Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir. Fiedler und Redakteur Schmitt Vom hessischen Landeslehrerverein hervor, widmete warme Worte Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog und der Grobherzoglichen Regierung und ermahnte die Anwesenden zur Einigkeit. Der Vorsitzende verlas sodann die von ihm in Gemeinschaft mit den Herren Dr. Salfeld-Mainz und Marx-Alsheim seiner Zeit der Großherzoglichen Regierung überreichte Petition, welche in folgenden Sätzen gipfelt.: Grobherzogliche Regierung wolle dahin wirken, daß künftig nurgeprüfteLehrer als israelit ische R eligionslehrer angestellt werden, daß dieselben definitiv Anstellung finden und ein Minimalgehalt aufgestellt werde, daß kleinere Gemeinden zu Religionsschulsprengeln vereinigt und eine Snbventionskasse gegründet werde. Als direkte Wirkung der Petition bezeichnet der Vorsitzende den Erlaß des Ministerpräsidenten Finger an die Kreisämter, dahin wirken zu wollen, daß keine israelitische Gemeinde ohne Religionslehrer sei, und daß kleinere Gemeinden zu Schulsprengeln vereinigt würden. Ans der nun folgenden Besprechung ist hervorzuheben, daß von verschiedener Seite bemerkt wurde: die Vorstände der israelitischen Gemeinden müßten bei Regelung der fraglichen Angelegenheiten mehr Mitwirken und der Sache mehr Wohlwollen entgegenbringen. Alsdann erstattete Herr Ehrmann-Friedberg sein Referat über „Normallehrplan für die jüdische Religionsschule". Nach einer geschichtlichen Einleitung sprach er über Aufgabe des Religionsunterrichts, Lehrfächer, Eintheilung von Klassen und Abtheilungen, Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden, Vertheilung derselben auf die einzelnen Fächer und Vertheilung des Lehrstoffs auf die Schuljahre, über Stundenplan und Lehrbücher. Nach der jetzt folgenden Statutenberathung referirte Herr Marx-Alsheim über die von der Wittwe des seligen Herrn Klingenstein dem Verein überwiesene Bibliothek; sie wird wahrscheinlich in Darmstadt aufgestellt werden. Durch Erheben von den Sitzen drückt die Versammlung ihre Verehrung für Frau Klingenstein aus. Nachdem die Vorstandswahl erledigt, Frankfurt zum nächstjährigen Versammlungsort und die „Diskussion des Lehrplans" zum Verhandlungsthema bestimmt war, wurde die Versammlung in üblicher Weise geschlossen.. * Angsbnrg, 27. Juni. Ein beklagenswerther Unglücksfall hat hier große Trauer hervorgerufen. Es war gegen 7 Uhr Abends, als ein Gewitter ausbrach, das nur kurze Zeit währte, aber eine große Heftigkeit entwickelte und von einem wüthenden Orkan begleitet war. In den Anlagen der Stadt hat dieser vielen Schaden angerichtet; das schlimmste Unheil verursachte er in denjenigen am Gesundbrunnen. Dort hatten sich — einer alten Unvorsichtigkeit folgend — zwei Herren zum Schutz gegen den Regen unter einen starken Baum gestellt. Der eine war der hiesige Fabrikant Landauer, Inhaber der mechanischen Weberei in der Vorstadt Oberhausen, der andere fein Schwiegervater Herr Jacob Wolfs aus Frankfurt a. M., ein Mann von 72 Jahren, der bei ihm zu Besuch weilte. Plötzlich wurde der Baum von einem besonders heftigen Windstoß gefaßt und brach krachend um, mit solcher Schnelligkeit, daß die beiden Herren sich nicht mehr retten konnten. Der Baum traf die unten Stehenden, zerschmetterte Herrn Landauer beide Beine und traf den greisen Herrn Wolfs so unglücklich, daß er auf der Stelle verstarb. Auf einer Bahre wurde er nach dem israelitischen Friedhofe gebracht. In Folge telegraphischer Nachricht eilte einer der Söhne des Verstorbenen, Herr Dr. A. Wolfs aus Berlin herbei, welcher die Leiche nach Darmstadt zur Beisetzung in der Familiengruft geleitete. Herr Landauer liegt noch schwer verletzt darnieder. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 3. Juli. Jnr Abgeordnetenhause kam es heute zu einem ungeheuren Skandal. Der Antisemit Geßmann sprach bei dem Etat des Finanzministeriums, eiferte gegen die Liberalen und wurde von dem Präsidenten zur Sache gerufen. Ein Zwischenruf des Abgeordneten Wrabetz veranlaßte Schneider zu der Aeußerung: Da rührt sich wieder die Alliance Jfraelite! Abg. Wrabetz: Sie sind wiederholt der Stampiglienfälschung beschuldigt, ohne sich zu wehren. Sie haben ein Recht zu reden! (Unruhe, Glockenzeichen des Präsidenten.) Schneider verlangt den Ordnungsruf für Wrabetz. (Großer Lärm. Rufe links: Ruhe!) Ich lasse mir nicht Ruhe befehlen! Abgeordneter Wrabetz: Ein Mann, der öffentlich des Versuchs der Verleitung zu falschen Zeugenaussagen vor Gericht beschuldigt wird — (lärmende Unterbrechung durch die Antisennten.) Abg. Geßmann: Lügner! (Rufe