen minäischer Bücher (Synhedrin 90). Er, der früher Umgang mit judenchristlichen Lehrern hatte, macht sich jetzt öffentlich darüber Vorwürfe. „Ein Mal," so sagte er, ging ich auf den Obermarkt zu Zephoris, da fand ich einen Mann; Jakobus aus dem Dorfe Sochanja war sein Name rc. Da freute mich die Sache und ich übertrat, was geschrieben steht in der Lehre: Entferne von ihm (dem Minäerthum) deine Wege." Eine Verordnung aus jener Zeit lautet: „Die minäischen Bücher soll man nicht, wenn sie ins Feuer gefallen sind, aus demselben retten, sondern man laste sie in demselben trotz der Gedenknamen (d. h. Gottesnamen), die in denselben enthalten sind." Ein jüdischer Lehrer sagt: „Sie (die minäischen Bücher) sind die Ursache der Entfremdung Israels von seinem Urquell." (Sabbat 116.) Die Zeitumstände gestalteten sich aber immer günstiger für die Anhänger der neuen Lehre. Das Mißlingen des Aufstandes unter Führung Bar Kochba's, der allgemein als Meffias angesehen wurde, suchten die Christen in ihrem Jntereffe auszunützen. Da doch Bar Kochba nicht der Messias sein konnte, wie dieses die Thatsachen bewiesen, so suchten sie daraus die Echtheit der Messianität Jesu zu beweisen. Und wirklich gelang ihnen diese Beweisführung bei dem entmuthigten und verzweifelten Volke vollkommen. Es strömten ihnen von Tag zu Tag ganze Schaaren von Rabbaniten zu, und es lichteten sich die Reihen der rabbinischen Anhänger immer mehr. Um aber ihre Eroberung und Ausbreitung zu sehen, thaten die Minäer einen Schritt, der für sie von großer Bedeutung war. Sie gingen daran, ihre bis dahin noch im Schwanken begriffenen Religionsurkunden fest zu gliedern, das Zweifelhafte auszuscheiden, das für echt Anerkannte zu kanonisiren und abzuschließen. In einem ihre religiöse Anschauungen enthaltenden Buche gewannen sie einen festen Stützpunkt, das

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