Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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weder für niedrig, noch für veraltet. Anerkannt ist der grotze sanitäre Werth der Circumcision. Eine medizinische Autorität Amerikas ging sogar so weit, die allgemeine zwangsweise Einführung derselben zu fordern. Noch höher ist indessen die sittlich-religiöse Bedeutung der Institution zu veranschlagen, wie ich sie in zugleich kraftvoller und geistreicher Weise bei einem Autor, dein ich mich übrigens an Glaubensstärke weder vergleichen kann noch will, in dem „Horeb" von Samson Rafael Hirsch, veranschaulicht gefunden habe. Seine vpn tiefernstem, sittlichem Pathos getragenen Worte dürften auch bei denjenigen, die wesentlich andern religiösen Anschauungen huldigen, Verständniß finden, wenn er in seiner eigenartigen Weise schreibt: „Daß du heilig haltest die Kräfte deines Körpers, sie nicht vergeudest in schnöder Lust der Sinne . . ., daß du ganz Mensch, ganz Gottesdiener seiest, auch in thierischster Handlung nur heilige Aufgabe erblickest zum heiligen Zweck des Weltenbaues, diesem heiligen Zwecke heilig haltest deine Kräfte und auf diesen heiligen Zweck beschränkest des Thieres Forderung und wissest: Gott werde Rechenschaft fordern für jeden Splitter Kraft, den du außer seinem Dienste vergeudet oder gegen seinen Willen verwendest — das rufe dir das Abrahamssiegel zu und hemme dein Beginnen, wenn du Thier willst werden! . . . Und o ihr Jünglinge, die ihr dies leset! Traget nicht umsonst das Abrahamssiegel. Gehet nicht unter in der Zeit Entartung, denket, ihr seid Abrahams Enkel, sollt so Hohes durchtragen — es schütze euch vor Entartung, stehe euch bei im Kampfe, es hilft euch sicherlich zum Siege. Wenn überall wie angefressene Blume welkt die Jugend und der Erschlaffung zueilt das Geschlecht — euer Stolz sei, stark zu sein, Stätte zu bleiben dem heiligen Berufe, den ihr im Jsraelnamen traget. Hishalech lefonai webje thomim. „„überall wandte vor meinem Angesicht und sei rein, sei unbefleckt, sei makellos, sei ganz"", gehöre ganz mein mit allem Deinen, ruft euch Gott durchs Bundessiegel zu, in jedem Augenblick, da euch die Sinnlichkeit bethören will, Er ruft's euch zu und ihr wollt höhnen Seinen Ruf? wollt Israels Blüthenadel hinwerfen, um als Thier zu schwelgen und zu welken?" Aehnlich tritt zugleich die hygienische und ethische Bedeutung bei den S P e i s e g e s e tz e n hervor. Die meisten der hierunter fallenden Vorschriften sind allein schon vom Standpunkt der Hygiene als wahrhaft weise und vernunftgemäß zu bezeichnen. Wenn auch zur Zeit noch nicht durchweg nachgewiesen werden kann, daß der Genuß des Fleisches der rituell nicht genießbaren Thiere gesundheitsschädlich wirkt, so ist doch höchst bemerkenswerth, daß der moderne europäische Geschmack sich bei Auswahl der als vollwerthig für den menschlichen Genuß zu bezeichnenden Thiere nahezu auf die nämlichen Arten beschränkt, wie das mosaische Gesetz.') Die eingreifendste Besonderheit liegt darin, daß auch das Fleisch der an sich erlaubten Thiere — von Amphibien und Fischen abgesehen — nur dann genossen werden darf, wenn dieselben von einem approbirten Schlächter durch den ritualgesetzlich vorgeschriebenen Halsschnitt getödtet und bei der hierauf vorzunehmenden eingehenden Untersuchung als durchaus gesund und frei von bedenklichen Entartungen befunden worden sind. Diese Beschränkungen aber gewähren unschätzbare sanitäre Garantieen. Abgesehen davon, daß nach dem Urtheil von Sachverständigen die jüdische Schlachtweise der ') Als wichtigere Ausnahmen wären nur Hase und Schwein, sowie unter den Fischen der Aal zu nennen. Ob der Genuß von Hasenfleisch zuträglich ist, weiß ich nicht. Vom Schweinefleisch nahm man früher an, daß dessen Genuß nur etwa für heiße Länder beanstandet werden könnte. Die neuere Wiffenschast hat jedoch entdeckt, daß das Schwein sehr häufig Träger von Parafiten lFinnen und Trichinen) ist, welche, wenn nicht beim Gebrauche feines Fleisches besondere Vorsichtsmaßregeln angewendet werden, in dem Menschen zwei der schlimmsten Krankheiten, Bandwurm und Trichinose, Hervorrufen. Auch der Aal ist, wie ich von