Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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möglich ist, die einzelne Nachricht zu kontroliren, werden alle geglaubt. Und nur zu gern beruhigt sich Mancher bei dem Gedanken: „Es ist am Ende gar nicht so schlimm dort!" Und ein Anderer sagt . sich: „Was sollen deine zwanzig Mark, wo Millionen zur Hilfe herbeigeführt werden?" Und ein Dritter tritt erst gar nicht an die Arbeit heran, wenn er so viele Namen nennen hört, neben denen der seine doch verblaßt, und denen er wohl die Arbeit und Fürsorge, anvertrauen darf! Darum rufen wir Allen, die Herz und Sinn für das Hilfswerk an den russischen Juden haben, noch einmal die eindringliche Mahnung; zu: Vorsicht! U Zum Geburtstage von Leopold Zun?. Bald wird sich wiederum die jüdische Litteraturwelt rüsten, um in stillem Gedächtniß den Tag zu begehen, welcher uns vor fast einem Jahrhundert einen Forscher wie Leopold Zunz geschenkt. Schon rüsten sich jüdische Blätter, um in eingehenden Skizzen der Gegenwart und vielleicht auch dem kommenden Geschlecht« zu erzählen, welche Geistesgröße es in jenem Manne besessen, welcher ein ungeheures Gebiet jüdisch-archäologischer Forschung sein eigen nannte und gar vielen Jüngern dieser Wissenschaft die Wege gewiesen, auf denen sie fortarbeiten sollten mit doppelter Begeisterung für das geistige Erbe derjenigen Nation, deren Sprößlinge sie sind. Doch dieses Feld liegt brach — „Der Himmel, der dir gehören sollte, ist hart wie Erz, und die Erde, auf der du dich befindest, gleicht dem Eisen!" Wo sind denn jene großen Mäcene, welche, im Besitze erworbener Schätze, sich berufen fühlen sollten, das gewaltige Werk des Geistes auszubauen, mit einem winzigen Theilchen der ihnen zu Gebote stehenden Mittel wiffenschaftliche Studien zu fördern, deren Kosten der „arme" Gelehrtenstand leider nicht aufbringen kann, weil er es nicht vermag, so innig er es auch begehrt! Doch mit Nichten! Was frommen die Mittel zur Veröffentlichung der Studien, , wenn sich nur eine erschreckend geringe Anzahl von Genoffen des eignen Stammes dazu bequemt — Laien und Theologen — einzudringen, bewahre: nur bisweilen ein wenig zu kosten von dem, was Gelehrte und ihre Jünger in anhaltendem Studium ergründet und wofür ihnen der schönste Lohn darin blinkt, wann „achttausend Schüler zu den Füßen eines Lehrers sitzen und sich laben an dem Borne erhabenen Wiffens." Darum erlahmt wohl auch gar mancher — sofern ihn nicht gar die „fette. Pfründe" und der unwürdige Hang zur Bequemlichkeit davon abhält — in seiner Beschäftigung oder hält scheu mit seiner Arbeit zurück, um nicht Gegenstand des Bedauerns und Mitleids zu werden, daß er „nutzlos" Zeit und Ruhe hingegeben. Und darum fürwahr wird und darf die Gedächtnißfeier zu Ehren Zunz', wie aller Geistesheroen, nicht anders begangen werden, als in aller Stille. Denn wozu immer wieder die Wunde aufreißen, die die Welt, die eigne jüdische Welt vernarbt wissen will. Man wird dem Schreiber dieser Zeilen den bittern Ton verargen, man wird ihn selbst bedauern und seine Klage für unnöthig halten, aber doch wenigstens im Wesentlichen Recht geben. Vielleicht ist es ihin aber doch vergönnt, die Anregung zur weiteren Beleuchtung dieser Frage gegeben zu haben, und vielleicht verhallt sein bescheidenes Wort nicht ganz wirkungslos. Noch drei Jahre trennen uns von dem Zeitpunkte, da wir den Tag der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages von Zunz begehen werden, und ohne Zweifel ivird derselbe nach altem Brauche in mehr oder weniger anregender Weise gefeiert