Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Beamte der Synagogen-Gemeinden, deren Wittwen und Waisen in den Provinzen Ost- und Westpreußen und Pommern statt. Aus dem Kassen- *' berichte ersehen wir, daß das Vermögen der Kasse, welche aus dem - früheren „Verein zur Unterstützung jüdischer Lehrerwittwen uitb -Waisen »■ Pommerns" hervorgegangen ist, auf ca. 8370 Mark gestiegen ist. Die ersten fünf Jahre durfte die Kasse statutenmäßig keine Beihilfe gewähren. Während der dreijährigen Thätigkeil hat dieselbe an eine Wittwe 500 Mark, an eine andere 700 Mark und an eine dritte Wittwe für ein halbes Jahr 215 Mark Beihilfe gezahlt. Der Vorsitzende ist Herr Rechtsanwalt Dr. Meyer, Rendant Herr Leopold Perls und Schriftführer Herr Lehrer Benjamin Schreiber, sämmtlich in Danzig. Die Statuten des Vereins haben die Genehmigung der Herren Minister des Innern und des Kultus erhalten. Im Interesse der Kultusbeamten oben genannter Provinzen liegt es, wenn sie dieser Kasse, die bereits so segensreich gewirkt hat, beitreten würden. Es ist auch der jährliche Beitrag je nach dem Alter 10—30 Mark im Verhältniß zu den Leistungen der Kasse ein geringer. * Könitz, 30. Juni. Infolge eines Herzschlages verstarb hier geftexu plötzlich und ohne vorher ernstlich krank gewesen zu sein der Stabsarzt a. D. Herr Dr. Wilhel m Joseph im Alter von 58 Jahren. Der Dahingeschiedene war am hiesigen Orte seit etwa dreißig Jahren als Arzt thätig, während welcher Zeit er in reichem Maße Gelegenheit fand, insbesondere in seiner Eigenschaft als städtischer Armenarzt, sein Wissen und Können in den Dienst der Menschenliebe zu stellen. So wirkte er in rastloser Thätigkeit bis zu seinem Lebensende. Das Vertrauen seiner Mitbürger hatte ihm mancherlei Ehrenämter übertragen, von denen wir hier nur das des stellvertretenden Vorstehers der Stadtverordnetenversammlung nennen wollen, welches er bis vor wenigen Jahren andauernd verwaltete, 2 uch innerhalb der jüdischen Gemeinde hat er sich durch Wohlthun und liebevolle Opferwilligkeit hervorgethan. Er war Mitbegründer und Arzt der „Chewra kadischa", des Wohlthätigkeits-, wie des Waisenvereins. Die Feldzüge von.1866 und 1870/71 machte Herr Dr. Joseph als Stabsarzt in Feindesland mit und leitete li. A. aus französischem Boden, in Epernay, längere Zeit ein Feldlazareth; aus letzterem Kriege kehrte er mit dem Eisernen Kreuz geschmückt zurück. Die Bevölkerung hiesiger Gegend wird dem nun Hingeschiedenen ein ehrendes Andenken bewahren. * Ratibor, 1. Juli. Herr Baron Albert von Rothschild in Wien, der gegenwärtig in Paris weilt, hat gleich seinem Bruder Nathaniel v. Rothschild Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal zur Unterstützung der russischen Juden zehntausend Mark zur Verfügung gestellt. * Samter, 28. Juni. Unter äußerst reger Theilnahme der Bewohner Samters und weiter Umgegend fand am heutigen Nachmittag auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe die Beisetzung des am 26. d. M. infolge eines Herzschlages im Alter von 75 Jahren verstorbenen Lehrers em. Kremm statt. Die Liebe und Verehrung, deren der Dahingeschiedene sich während seines Lebens allseitig zu erfreuen hatte, bewies am Tage seiner Bestattung die allgemeine Theilnahme. Fast sämmtliche jüdischen Gemeindeglieder bis zu Leuten in den Sechzigern sind ja seine Schüler gewesen. Vor etwa 50 Jahren kam Kremm aus seiner Vaterstadt Tirschtiegel hierher, um die Verwaltung einer Lehrerstelle an der damals Hierselbst neu begründeten jüdischen Volksschule zu übernehmen. 48 Jahre hindurch hat er mit seltenem Eifer und Fleiß an ein und derselben Stelle in seinem Berufe gewirkt, bis er vor ungefähr zwei Jahren in den wohlverdienten Ruhestand trat. Die hiesige jüdische Schulgemeinde hat ihn damals in Anerkennung seiner Verdienste um die Schule nach erfolgter Genehmigung der Regierungsbehörden mit seinem vollen Gehalte pensionirt, um ihm einen sorgenlosen Lebensabend zu bereiten. Er war einer der Begründer des Samterschen Kreislehrer-Vereins, war langjähriges Mitglied des Pestalozzivereins für Samter und Umgegend, mehrere Jahre hindurch Vorstandsmitglied des hiesiaen Darlehnsvereius und endlich Rendant des jüdischen Vorschußvereins Hierselbst. In der Führung all seiner Aemter zeigte er sich bis an sein Lebensende gewissenhaft und rechtschaffen. Seinem Leichenzuge folgten viele seiner ehemaligen Schüler, die sämmtlichen hiesigen jüdischen Schulkinder, der Lehrerverein, der Korporationsvorstand, das Repräsentantenkollegium, das Kuratorium der Religionsschule und viele Bekannte und Freunde des Verstorbenen. Auf dem Friedhofe hielt Rabbiner Dr. Wreschner die Grabrede, während der Lehrerverein für Samter und Umgegend das Rittersche Grablied: „Begrabt den Leib