ärztlicher Seite belehrt wurde, nicht allein wegen der Schwerverdaulichkeit seines Fleisches, sondern auch aus dem weiteren Grunde, weil derselbe ebenfalls meistens von kleineren Schmarotzerthieren durchsetzt ist, ein nicht unbedenkliches Nahrungsmittel. Qualität des Fleisches zu Statten kommt, weshalb sie namentlich in Berlin von bedeutenden Schlächtermeistern für den allgemeinen Konsum bevorzugt wird, ist durch dieselbe der Genuß nicht allein von umgestandenen, sondern auch von dem Siechthum verfallenen Thieren ausgeschlossen, da auch an letzteren der Schächtakt nicht vollzogen werden darf. Und lange bevor es eine staatliche Fleischschau gab, sorgte das jüdische Ritualgesetz dafür, daß krankes, verdorbenes oder auch nur verdächtiges Fleisch vom Tisch der Israeliten ferngehalten wurde. Obgleich heutzutage eine mehr oder minder scharfe polizeiliche Ueberwachung das gleiche Ziel für die Gesammtbevölkerung anstrebt, giebt es dennoch sogar viele Nichtjuden, welche derselben die unter der Autorität des Religionsgesetzes stehende jüdisch-rituelle Kontrole vorziehen und mit Vorliebe Koscherfleisch verwenden. Bei manchen sonstigen Ge- und Verboten in Bezug auf Gebrauch und Zubereitung der Nahrungsmittel lassen sich sanitäre Gründe im Einzelnen weniger leicht eruiren.') Dagegen ist im Allgemeinen durch die Ergebnisse der neueren Statistik außer Zweifel gestellt, daß diese eigenthümlichen Speisegesetze der Israeliten sich in ihrer Gesammtheit für die physischen Verhältnisse derselben als äußerst vortheilhaft erwiesen und wesentlich dazu beigetragen haben, ihre Lebensdauer auf einer über dem sonstigen Durchschnitt stehenden Höhe zu erhalten. ' Dies ist jedoch nur die eine Seite des jüdischen Speiserituals. Sie erscheint mir bei Weitem untergeordnet gegenüber der erziehlichen Wirksamkeit, die von demselben ausgeht. Der Umstand, daß die Tödtung der zum Genuß bestimmten Thiere nicht von Jedermann und nicht auf beliebige Weise, sondern in jeder Gemeinde nur von einem besonders dafür bestellten Beamten vorgenommen werden darf, und zwar durch einen Akt, welcher mit religiöser Weihe umkleidet ist, ist sicherlich nicht ohne Einfluß darauf geblieben, daß bei den Israeliten blutige Verbrechen, sowie überhaupt Grausamkeiten gegen Menschen und Thiere zu den größten Seltenheiten gehören. Sodann aber sind die allerdings erheblichen Beschränkungen, welche die Speisegesetze im Ganzen den an dieselben sich bindenden Israeliten auferlegen, für diese von Jugend auf. eine ausgezeichnete Schule der Enthaltsamkeit, Mäßigkeit und Selbstzucht, ohne andererseits eine den heiteren Lebensgenuß beeinträchtigende Askese zu bedingen. Zur Förderung sittlicher Lebenshaltung gereicht es ferner, daß auch die an sich rein thierische und zur Verthierung führende Funktion des Essens und Trinkens selbst durch religiöse Ceremonien in eine höhere Sphäre gerückt wird. Wie zu heiliger Handlung begiebt sich der rituell lebende Israelit zum täglichen Mahle, durch Handwaschung symbolisch die Abstreifung alles Unreinen und Gemeinen andeutend. Und nicht leicht dürfte es etwas Sinnigeres und Gemüthvolleres geben, als wenn der Hausvater als wahrer Priester des häuslichen Kreises das Mahl einleitet, indem er von dem vor ihm liegenden Brode abbricht und davon Jedem der Tischgenossen ein Weniges austheilt, ohne langes Gebet, dessen Ende die Hungernden kaum abwarten könnten, sondern mit dem kurzen und kernigen Spruch: „Gepriesen seist du, ewiger Weltenkönig, der Brod aus dem Erdreich hervorbringt!" Erst nach Beendigung des Mahles wird dem Behagen über das Genoffene und dem Dank an den himmlischen Geber desselben durch das eigentliche Tischgebet Ausdruck verliehen, das allerdings für den täglichen Gebrauch etwas weitläufig ausgestaltet ist und durch entsprechende Kürzung, welche dem Einzelnen unbenommen bleibt, meines Erachtens an Werth nur gewinnen kann. (Schluß folgt.) ') Daß Milchgenuß nach Fleisch vor Ablauf einer dreistündigen Zwischenzeit unstatthaft ist, dagegen Fleisch auf Milch schon nach kurzer Pause genossen werden kann, wird nicht blos von« Schulchan arucli, sondern auch von berühmten Spezialisten für Magenkrankheiten gelehrt.