Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 29. Allgemeine OerÜn» 17. Juli 1891. ettung öes Zuöenthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uadlriuer Ludwig philippson-Konn Verlags-Grpedition: Lrrlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Vorsicht. — Zum Geburtstage von Leopold Zunz. Von Kgr. — Wissenschaft und Litteratur: Die religiösen Bräuche des Judenthums. Von Dr. D. H. Mayer. (Fortsetzung.) — Ueber die Niederschrift der mündlichen Ueberlieferung. Von Dr. S. Gelb haus. (Schluß.) — Die Flora der Bibel. Von Dr. Ludwig Karpeles. — Ludwig Chronegk. Von G. K. — Feuilleton: Geirrt und gebüßt. Von Albert Katz. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Gr.-Glogau, Jnowrazlaw, Bielefeld, Essen, Aus Württemberg, Wien, Königgrätz, Prag. Paris, Petersburg, Konftantinopel. — Bon Nah nnd Fern. — Svrechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten der Redaktion. Vorsicht. 6. K. Berlin, 14. Juli. Die politischen Zeitungen beschäftigen sich jetzt viel und oft mit den russischen Juden. Kein Tag vergeht, ohne daß ein Telegramm — sei es von Wolf, Hirsch oder Herold — die wundersamsten Nachrichten meldet. Bald ist Rothschild in Hamburg angekommen, bald Hirsch in Petersburg; heute wandern die russischen Juden nach Argentinien, morgen nach Palästina. Einmal sind in Krakau 500 arme Familien eingetroffen, ein zweites Mal in London gar mehrere tausend. Hier wird berichtet, daß ein Konsortium jüdischer Bankiers das heilige Land ankaufen will, dort spricht man von Cypern, von Arabien, von Kamerun und allen möglichen und unmöglichen Ländern der Welt. Der Sultan und der Zar, alle Fürsten und Großen marschiren als Förderer oder Gegner auf. Es ist ein buntes Gedränge, ein seltsames Gewimmel von Nachrichten, Ansichten, Mittheilungen und Berichten. All diesem Treiben gegenüber haben wir nur die eine Mahnung an unsere Glaubensgenoffen zu richten: Vorsicht! Vorsicht in der Aufnahme, Vorsicht in der Beurtheilung dieser Nachrichten, besondere Vorsicht aber im Handeln und Wirken nach dieser Richtung hin. Die große Theilnahme der Preffe für das Elend der russischen Juden rührt uns ja auf das Tiefste, wir wissen sehr genau, was wir dem Eintreten der europäischen Preffe auch in diesem Falle zu danken haben. Aber dies soll und darf uns keineswegs abhalten, allen Nachrichten, mögen sie aus London oder St. Petersburg, aus Paris oder Krakau kommen, kritisch ins Gesicht zu sehen und sie in jedem einzelnen Falle auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Da stellt sich denn freilich die Sache ein bischen anders. Die meisten von jenen Meldungen erweisen sich dann als unglaubwürdige Gerüchte, als Tatarennachrichten, die aber diesmal leider nicht den Fall Sebastopols, sondern das Unglück der armen russischen Emigranten treffen. Es ist begreiflich, daß eine Katastrophe, wie die russische, die seltsamsten Gedankenkreise, die abenteuerlichsten Vorstellungen, die widersprechendsten Gerüchte Hervorrust. Um so nothwendiger ist die äußerste Vorsicht, die strengste Kritik an den Meldungen der Tagesblätter. Nicht als ob diese etwa von schlechtem Willen diktirt wären —■ es sei fern von uns, dies zu behaupten! — wohl aber entspringen sie nur zu oft aus Unkenntniß der Verhältnisse, aus mangelhaften Informationen und, nicht zuletzt, aus einer Lust an Sensationsnachrichten, die vielleicht in dieser politisch stillen Zeit wohl zu entschuldigen ist. Für das Hilfswerk selbst entstehen aber durch diese falschen Nachrichten, wenn sie Glauben und Aufnahme finden, die größten Schwierigkeiten und Hinderniffe. Die Zeitungen warfen nur so mit den Millionen um sich, die für die russischen Emigranten gespendet worden. Dadurch wird das Sammeln in kleinen Kreisen erschwert, ja oft sogar gehindert. Sie berichten von unzähligen neuen Hilfskomitees in allen Hauptstädten der Welt, und dadurch wird die Arbeit der wirklich und zu Rechte bestehenden gekreuzt, die Verwirrung aber in allen Kreisen gesteigert. Zahlreiche Telegramme über die Ansichten des Sultans, die Kolonisation Palästinas betreffend, über die Absichten des Barons Hirsch hinsichtlich der Emigration nach Argentinien, über die Stellung der russischen Regierung zu der Frage der Auswanderung selbst schwirrten in den letzten Wochen durch den elestrischen Draht in die Spalten der Blätter: sie haben falsche Anschauungen verbreitet, trügerische Hoffnungen erweckt — und schließlich haben sie sich fast durchwegs als Falschmeldungen herausgestellt! Wahr ist nur das Eine vor Allem: das große grenzenlose Unglück, das die russischen Juden betroffen. Wahr ist ferner das Andere, daß die werkthätige Liebe der Juden in allen Ländern sich regt, um den Unglücklichen zu helfen. Wahr ist ferner, daß Baron Moritz von Hirsch in Paris einen großen Auswanderungsplan nach Argentinien ins Werk setzen will, daß Baron Edmond v. Rothschild dagegen die Kolonisation Palästinas zu fördern bestrebt ist; endlich, daß in Berlin das Central-Hilfskomitee das Hilfswerk in energischer, zielbewußter Weise ^betreibt und mit den Komitees in Königsberg und Hamburg gemeinschaftlich die Auswanderung der vertriebenen russischen Juden nach überseeischen Ländern lenkt. Das ist wahr — alles Uebrige ist mehr oder weniger der Phantasie, dem guten Herzen oder, was allerdings schlimmer ist, der Furcht, wenn nicht gar dem Sensationsbedürfniß entsprungen. Man weiß ja, wie in aufgeregten Zeiten die Phantasie geschäftig ihre Fäden webt und die fernsten Dinge mit den nächsten in eine seltsame Verbindung zu bringen weiß. Da wird denn auch gar oft „das Unzulängliche Ereigniß" — und „das Unbeschreibliche, hier ist es gethan!" Der Schaden aber, der für die Sache selbst aus solchen Phantasienachrichten entsteht, ist geradezu unberechenbar. Da es nicht