werden. Deffen dürfen wir uns versichert halten, seitdem und so lange die Zunzstiftung besteht. Für den Zweck, den wir erstreben, bleibt es gleich, von wem und bei welcher Gelegenheit die Sache in die Hand genommen wird, — wenn sie nur verwirklicht wird. Wir haben in erster Linie die Gründung von Lehrstühlen für jüdische Litteratur an Universitäten im Auge. Man wird entgegenhalten zu können glauben, es erübrige sich dies, seitdem wir theologische Anstalten besitzen, in denen man neben talmudischen ritualgesetzlichen Studien, lim der modernen Zeitströmung Rechnung zu tragen, auch der jüdisch-wiffenschaftlichen Forschung eine Stätte eingeräumt habe. Allerdings; doch erstens ist das Pensum der Durchbildung eines Jünglings zum Lehrer und Seelsorger weit genug, um nicht allzusehr noch überbürdet zu werden — vorausgesetzt, daß es in einer richtigen und umfaffenden Art gehandhabt wird! — und zweitens soll die jüdische Wiffenschaft über den engen Kreis der Theologen hinaus verbreitet werden, damit sie Eigenthum des ganzen jüdischen Stammes werde. Daß letztere Forderung berechtigt ist, bedarf kaum eines Beweises. Vielleicht läßt das Kuratorium der Zunz-Stiftung es sich ailgelegen sein, für die Anstellung wiffenschaftlich-tüchtiger Männer und die Einrichtung eines Lehrstuhles für dieselben an Universitäten nach Möglichkeit Sorge zu tragen, sei es, daß dies von Staatswegen geschieht — und das wäre der Sache sicherlich am förderlichsten — oder aus privaten Mitteln. Freilich würde eine Vereinigung beider Kräfte namentlich für die Verbreitung der jüdischen Wiffenschaft von größter Bedeutllng sein. Dazu bedarf es freilich der Mittel und Wege. Aber die Zeit ist noch verhältnißmäßig lang! Mögen noch drei Jahre ins Land gehen, was thut's? Wenn nur alsdann mit frischer Kraft, dem Phönix gleich, die jüdische Wiffenschaft aus der Asche der Vergeffenheit ersteht. Es gilt, die Unterhandlungen mit der Regierung zu führen, die Beziehungen der Zunz- Stiftung zu erweitern, um weitere Kreise für das Projekt zu interessiren und Mittel für seine Verwirklichung zu gewiimen. Dann aber gälte es, tüchtige Kräfte mit vollster Unparteilichkeit und Gewiffenhaftigkeit auszuwählen, welche im Stande sind, einer sachgemäßen gründlichen Forschung die Wege zu ebnen und selbst eine solche zu handhaben. Doch ist es unsere Aufgabe nicht, im Einzelnen den Plan zu skizziren, welcher die Grundlage der Ausführung bilden soll; es genüge, auf dieses Eine: die Wiedereinführung von Lehrstühlen für jüdische Litteratur an Universitäten, hingewiesen zu haben. (Ein zweiter Vorschlag sei einer späteren Zeit Vorbehalten.) Möchten diese Zeilen, die sicherlich einem idealen Zuge ihres Schreibers entspringen, wohlwollende Beachtung finden und zur Inangriffnahme dieser hohen Aufgabe dienen! 'HSEi Hl N'NI» Kgr. U Me religiösen Bräuche des Audenthums. Von Regierungsrath Dr. D. H. Mayer in Karlsruhe. (Fortsetzung.) Was in den oben angeführten Aeußerungen über den hohen Werth dieser Bräuche im Allgemeinen gesagt worden ist, soll hier im Einzelnen nachgewiesen werden. Dabei unterscheide ich nicht zwischen solchen, die auf mosaischem Gesetz, auf rabbinischer Vorschrift oder auf bloßem Herkommen beruhen. Selbstredend muß ich aber bei der Fülle des Stoffes meine Umschau auf die wichtigsten Bräuche beschränken. Da ist vor Allem der Akt der Aufnahme in die jüdische Religionsgemeinschaft, die Beschneidung. Soviel ich mich erinnere, hat Herr Emil Lehmann schon früher speziell gegen die Beibehaltung dieser Ceremonie sich öffentlich ausgesprochen. Ich halte dieselbe