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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-07-10 · Heft 28 (10.7.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 28 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Kzewer Gemeinderathe ernste Besorgnisse Hervorrust. Inzwischen fahren die Behörden mit der strengen Vollziehung der Ausweisungsbestimmungen gegen-Hie Juden fort. Der Gouverneur von Volhynien hat in einem neuerlichen Circular denjenigen Bezirksvorstehern, die sich eine laxe Hand- , habugg der für die Erwerbung von Grundbesitz durch Juden gellenden Einschränkungen zu Schulden kommen lassen sollten, die strengsten Maßregelungen angedroht. Die Auswanderung nimmt täglich an Umfang zu. * Petersburg, 2. Juli. Der Stadthauptmann von Petersburg, Grosser, hat ungeordnet, daß, um dem unberechtigten Aufenthalt von Juden in der Residenzstadt vorzubeugen, die jüdischen Handwerber beim Verlassen von Petersburg sofort aus den betreffenden Zunstlisten zu streichen und ihre Familien und Angehörigen an die Orte ihrer Seßhaftigkeit abzufertigeu find. — Es vergeht fast kein Tag ohnk neue Verfolgungsmaßregeln. — Der Abgesandte des Barons HirscheMr. Whüte, kehrte von seiner Reise durch die besonders stark von Juden bewohnten Gegenden Rußlands hierher zurück und fand wiederum hier viel Entgegenkommen^ Herr v. Giers lud ihn auf seine finnische Besitzung für zwei Tage ein, wohin gleichzeitig auch der englische Botschafter Sir R. Morier reisen wird. Ueberhaupt interessiren sich viele hohe russische Würdenträger für Mr. White, weil er endlich die unverfälschte Wahrheit über die Lage der russischen Juden aussagt; ihr besonderes Erstaunen erregt seine bestimmte Erklärung, daß die jüdischen Ackerbaukolonien Südrußlands sich in vortrefflichen Zuständen befinden, was bekanntlich die russischen Berichte bisher bestritten. Das durch die Ausweisungen in den Judenfamilien geschaffene Elend sei herzzerreißend. * Moskau, 28. Juni. Der „Nowoje Wremja" zufolge hat der russische Ju st iz min ist er den Neichsrath aufgefordert, die Nothwendigkeit der Fortsetzung außerordentlicher Strafbestimmungen gegen offene Angriffe eines Theiles der Bevölkerung gegen andere auf Grund von Religions-, Rassen- oder Klassenhaß oder irgend welcher wirthfchaftlichen Beziehungen zu prüfen. Die Strafen sollen sehr streng bemessen werden: Deportation nach Sibirien, Einreihung in ein Strafbataillon auf 8 Jahre rc. Die „Now. Wrem." äußert die größte Ueberraschung über diesen Schritt, zu dem jeder Anlaß fehle, und in der That, so heuchlerisch das Staunen der „Now. Wrem." ist, so erklärlich ist es doch andererseits angesichts des Verhallens der russischen Regierung selbst gegen die Protestanten in den Ostseeprovinzen re. und gegen die Juden, daß ein Blatt, wie das genannte, sich hinter diesem Verhalten zu verstecken sucht. Die Erklärung des anscheinend widerspruchsvollen Verfahrens der russischen Regierung liegt offenbar darin, daß sie bie Leitung der nationalistischen und orthodoxen Verfolgung fest in der eigenen Hand halten will. Den nächsten Anlaß zu dem Schritte des Justizministers scheint eine vor etwazwei Wochen stattgehabte sehr starke Ausschreitung gegen die Juden in dem Orte Makavinka, Gouvernement Pokratinoslaw gegeben zu haben. * Warschau, 3. Juli. In Smolensk wurden die Juden durch den Polizeimeister verständigt, sie müßten entweder die Stadt verlassen oder Christen werden. Sie versammelten sich in der Synagoge zu einem Trauergottesdienst, der Rabbiner ermahnte sie, ihrem Glauben treu zu bleiben, was die Anwesenden auch gelobten. .Binnen zwei Tagen hatten sie die Stadt verlassen. Niemand ließ sich bekehren. Auch an anderen Orten gehen die Regierungsorgane mit der größten Barbarei gegen die Juden vor, sogar gegen unmündige Waisenkinder. Ein im Sterben liegender Wittwer erhielt den Ausweisungsbefehl. Tags darauf verstarb er, worauf sein Bruder sich seiner Kinder annahm. Die Polizei verfügte die sofortige Ausweisung der beiden unmündigen Kinder. Der Oheim bat um Zurücknahme der Ausweisung, worauf die Kinder bis zur höheren Entscheidung ins Gefängniß gesperrt wurden. U Non Nah und Fern. — Der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Littera 1 ur" veranstaltete am 7. Juli eine Gedächtnißfeier zur Erinnerung an sein verstorbenes Ehrenmitglied. Herrn Dr.J m ma nuel R itter. — Es hat an vielen Stellen unangenehm berührt, daß die Erträge der Wohlthätigkeitsveranstaltungeu zu Gunsten der russischen Juden (Philharmoniefest und Bazar) nicht an das deutsche Eentralkomitee abgeliefert worden sind, sondern daß die Veranstalter dieselben ohne jede Rücksicht aus die bestehende Organisation