links: Ausreden lassen!) Abg. Wrabetz fortfahrend: Ein Mann, der öffentlich beschuldigt wird, daß er Graveure zur Anfertigung falscher Stampiglien verleiten wollte — (neue Unterbrechungen) — ein Mann, der den Zuruf Zuchthäusler, der im Hause gegen ihn fiel, auf sich sitzen läßt! (Lueger: Weil er nichts dagegen thun kann!) Wrabetz fortfahrend: Ein solcher Mann ist nicht im Staude, einen anständigen Menschen zu beleidigen, und ich werde mich auch durch keine Aeußerung dieses Abgeordneten beleidigt fühlen. (Lebhafter Beifall imb Händeklatschen links.) Abg. Troll: Gut gebrüllt, Löwe! Wrabetz: Das ist der Kronzeuge für den Kindermord! * Lemberg, 6. Juli. Wie die Blätter aus Kiew melden, forderte der Gouverneur von Zytomir, General Jankowski, vor seiner Urlaubsreise die Bezirksbehörden auf, gegen die Judenschaft ällerstrengstens vorzugehen, wenn sie sich nicht dem Verdacht der Bestechlichkeit anssetzen wollten. * Budapest, 6. Juli. Der Erzbischof von Catocha, Haynald, ist gestern gestorben. Als der Antisemitismus in Ungarn drohend sein Haupt erhob, in den Komitaten jenseits der Donau und im Oberlande bereits Blut gefiossen war, richtete er einen flammenden Hirtenbrief an seine Gläubigen, in welchem die goldenen Worte geschrieben standen: „Der Antisemitismus — nennen wir doch das Kind beim rechten Namen — verdient überall, wo er wüthet und die Feindseligkeit gegen die Juden schürt oder gar in blutigen Exzessen losbricht, die Verdammung eines jeden vernünftigen Geistlichen, der da weiß, daß wir die Diener jener Religion sind, welche das göttliche Symbol der Liebe zu den Menschen vorausträgt und selbst zum Zwecke der Verfolgung oder Bestrafung des entschieden Bösen weit eher die Barmherzigkeit Gottes, als die Mittel des Hasses zu Hilfe ruft. Es ist daher eifrig und fromm Alles zu vermeiden, die Bewegung gegen die Juden wie der sogenannte theoretische Antisemitismus, von dem man im Voraus nicht absehen kann, welche Formen er schließlich annehmen werde. Das Eine wissen wir: woher jede solche Bewegung stammt und wie sie im Anfang aussieht: aber wie weit sie gehen wird, wohin sie gelaugt, welche Gestalt sie in der Empörung des Volkes und in der Aufwühlung der menschlichen Leidenschaften annehmen wird, das vermag Niemand vorherzusagen. Im Namen der christlichen Menschenliebe muß daher zum Schutze der verfolgten Juden das Symbol unseres Glaubens, das Kreuz, erhoben werden." Großbritannien. * London, 30. Juni. Auf der unter dem Vorsitz des Abgeordneten Sir Julian Goldsmid abgehaltenen 20. Jahresversammlung der anglo-jüdischen Association gelangte der Bericht des Vereins zur Verlesung, welcher sich eingehend mit den russischen Judenverfolgungell beschäftigte. Es heißt in demselben: „Das Problem der Rettung der Millionen Juden in Rußland aus ihrer unglücklichen Lage ist eines der schwierigsten in der modernen Geschichte des Judenthums. Reichen jedoch die Juden der ganzen Welt hilfreich ihre Hand und werden weise Maßregeln eingeschlagen, sei es mm, um sie allmählich nach geeigneteren Ländern überzuführen oder aber ihre Lage in Rußland selbst zu verbessern, so ist Aussicht zu der Hoffnung vorhanden, daß das unglückliche Loos der russischen Israeliten in nicht zu ferner Zeit eine wesentliche Besserung erfahren wird." Sir Julian Goldsmid erklärte im Verlaufe feiner Ansprache, daß Baron Hirsch, welcher eine Kommission nach Argentinien entsandt habe, von dem enormen Reichthum des Landes überzeugt sei.. Der Baron hätte deshalb ein bedeutendes Areal in der südamerikanischen Republik angekauft, um auf demselben kleine Abtheilungen jüdischer Landleute anzusiedeln. Was die Verfolgungen in Rußland anbeträfe, so würde jetzt alle 14 Tage in London ein kleines Blatt erscheinen, welches sich diesem Gegenstand ausschließlich widmen solle. Nach Sir Julian Goldsmid ergriff der Oberrabbiner das Wort zu einer Rede hinsichtlich der Kolonisation Palästinas durch die Juden. Die Bewegung würde nur dann Erfolg haben, so erklärte er, wenn die Kolonisten durchweg Landleute und geschickte Handwerker wären. Rußland. * Petersburg, 30. Juni. In den Städten Rußlands, wo die Ausweisungen der Juden mit aller Strenge durchgesührt wurden, beginnen die wirthschaftlichen Folgen dieser Maßregel sich bereits fühlbar zu machen. So hat in Kiew eine namhafte Preissteigerung in jenen Artikeln Platz gegriffen, welche speziell von jüdischen Kaufleuten und Agenten geliefert wurden. Außerdem wird in dem Kommunaleinkommen ein Ausfall von Abgaben wahrgenommen, der auf einige Hunderttausende von Rubeln beziffert werden kann und schon gegenwärtig im