u. s. w." vortrug. + Stolp, 30. Juni. Gestern Abend fand im hiesigen Schützen- Hause zum Besten der russisch-jüdischen Flüchtlinge ein Wohlthätigkeitskonzert statt, veranstaltet vom hiesigen Synagogenchorverein unter gütiger Mitwirkung des Mannergesangvereins und der gesammten Hnsarenkapelle. Trotzdem der Tag wegen der herrschenden Hitze zu einem Konzert im geschlossenen Raume wenig geeignet zu sein schien, so war doch der große Schützensaal fast bis auf den letzten Platz gefüllt, und ist namentlich eine starke Betheiligung seitens der christlichen Bevölkerung zu verzeichnen, was besonders hervorgehoben werden muß, da unsere Stadt sonst von einem ziemlich starken antisemitischen Geist beherrscht wird. Um das schöne Gelingen des Konzerts, dessen materieller Ertrag ein beträchtlicher war, haben sich außer der dankenswerthen und rühmlichen Betheiligung des Männergesangvereins und der Hnsarenkapelle ganz besonders der Synagogenchor, dessen Vorstandsmitglieder, die Herren Oskar Cassel und Emil Freundlich, und dessen Dirigent, Herr Kantor Meherowitz, in hervorragendem Maße verdient gemacht. Bei dieser Gelegenheit sei auf unfern Synagogenchor zur Nachahmung besonders aufmerksam gemacht. Derselbe besteht ans Damen und Herren unserer Gemeinde und wurde vor einigen Jahren von unserem Kantor zur Verherrlichung des Gottesdienstes durch dir weihevolle Macht der Musik ins Leben gerufen. Die Leistungen des Vereins, welcher auch über gute solistische Kräfte verfügt, müssen selbst vom Standpunkte einer strengeren Kritik als sehr respektable bezeichnet werden, sie werden aber durch den Fleiß des Dirigenten und durch die materielle und ideelle Unterstützung, welche hervorragende Mitglieder unserer Gemeinde ihm angedeihen lassen, immer mehr vervollkommnet. Wir sind überzeugt, daß in vielen andern deutschen Städten ähnliche Gesangvereine unschwer gegründet werden könnten, nur bedarf es der kräftigen Initiative einiger Männer, welche sich für den synagogalen Chorgesang interessiren und die geeigneten Gesangskräfte aus der Gemeinde um sich zu schaaren verstehen. Versuches nur, es geht! (Vgl. auch den Artikel von A r n o l d B u d w i g in Nr. 16 dieser Zeitung.) □ Aachen, 29. Juni. In Folge der Thätigkeit des hiesigen unter der Leitung des Rabbiner Dr. Jaulus stehenden Hilfskomitees insbesondere eines von demselben erlassenen öffentlichen Aufrufes an die Mitbürger hiesiger Stadt, sind hier bereits annähernd Mk. 17,000 für die russischen Ansgewiesenen eingegangen. Erfreulich ist es, daß sich an diesem Hilfswerk unsere christlichen Mitbürger, sowohl was die Zahl der Beitragenden als die Höhe der Beiträge betrifft, in hervorragender Weise betheiligt haben. O Hannover, 1. Juli. Am 19. Juni starb in Hannover Frau Kate L e v e r s o n im Alter von 52 Jahren. Sie war die Vorsteherin des wohlbekannten jüdischen Pensionats in Hannover. Zu Bristol geboren, siedelte sie später mit ihren Eltern, Herrn und Frau Hyam, nach London über. Später eröffnete sie in Güttingen eine Schule und zog dann nach Hannover, wo das von ihr gegründete Pensionat einen Weltruf erhielt. Frau Leverson hatte das Glück, vor ihrem Tode ihre vier Kinder gut versorgt zu sehen. * Marburg, 26. Juni. Gelegentlich einer Versammlung der hessischen Geistlichen in unserer Stadt fand eine Besprechung derselben über den Antisemitismus und die Stellung der Geistlichen zu dieser Frage statt. Das Gesammtbild läßt sich dahin zusammeufassen daß alle anwesenden Geistlichen ohne Ausnahme ihre Mißvilligung über das Umsichgreifen des die christliche Nächstenliebe höhllendenAntisemitismus aussprachen und dafür eiutraten, durch Wort und Schrift gegen weiters Verbreitung thätig sein zu wollen, denn die hessischen Pfarrer seien durchweg keine Antisemiten. Hoffentlich bestätigt sich Dieses im vollen Umfange in der Praxis, wodurch manches landläufige Vornrtyeil beseitigt werden dürfte. Djg. Darmstadt, 11. Juli. Am 21. Juni fand hier die erste ordentliche Generalversammlung des israelitisch en Lehr er Vereins des Großherzogthums Hessen statt. Es waren mehr als 60Lehrer und verschiedene Rabbiner anwesend. Der Vorsitzende gedachte der verstorbenen Kollegen Klingenslein-Ober-Ingelheim und Hirsch-Bieberau in ehrenden Worten. Die Vorstände der israelitischen Gemeinde und der israelitischen Religionsgesellschast in Darmstadt begrüßten die Versammlung und betonten, welches Interesse sie den Bestrebungen des Vereins entgegenbringen. Herr Dr. Salfeld-Mainz begrüßte die Versammlung als Delegirter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und im eigenen Namen, theilte mit, daß der Gemeindebund 100 Mk. zur theilweisen Vergütung der Reisekosten der Verfammlungsbesucher bewilligt habe, hob die ehrende Anwesenheit der Herren Obmann Backes,