selbst zur Verkeilung bringen wollen. Es dürfte dies weder im Interesse der Sache, noch rm Sinne der Geber sein. — Der Architekten-Verein besichtigte kürzlich die im Bau begriffene Synagoge in der Lindenstraße. Die Führung übernahmen die Herren Cremer und Wolfenftein. — Der Prinzregent Luitpold von Bayern hat den Privatier Anton Berliner in Anerkennung seines langjährigen gemeinnützigen Wirkens, zumal in Bethätigung für den Verein der Obsorge entlassener Sträflinge, mit der Verleihung des Michaesordens vierter Klasse ausgezeichnet — In Oldenburg, welches bisher von der antisemitischen Epidemie verschont war, werden schüchterne Hetzversuche gemacht. Das „Oldenburg. Tageblatt", welches sich eine „unparteiische Zeitung" nennt, scheint, weil es zu immer größerer Bedeutungslosigkeit herabsinkt und bei keiner anständigen Partei Anklang findet, es mit dem Antisemitismus versuchen zu wollen. Da dieser aber glücklicherweise dort keinen Boden hat, dürste jene Spekulation eine verfehlte sein. — Das am vorigen Sonntag von den Antisemiten geplante „große Volksfest" in Sandbach ist noch in letzter Stunde auf Intervention des Kreisamts Erbach durch das MiNisterium insofern eingeschränkt worden, als die Behörde sowohl das Halten von Reden im Freien wie auch von Tanzmusik überhaupt untersagte. Dr. Böckel sprach deshalb in der Scheuer von einer improvisirten Tribüne aus zu den kaum 500 Köpfe zählenden Teilnehmern, von -denen er wohlein Drittel mitgebracht hat. — Herr Rabbiner Dr. David Rothschild in Alzey ist am 1. Juli in den Ruhestand getreten und hat in Burtscheid bei Aachen seinen Wohnsitz genommen. — Ein Antisemit der That, der Handarbeiter Huther aus Barchfeld, der am Nachmittage des 6. Mai d. I. den jüdischeil Handelsmann Marcus Klaar aus Ettenhausen ermordete und dann seiner Baarschaft von 25 Mark beraubte, ist vom Schwurgericht in Meiningen zum Tode durch den Strang verurtheilt worden. — Die philosophische Fakultät ber Universität Straßburg hat das sog. Engelmann-Stipendium (zur Unterstützung junger Historiker und Geographen) in Höhe von 2480 Mark einem Berliner, Herrn Ludwig Lewinski, zugesprochen. ' — Der Neusatzer jüdische Tempel wurde dieser Tage erbrochen; die Thäter öffneten die Sammelbüchse des Frauenvereins, deren Inhalt seit vier Jahren nicht herausgenommen worden war, also ziemlich bedeutend sein mochte. — Aus Mattersdorf (Ungarn) wird berichtet: Auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe wurden von unbekannten Thätern 48 Grabsteine aus den Grabhügeln gerissen und zum Theil zerschlagen. — Herr Dr. Abraham S. Feuerstein, der Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Steinbruch, ist nach längerem Leiden an den Folgen eines Sturzes im 52. Lebensjahre gestorben. — In Lemberg scheint die bevorstehende Rabbiner wähl zu einer Agitatioll der wüstesten Art zu führen, an welcher leider auch Männer, die an der Spitze der Gemeindeverwaltung stehen, betheiligt zu sein scheinen. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Stimmen- . Zersplittermlg eintreten, wodurch die Rabbinerwahl wieder in die Länge gezogen werden wird. — Den neuen statistischen Ausweisen zufolge zählte Galizien am 31. Dezember 1890 6,607,816 Einwohner, worunter 772.213 Juden das ist. ca. 11,75 Prozent. — Da die Juden an allem Uebel schuld sind, so muß natürlich auch der geringe Erfolg der deutschen Ausstellung in London auf ihr Konto gesetzt werden Das ist wenigstens die Logik des Londoner Korrespondenten der „Kreuz-Zeitung".. Natürlich stecken die bösen Juden mit der bösen Regierung unter einer Decke. — Auch die folgende Notiz zeigt, daß die Sommerschwüle in den Spalten der „Kreuz-Zeitung" sich bemerkbar macht. Diese Zeitung will nämlich wissen, Wischnegradski wolle gegen. Rothschild wegen Zurückziehung feiner Unterschrift unter dem letzten russischen Anleiheprospekt eine Entschädigungsklage anstrengen. — Aus Konstantinopel verlautet, daß die Regierung gegen die Ansiedelung von Juden in Palästina nichts eirlzuwenden habe. Sie werde aber auf keinen Fall eine organisirte, gemeinschaftlicheMasseneinwanderung erlauben. — Der Direktor der Schulen der „Alliance Jsraälite" in Beirut, ein junger Oesterreicher Namens Bondy, entleibte sich durch einen Nevolverschuß. Das Motiv zu dem Selbstmorde ist unbekannt. — Herr Dr. Samuel Adler, früher Rabbiner in Alzey (Hessen) und dann langjähriger Rabbiner der New-Uorker Emanuel-Gemsinde, ist' iin Alter von 82 Jahren verschieden. Derselbe war ein Söhn des Rabbiners Adler in Worms. Druck und Verlag von Rudolf Molse in Berlin. Verantwortlich für die'Redaktton: Max B auch Witz in'Berlin.

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